Home
http://www.faz.net/-gpg-731x2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Mohammed-Video Neonfische für Deutschland

 ·  Manfred Rouhs und Lars Seidensticker sind „pro Deutschland“. Sie wollen in Berlin das Mohammed-Video „Unschuld der Muslime“ zeigen und wurden dafür auf die Todesliste gesetzt. Ein Besuch.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (58)
© Prisma Bildagentur Kein Schwarm: Es waren mal zehn, nun sind es noch neun.

Berlin. Im Leben von Manfred Rouhs gibt es zwei Dinge, die wichtig sind: Politik und Fische. In seinem Büro blubbert der Filter eines 500-Liter-Aquariums. Die Unterwasserlandschaft ist säuberlich angelegt und bepflanzt, aber bis jetzt hat er nur ein paar Antennenwelse und zehn Neonfische angeschafft. „Einer ist mir in der Nacht nach dem Einsetzen gestorben, nun sind es nur noch neun.“ Ein richtiger Schwarm ist das noch nicht.

Aber Rouhs hat große Pläne, mit den Fischen und in der Politik. Dabei meidet er das Wort „Politiker“. Denn das sind die anderen, die „Etablierten“, die, von denen die Leute die Nase voll haben. Zu denen gehört Rouhs nicht, obwohl er schon seit mehr als dreißig Jahren dabei ist, immer am rechten Rand, immer ein Außenseiter. Von den „Jungen Nationaldemokraten“ über die NPD bis zu den Republikanern führte sein Weg, jetzt ist er Vorsitzender der „Bürgerbewegung pro Deutschland“. Das Haar ist dem 47 Jahre alten Rouhs darüber grau geworden.

Manfred Rouhs kommt aus Krefeld, im Westen von Westdeutschland, wo man, wie er sagt, in den achtziger Jahren nichts mehr mit der Wiedervereinigung am Hut hatte. Er wollte dafür kämpfen. Deshalb verließ er die Junge Union, in die er mit 14 eingetreten war, und ging zur NPD. Jetzt sitzt Rouhs in einem Büro östlich der Allee der Kosmonauten in Berlin- Marzahn, wo die deutsche Hauptstadt so aussieht wie die Vororte von Moskau.

Mit einem Schlag weltweit bekannt

„pro Deutschland“ ist hier, weil die Mieten niedrig sind und die Wahlergebnisse doppelt so hoch wie im Berliner Durchschnitt. Zuletzt verlief die Senatswahl in Berlin „sehr enttäuschend“. „pro Deutschland“ holte 1,2 Prozent. Auch die letzte Kundgebung Mitte August blieb hinter den Erwartungen zurück. Dabei hatten sie sich etwas ausgedacht, was schon im Vorfeld für Aufregung sorgte: Sie stellten sich vor Berliner Moscheen und hielten die Mohammed-Karikaturen hoch. Es kamen nur zwei Dutzend Teilnehmer.

Doch seit der vergangenen Woche ist „pro Deutschland“ mit einem Schlag bundesweit bekannt. Sogar weltweit. Denn Rouhs hat angekündigt, den Film „Unschuld der Muslime“ in Berlin zu zeigen. Zur Filmvorführung, die für November geplant ist, lud Rouhs den islamfeindlichen Prediger Terry Jones ein. Doch der bekam Einreiseverbot. Der Film und Jones waren nicht Rouhs Idee, sondern die von Lars Seidensticker, dem Geschäftsführer von „pro Deutschland“.

Rouhs und Seidensticker sind „pro Deutschland“. Rouhs ist der Kopf, der Vordenker, der argumentieren und reden kann. Ein Mann, der mit Krawatte zu Kundgebungen erscheint und von sich selbst als „meine Wenigkeit“ spricht. Seit dreißig Jahren sucht Rouhs einen Platz zwischen dem rechten Rand der Union und der rechtsextremen Szene. Aus der NPD - „das sind echte Nazis“ - wurde er in den achtziger Jahren ausgeschlossen. Nazi-Symbole, NS-Apologetik, Springerstiefel - das ist alles nicht seins.

