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Mölln Die Hoheit über das Gedenken

 ·  Vor zwanzig Jahren warfen Jugendliche Molotowcocktails auf zwei Wohnhäuser in Mölln. Die Anschläge galten deren türkischen Einwohnern. Zwei Mädchen und ihre Großmutter starben. Eine Stadt gedenkt.

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© Sonntag, Florian In der Mühlenstraße: Halb wird hier erinnert, halb wird demonstriert.

Am 23. November 1992 um 0.34 Uhr wurde die freiwillige Feuerwehr von Mölln alarmiert. Ein Haus in der Ratzeburger Straße brannte. Als er das Ausmaß des Brandes sah, forderte der Einsatzleiter auch die Ratzeburger Feuerwehr an. Um 1.11 Uhr, noch während der Löscharbeiten, kam ein zweiter Notruf, es brannte auch in der Mühlenstraße. Die Ratzeburger Feuerwehr fuhr hin, Feuerwehren aus den Nachbargemeinden folgten.

Zehn Menschen wurden gerettet. Neun Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, als sie aus den brennenden Häusern sprangen. Drei Menschen starben in der Mühlenstraße: die jungen Mädchen Yeliz Arslan und Ayse Yilmaz sowie ihre Großmutter Bahide Arslan.

Schnell wurde klar, dass die Brände durch Molotowcocktails entfacht worden waren. Die Brandsätze hatten den türkischen Bewohnern der Häuser gegolten. Die Täter, der eine damals 19, der andere 25 Jahre alt, brüsteten sich mit den Anschlägen. Ihre Bekenneranrufe endeten mit „Heil Hitler!“. Beide kamen im Oktober 1993 vor Gericht. Sie wurden für dreifachen Mord und mehrfachen versuchten Mord verurteilt. Beide sind, zwanzig Jahre nach ihrer Tat, längst wieder auf freiem Fuß. Sie waren keine Möllner, und sie kannten ihre Opfer nicht. Vielen Möllnern hingegen waren die Opfer bekannt, oft seit ihrer Kindheit.

Mölln nennt sich die Eulenspiegelstadt. Wer Finger oder Fuß der Eulenspiegel-Figur an der Nikolaikirche berührt, dem soll das Glück bringen. Die hübsche kleine Stadt im Holsteinischen mit ihrem wahrheitsliebenden Narren hat seit 1992 über Nacht einen ganz anderen Ruf bekommen und wird seither in einer Reihe mit Rostock-Lichtenhagen genannt, mit Solingen und Hoyerswerda. Es gibt eine neue Zeitrechnung: „nach Mölln“. Es hat zwar weder vor den Brandanschlägen noch danach eine rechtsradikale Szene in der Stadt gegeben. Dennoch wagt keiner der Möllner Kommunalpolitiker öffentlich zu sagen, was offensichtlich ist: Der Anschlag hätte auch anderswo passieren können. Jan Wiegels, Sozialdemokrat und seit anderthalb Jahren Bürgermeister, sagt nur so viel: „Zu Lichtenhagen gibt es schon einen substantiellen Unterschied, bei uns stand kein aufgebrachter Mob und klatschte Beifall, im Gegenteil.“

Von den 18500 Einwohnern der Stadt sind 440 Bürger mit türkischen Wurzeln. Angezogen wurden sie einst durch die Arbeitsmöglichkeiten in der Stadt, vor allem in der Eisengießerei. Sie haben eine eigene Gemeinde, eine Moschee und eine Teestube, die offen für alle ist. Konflikte gab es nicht, jedenfalls keine grundsätzlichen. Sechzig Prozent der Möllner leben seit zwanzig Jahren und länger in der Stadt, auch jene mit türkischen Wurzeln. Sie sind zufrieden, sie mögen die Stadt. Einige der Opfer der Brandanschläge blieben wie selbstverständlich in Mölln.

1992 hatten sie auch die Solidarität der Bewohner erlebt. Das Haus in der Ratzeburger Straße ist abgerissen, das in der Mühlenstraße wurde wiederhergerichtet - als Wohnhaus, aber auch als Mahnmal. Eine Plastik hebt es aus der Straßenfront heraus, eine Tafel erinnert an Tat und Opfer. Hinter dem Haus, zum Kurpark hin, gibt es seit einigen Jahren eine Begegnungsstätte. Der Verein „Miteinander leben“, der „nach Mölln“ in der Stadt gegründet wurde, hat das Gebäude von der Stadt übertragen bekommen.

„Der Kampf gegen rechts“ - hier wird er in allen Formen geführt. Zum Beispiel mit dem „Internationalen Folksfest“ alle zwei Jahre. Durch die Schulen der Stadt zog das Theaterstück „Brandmal“, von fünf Möllner Jugendlichen entwickelt und aufgeführt. Allseits gelobt wurde in diesem Jahr die Veranstaltungsreihe „Der Till heckt mit dem Nasreddin“, der zwei ähnlich gelagerte Figuren aus zwei unterschiedlichen Kulturen den Namen gaben: Till Eulenspiegel und Nasreddin Hodscha. Und jedes Jahr im November gedenkt Mölln des furchtbaren Ereignisses.

