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Veröffentlicht: 23.11.2012, 07:21 Uhr

Mölln Die Hoheit über das Gedenken

Vor zwanzig Jahren warfen Jugendliche Molotowcocktails auf zwei Wohnhäuser in Mölln. Die Anschläge galten deren türkischen Einwohnern. Zwei Mädchen und ihre Großmutter starben. Eine Stadt gedenkt.

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© Sonntag, Florian In der Mühlenstraße: Halb wird hier erinnert, halb wird demonstriert.

Am 23. November 1992 um 0.34 Uhr wurde die freiwillige Feuerwehr von Mölln alarmiert. Ein Haus in der Ratzeburger Straße brannte. Als er das Ausmaß des Brandes sah, forderte der Einsatzleiter auch die Ratzeburger Feuerwehr an. Um 1.11 Uhr, noch während der Löscharbeiten, kam ein zweiter Notruf, es brannte auch in der Mühlenstraße. Die Ratzeburger Feuerwehr fuhr hin, Feuerwehren aus den Nachbargemeinden folgten.

Frank Pergande Folgen:

Zehn Menschen wurden gerettet. Neun Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, als sie aus den brennenden Häusern sprangen. Drei Menschen starben in der Mühlenstraße: die jungen Mädchen Yeliz Arslan und Ayse Yilmaz sowie ihre Großmutter Bahide Arslan.

Schnell wurde klar, dass die Brände durch Molotowcocktails entfacht worden waren. Die Brandsätze hatten den türkischen Bewohnern der Häuser gegolten. Die Täter, der eine damals 19, der andere 25 Jahre alt, brüsteten sich mit den Anschlägen. Ihre Bekenneranrufe endeten mit „Heil Hitler!“. Beide kamen im Oktober 1993 vor Gericht. Sie wurden für dreifachen Mord und mehrfachen versuchten Mord verurteilt. Beide sind, zwanzig Jahre nach ihrer Tat, längst wieder auf freiem Fuß. Sie waren keine Möllner, und sie kannten ihre Opfer nicht. Vielen Möllnern hingegen waren die Opfer bekannt, oft seit ihrer Kindheit.

Brandanschlag von Mölln - Vor dem 20.Jahrestag des ausländerfeindlichen Brandanschlags auf ein von Türken bewohntes Haus in Mölln organisiert der Überlebende Ibrahim Arslan eine "Antifaschistische Demonstration" zum Anschlagsort  in der Mühlenstrasse © Sonntag, Florian Vergrößern Das Haus, auf das 1992 der Brandanschlag verübt wurde, ist zum Denkmal umfunktioniert worden.

Mölln nennt sich die Eulenspiegelstadt. Wer Finger oder Fuß der Eulenspiegel-Figur an der Nikolaikirche berührt, dem soll das Glück bringen. Die hübsche kleine Stadt im Holsteinischen mit ihrem wahrheitsliebenden Narren hat seit 1992 über Nacht einen ganz anderen Ruf bekommen und wird seither in einer Reihe mit Rostock-Lichtenhagen genannt, mit Solingen und Hoyerswerda. Es gibt eine neue Zeitrechnung: „nach Mölln“. Es hat zwar weder vor den Brandanschlägen noch danach eine rechtsradikale Szene in der Stadt gegeben. Dennoch wagt keiner der Möllner Kommunalpolitiker öffentlich zu sagen, was offensichtlich ist: Der Anschlag hätte auch anderswo passieren können. Jan Wiegels, Sozialdemokrat und seit anderthalb Jahren Bürgermeister, sagt nur so viel: „Zu Lichtenhagen gibt es schon einen substantiellen Unterschied, bei uns stand kein aufgebrachter Mob und klatschte Beifall, im Gegenteil.“

Von den 18500 Einwohnern der Stadt sind 440 Bürger mit türkischen Wurzeln. Angezogen wurden sie einst durch die Arbeitsmöglichkeiten in der Stadt, vor allem in der Eisengießerei. Sie haben eine eigene Gemeinde, eine Moschee und eine Teestube, die offen für alle ist. Konflikte gab es nicht, jedenfalls keine grundsätzlichen. Sechzig Prozent der Möllner leben seit zwanzig Jahren und länger in der Stadt, auch jene mit türkischen Wurzeln. Sie sind zufrieden, sie mögen die Stadt. Einige der Opfer der Brandanschläge blieben wie selbstverständlich in Mölln.

1992 hatten sie auch die Solidarität der Bewohner erlebt. Das Haus in der Ratzeburger Straße ist abgerissen, das in der Mühlenstraße wurde wiederhergerichtet - als Wohnhaus, aber auch als Mahnmal. Eine Plastik hebt es aus der Straßenfront heraus, eine Tafel erinnert an Tat und Opfer. Hinter dem Haus, zum Kurpark hin, gibt es seit einigen Jahren eine Begegnungsstätte. Der Verein „Miteinander leben“, der „nach Mölln“ in der Stadt gegründet wurde, hat das Gebäude von der Stadt übertragen bekommen.

Brandanschlag von Mölln - Vor dem 20.Jahrestag des ausländerfeindlichen Brandanschlags auf ein von Türken bewohntes Haus in Mölln organisiert der Überlebende Ibrahim Arslan eine "Antifaschistische Demonstration" zum Anschlagsort  in der Mühlenstrasse © Sonntag, Florian Vergrößern Symbolische Flammen: Das Haus wurde zum Denkmal.

„Der Kampf gegen rechts“ - hier wird er in allen Formen geführt. Zum Beispiel mit dem „Internationalen Folksfest“ alle zwei Jahre. Durch die Schulen der Stadt zog das Theaterstück „Brandmal“, von fünf Möllner Jugendlichen entwickelt und aufgeführt. Allseits gelobt wurde in diesem Jahr die Veranstaltungsreihe „Der Till heckt mit dem Nasreddin“, der zwei ähnlich gelagerte Figuren aus zwei unterschiedlichen Kulturen den Namen gaben: Till Eulenspiegel und Nasreddin Hodscha. Und jedes Jahr im November gedenkt Mölln des furchtbaren Ereignisses.

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