Aber in seinem Bücherregal stehen zwei Bände über „Die Germanen“ und das „Handbuch zur deutschen Nation“. Rouhs spricht ohne Schaum vor dem Mund, aber auch ohne Charisma, eine ganz und gar unauffällige, etwas übergewichtige Erscheinung mit Jeans, Hemd und einer Brille mit durchsichtigem Plastikgestell. Wenn sie Plakate an Laternenmästen aufhängen, ist Rouhs der, der unten die Leiter hält. Er ist nicht schwindelfrei.

Seidensticker ist dagegen der Sportliche, der unter Hobbys Krafttraining und Fitness aufzählt. Er ist der, der die Sprüche macht: „Das ist unser Land, und hier sagen wir, wo es langgeht. Wem das nicht passt, der kann gehen.“ Der gelernte Brauer und Mälzer von Ende dreißig ist erst seit drei Jahren hauptamtlich bei „pro Deutschland“ dabei. Davor war er jahrelang ehrenamtlich für die Republikaner in der Kommunalpolitik. Und er war es, der im nordrhein-westfälischen Wahlkampf die Kampagne für „pro NRW“ organisierte, bei der es zu schweren Zusammenstößen mit muslimischen Extremisten kam.

Mit Polohemd und dunkler Hornbrille würde man ihn eher beim RCDS verorten. Neben „pro Deutschland“ hat er den „Eigentümerverbund Ost“ gegründet, der sich für „die juristische Verwirklichung der Eigentumsansprüche der Heimatvertriebenen und ihrer Nachfahren“ einsetzt und Erika Steinbach als Leisetreterin abtut. Seidensticker lebt getrennt von seiner Familie, er lebt für die Arbeit, in den vergangenen drei Jahren hat er zwei Wochen Urlaub gemacht. Auf seiner Website steht ein Zitat von Wilhelm II., das mit den Worten beginnt: „Hart sein im Schmerz...“

Eine Bürgerbewegung, keine Partei

Sie nennen sich nicht Partei, sondern Bürgerbewegung. Das klingt nach Bürgern und Montagsdemos, nach Widerstand gegen ein undemokratisches System, nach ganz vielen, die von unten kommen. Zu ihren Versammlungen mittwochabends erscheinen zwischen neun und fünfzehn Leuten, sagt Rouhs. In Berlin hat „pro Deutschland“ nach seinen Angaben 150 Mitglieder, deutschlandweit seien es, wenn man „pro Köln“ und „pro NRW“ mitzählt, etwa 1.000.

Der Berliner Verfassungsschutz bezeichnet „pro Deutschland“ als „rechtspopulistische Bewegung, die wir genau im Blick haben und die in jüngster Zeit wiederholt mit provozierenden und beleidigenden Aktionen Aufmerksamkeit erregte“. Die Vereinigung habe keine überregionale Struktur, „pro Berlin“ sei der einzige aktive Landesverband. „pro Köln“ und „pro NRW“, die als unabhängige Organisationen gelten, werden dagegen vom Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen als rechtsextremistisch und verfassungsfeindlich eingestuft.

Manfred Rouhs kommt von „pro Köln“, saß sieben Jahre lang für die Partei im Stadtrat, organisierte dort den Widerstand gegen die Ditib-Moschee. Als rechtsextrem will er sich nicht bezeichnen lassen. „pro Deutschland“ wolle „das wertkonservative und freiheitliche Feld“ besetzen, sagt er. 

Der Film müsse wegen „Diskussionsbedarf“ gezeigt werden

Das Dreizimmerappartement von „pro Deutschland“ liegt in einem Büroblock aus den neunziger Jahren zwischen Parkhaus und Fitnessstudio. Im mittleren Zimmer sitzen drei Männer, zwei Weißhaarige und ein Junger mit Zopf und Filzhut. Sie kleben das Parteiblättchen in Plastiktüten für die Wurfsendung. „Irre hohe Hartz-IV-Quoten bei Ausländern“ lautet die Schlagzeile. Aus den Fenstern würde man auf das Parkhaus blicken, wenn sie nicht mit Folie verklebt wären - aus Sicherheitsgründen.

Die Tür zum Flur wird immer abgeschlossen. Das habe die Polizei ihnen geraten, sagt Seidensticker, „wegen der Fatwa“. Vor einigen Tagen hat ein ägyptischer Salafist Rouhs und Seidensticker zusammen mit dem Produzenten und den Schauspielern des Films „Unschuld der Muslime“ auf die Todesliste gesetzt.