Während die Familien aus dem ersten Brandhaus in der Ratzeburger Straße nicht mehr an die Brandnacht erinnert werden möchten, ist die Familie Arslan aus der Mühlenstraße umso mehr darum bemüht, die Erinnerung wach zu halten. Vor allem Ibrahim, der als sieben Jahre alter Junge aus den Flammen gerettet werden konnte - er ist schwer traumatisiert. Die Arslans leben inzwischen in Hamburg. Ibrahim wird unterstützt von einem „Freundeskreis im Gedenken an den rassistischen Brandanschlag von Mölln 1992“. Dieser Freundeskreis hat auch bestimmt, was in der Gedenkwoche zwanzig Jahre nach dem Brandanschlag passiert - von einer „bundesweiten antifaschistischen Demonstration“, angemeldet von der Linkspartei, über ein Konzert von Jan Delay bis hin zur „Möllner Rede“ von Beate Klarsfeld. Überhaupt fordert der Freundeskreis die Hoheit über das Gedenken: „Maßstab für das Gedenken sollen die Vorstellungen der Überlebenden sein.“

Erstmals in diesem Jahr sei es der Familie gelungen, das Gedenken ganz nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Ibrahim Arslan sagt: „Ich zeige Mölln, dass ein Opfer nicht mundtot gemacht werden kann.“ Die Opfer seien in Mölln bislang als Statisten behandelt worden. Und damit klar ist, wie sich der Freundeskreis das Gedenken vorstellt, gab er das Motto aus, die Erinnerung müsse „zurückerkämpft“ werden.

Die „Möllner Rede“ gibt es schon seit einigen Jahren. Im vergangenen Jahr hielt sie Imran Ayata, einer der Mitbegründer von „Kanak Attak“, einem - inzwischen aufgelösten - Netzwerk, dessen Selbstdarstellung lautete: „Wir formulierten neue Positionen und erzählten die Geschichte der Migration aus der Perspektive der sozialen und antirassistischen Kämpfe.“ Ayata sprach in Mölln von der „ganzen Bandbreite“ des Rassismus, „von rassistischen Morden über institutionelle Diskriminierung und Ausgrenzung zu alltäglichen Diffamierungen, die Menschen hier erleben, weil sie nicht Deutsche sind oder für solche gehalten werden“.

Die Möllner nahmen solche Anschuldigungen hin. Der Freundeskreis ist öffentlichkeitswirksamer als sie. Der Freundeskreis schaffte es auch, anklagend zu verbreiten, die Möllner seien bei der Demonstration am Samstag zum Auftakt der Gedenkwoche nicht dabei gewesen. Dass den Möllnern womöglich die linke Ideologisierung des Gedenkens nicht passt, wagen sie nicht zu sagen. Im Hauptausschuss der Möllner Stadtvertretung hatte es vor einigen Tagen zumindest eine Debatte darüber gegeben, ob man die Gedenkwoche 2012 in der von den Arslans vorgegebenen Weise mit Demonstrationen, zu denen sich sogenannte Autonome aus Hamburg angekündigt hatten, und der Rednerin Klarsfeld überhaupt mittragen könne und wolle. Am Ende entschieden sich die Kommunalpolitiker dafür: „Zwei Veranstaltungen parallel wären ein verheerendes Zeichen.“ So sprechen also Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD), der aus Mölln stammende Landtagspräsident Klaus Schlie (CDU) und für die evangelische Nordkirche Bischöfin Kirsten Fehrs, ebenso der Bürgermeister und der Vorsitzende der türkischen Gemeinde Deutschland, Kenan Kolat, quasi im Vorprogramm von Frau Klarsfeld. Der Freundeskreis hat in seinem Programmzettel darauf verzichtet, die Namen der Redner aus dem „Vorprogramm“ der Stadt überhaupt zu nennen.

Die Gedenkwoche wird nichts daran ändern, dass für Ibrahim Arslan und seinen Freundeskreis die Möllner weiter unter Generalverdacht stehen. „Betroffenheit, sei sie aufrichtig oder geheuchelt, ist es, die es den Möllnerinnen und Möllnern erlaubt, sich in scheinbarer Unschuld zu waschen und ihre eigene Rolle, damals wie heute, nicht zu hinterfragen.“

Vor ein paar Tagen sind rechtsextreme Schmierereien in der Stadt aufgetaucht. Der Staatsschutz ermittelt. Bürgermeister Wiegels sagt: „Nach unserer Einschätzung waren das externe Provokateure, das kam nicht aus dem Ort.“ Ibrahim Arslan ließ verlauten, er lasse sich nicht zum Schweigen bringen, „nicht durch Neonazi-Graffitis, nicht durch Naziaufmärsche und nicht durch rassistische Tendenzen in der Gesellschaft.

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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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