Seidensticker kam die Idee mit dem Film, als er die Proteste sah. Terry Jones wurde dann in einem Artikel erwähnt. Er sei ihm als „kompetenter Ansprechpartner“ erschienen, sagt Seidensticker. Außerdem hatte man einen direkten Draht. Jones stand jahrelang in Köln einer freikirchlichen Gemeinde vor, bis diese ihn 2008 hinauswarf. Rouhs sagt, er wolle den Film zeigen, weil er „Diskussionsbedarf“ sieht. Aber die Aktion entspricht auch genau dem Schema der Provokation, das „pro Deutschland“ mit den Mohammed-Karikaturen verfolgt: den Muslimen zeigen, dass sie das ertragen müssen.

Maximale öffentiche Beachtung

Die Extremisten zu Gegenreaktionen anstacheln. Und maximale öffentliche Beachtung erzielen. „An Leute herankommen“ nennt Rouhs das. Wer so schwach organisiert sei, müsse den Durchbruch eben „auf andere Art“ erzielen.

Man dürfe den Muslimen nicht das Zugeständnis machen, „dass sie, weil ihre Religion so rückständig ist, den Krummdolch zwischen die Zähne stecken und den Heiligen Krieg ausrufen dürfen, wenn ihr Prophet durch den Kakao gezogen wird“, sagt Rouhs. Wenn der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime vor Ausschreitungen warnt, versteht Rouhs das als Drohung. „Wer so argumentiert, ist offenbar nicht integriert in die deutsche Gesellschaft. Er sollte seine Zukunft nicht hier bei uns in Deutschland suchen.“

Im November, wenn die geschnittene Schlussfassung des Films fertig ist, will „pro Deutschland“ ihn zeigen, vermutlich in einer Lagerhalle, weil sich bisher kein Kinobetreiber bereitfindet. Dass die Vorführung verboten wird, glaubt Rouhs nicht. Der Berliner Innensenator Frank Henkel werde sich doch nicht lächerlich machen, indem er sagt, er könne in Berlin die öffentliche Sicherheit nicht garantieren, sagt Rouhs. „Wenn es zu Krawallen kommt, tragen nicht wir die Verantwortung“, sagt Seidensticker. Verantwortlich seien die, die mit einer „ungebremsten Masseneinwanderung“ zugelassen hätten, „dass sich hier alle möglichen Extremisten tummeln“.

Auf der Website von „pro Berlin“ steht nicht der Islam im Vordergrund, sondern die Euro-Politik. Dort brennt die Akropolis. In einer atheistischen Stadt wie Berlin, sagt Rouhs, könne man mit Islam-Kritik alleine nicht über fünf Prozent kommen. Er kam nach Berlin, weil er es in Nordrhein-Westfalen für aussichtslos hielt, den Sprung in die Landespolitik zu schaffen. Auch der Aufstieg der Grünen habe über die Stadtstaaten begonnen, sagt er. „Wir beackern diese Stadt jetzt sehr gründlich.“

Manfred Rouhs ackert von morgens bis abends. Vielleicht beschleichen ihn manchmal Zweifel, ob sich das alles lohnt. Dann spricht er von Stress und davon, dass er sich „biographisch in die Nesseln gesetzt“ hat. Dass es irgendwie klüger gewesen wäre, sich stromlinienförmig zu verhalten und in der Union zu bleiben. Rouhs hat weder Frau noch Kinder, und wenn man ihn fragt, was ihn außer Politik interessiert, zeigt er auf das Aquarium.

Der monotone Klang seiner Stimme belebt sich, wenn er von den Makropoden und Kugelfischen spricht, die er demnächst einsetzen will. „Das Futter ist schon da“, sagt er: Schnecken. Jetzt wartet er darauf, dass die sich so weit vermehrt haben, dass die Kugelfische kommen können. Und die bolivianischen Zwergbuntbarsche: „Das werden dann die Prachtexemplare sein.“ Außerdem wird er elf weitere rote Neons kaufen. Damit es ein richtiger Schwarm wird.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen