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Mitgliederuntersuchung der EKD : Erosion auf fast allen Ebenen

Unumkehrbar? Die Evangelische Kirche verliert Mitglieder. Bild: dpa

Die neue Mitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche zeichnet ein düsteres Bild. Von den jüngsten Mitgliedern hält sich nur jeder zweite für religiös erzogen. Zwei von fünf denken an Austritt.

          Etwa alle zehn Jahre untersucht die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) aufwendig ihre Mitgliederschaft: Seit 1972 werden dafür Kirchenmitglieder in repräsentativer Zahl befragt, seit 1992 auch Ausgetretene und Konfessionslose, die noch nie Kirchenmitglieder waren. Ende vergangener Woche wurden erste Ergebnisse der inzwischen fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung veröffentlicht. Nicht nur die neuen Daten aufhorchen, sondern mindestens ebenso deren Deutung durch die an der Untersuchung beteiligten Sozialwissenschaftler, Theologen und Kirchenleitenden. Zwar wird in der 130 Seiten umfassenden Auswertung wie in den vorausgegangenen Untersuchungen der Begriff „Stabilität“ verwendet, nun aber in einem völlig entgegengesetzten Sinn: Nicht mehr von einer Stabilität der Kirche wird gesprochen, sondern von einer „Stabilität des Abbruchs“.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          So deuten die Ergebnisse zunächst darauf hin, dass ein gefestigter Unglaube zu einer selbstverständlichen Option der Lebensführung in Deutschland geworden ist. Die Autoren sprechen von einem „Umfeld, welches Konfessionslosigkeit an vielen Orten nicht mehr diskreditiert, sondern teilweise die Begründungspflicht sogar Konfessionsmitgliedern zuweist“. Auch muss sich Religionslosigkeit nicht mehr hinter Kirchenkritik verstecken. So ist die Kirchensteuer in der Rangfolge der Begründungen des Kirchenaustritt deutlich zurückgefallen hinter die Feststellung: „Ich brauche keine Religion fürs Leben.“ Bei der vorausgegangen Mitgliedschaftsuntersuchung meinte Kirchenpräsident Peter Steinacker im Jahr 2006 noch feststellen zu können: „Der Kirchenaustritt wird primär kirchen- und nicht religionskritisch begründet.“ Daraus mag die Hoffnung gesprochen haben, durch Arbeit am eigenen Auftreten die Lage noch wenden zu können. Die neue Untersuchung legt nun nahe, dass das Gegenteil zutrifft: Nur ein bis zwei Prozent der Konfessionslosen können sich einen Eintritt in die Kirche vorstellen – Mission zwecklos.

          Gerhard Wegner, der Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD fragt, ob man nicht vom „Ende des liberalen Paradigmas“ sprechen muss, nach dem die Kirchen zwar an Bindungskraft einbüßen, aber zugunsten nichtinstitutionalisierter Frömmigkeit und Patchworkreligion. Die neuen Daten weisen hingegen dahin, dass, wenn die Kirche an Bindungskraft verlieren, dies parallel auch für den Glauben gilt. Ohne religiöse Praxis und kirchliche Bindung erodiert auf Dauer die christlichen Überzeugung. Kirchlichkeit und Religiosität entkoppeln sich – anders als im Zuge einer angeblichen „Renaissance der Religion“ in den vergangenen Jahren behauptet – also mitnichten voneinander: Wer sich einmal von der Kirche losgesagt hat, der entwickelt später nur selten spirituelle Sehnsüchte.

          Überdurchschnittliches Engagement der Mitglieder

          Für die Kirche gewinnen die Befunde an Dramatik, weil vieles für die Unumkehrbarkeit und Potenzierung dieses Prozesses spricht. So erodiert die religiöse Sozialisation, die für die spätere religiöse Bindung von allergrößter Bedeutung ist, von Alterskohorte zu Alterskohorte. So sagen in Westdeutschland von den über 66 Jahre alten Kirchenmitgliedern 83 Prozent von sich, sie seien religiös erzogen worden. Bei den 30 bis 45 Jahre alten Mitgliedern sind es nur noch 67 Prozent und bei den 14 bis 21 Jahre alten ist es mit 49 Prozent nicht einmal mehr jeder zweite. Zudem denken zwei von fünf Mitglieder dieser jüngsten Altersgruppe ernsthaft über einen Kirchenaustritt nach. Gerade in Westdeutschland ist somit eine für die Kirche ungünstige Generationendynamik zu beobachten, während in Ostdeutschland, wo nun schon seit mehreren Generationen eine breite Mehrheit ohne religiöse Prägung aufwächst, sich die Lage unter den der Kirche verbliebenen Jugendlichen zumindest etwas besser darstellt; hier fühlen sich immerhin 64 Prozent religiös sozialisiert.

          Als erfreulich bewertet die evangelische Kirche zumindest das überdurchschnittliche Engagement ihrer Mitglieder. Für die in der Kirche besonders aktiven Mitglieder gilt, dass sie eher weiblich als männlich sind, älter als der Durchschnitt, aber auch ein wenig besser gebildet und materieller gesicherter. Und: Sie haben überdurchschnittlich viele Kinder. Mit der Kirchenmitgliedschaft ist ebenso ein leicht überdurchschnittliches soziales Engagement assoziiert. Kirchenmitglieder haben auch ein deutlich größeres Vertrauen in Parteien etwa, vor allem aber: ganz allgemein mehr Vertrauen zu anderen Menschen. Sie sind im Schnitt auch mit Blick auf ihr eigenen Leben zuversichtlicher als Konfessionslose. Die EKD bewertet dies als Hinweis auf das „kulturelles Sozialkapital“, das die Kirchen in die Gesellschaft einbrächten. Hoffnung mit Blick auf die eigene Zukunft saugt die Kirche aus einer Statistik zur Bereitschaft zum Kirchenaustritt: Demnach sagen 73 Prozent der Mitglieder, ein Austritt käme für sie nicht in Frage. Bei der Untersuchung in den Jahren 2002 bis 2004 galt das für 61 Prozent, bei der Erhebung 1992 gar nur 55 Prozent.

          Sogar unter den weniger als 30 Jahre alten Mitgliedern ist der Anteil derer, die sich der Kirche hoch verbunden fühlen, von zwei im Jahr 1992 auf nun neun Prozent gestiegen. Allerdings ist im selben Zeitraum auch die Zahl jener Mitglieder gestiegen, die sich der Kirche „überhaupt nicht“ verbunden fühlen und zwar von 15 auf 23 Prozent, was zur Frage führt, ob der evangelischen Kirche zunehmend die „Mitte“ abhanden kommt, die vom EKD-Oberkirchenrat Thies Gundlach pointiert als „mild entspanntes Luthertum“ bezeichnet wird. Wächst also die Zukunft der EKD unter den Evangelikalen heran? Aus den bisher vorgelegten Statistiken lässt sich diese Frage kaum seriös beantworten. Gegen eine solche Annahme spricht allerdings, dass eine buchstäbliches Bibelverständnis unter den ihrer Kirche hoch verbundenen Mitgliedern nur unmerklich stärker verbreitet ist al unter denen mit schwächerer Bindung.

          Erosion der Mitgliedschaft

          Was kann die Kirche nun mit den Ergebnissen anfangen? Der EKD-„Cheftheologe“ Gundlach gesteht in seiner Interpretation offen ein, dass das nach der letzten Untersuchung durch Wolfgang Huber in seinem Reformprogramm „Kirche der Freiheit“ propagierte Ziel des „Wachsens gegen den Trend“ illusionär war. Inzwischen müsse man von einer „Imagekrise“ der Religion reden, es stehe die „medial prolongierte Einschätzung im Raum, Religion sei bedenklich“.

          Mit Ausnahme der Missionshoffnungen hält Gundlach indes im Grundsatz an Hubers Reformprogramm fest, der eine Konzentration der Kirche auf ihren Kern anstrebte und deren Qualität steigern wollte. Die neue Untersuchung scheint ihm darin Recht zu geben. So belegen die Daten, dass Religion vor allem eine Sache des sozialen Nahbereichs ist. So ist für die spätere Kirchenbindung die Sozialisation in Kindheit und Jugend der entscheidende Faktor. Austausch über religiöse Fragen findet kaum über Medien und schon gar nicht über das Internet statt, sondern im Gespräch mit Familie und engen Freunden. Es dominiert die Face-to-face-Kommunikation. Ebenso wird die Kirche nicht als Großorganisation, Landeskirche oder Dekanat wahrgenommen, sondern als Ortsgemeinde, vertreten vor allem und mit überragender Bedeutung durch ihre Pfarrer und wahrgenommen insbesondere bei den sogenannten Kasualien wie Taufe, Trauung und Bestattung. Auch schon in losem Kontakt mit einem Pastor zu stehen, kommt statistisch beinahe einem Garantieschein gleich, dass die betreffende Person in der Kirche bleibt und ihre Kinder taufen lässt.

          Stoppen oder gar umkehren lassen wird sich die Erosion der Mitgliedschaft, das ist in Anbetracht der Ergebnisse unabweisbar, auch durch größtes Bemühen nicht. Angesichts der Schubkraft der Säkularisierung erscheint die Gestaltungskraft der Kirche begrenzt. Es dürfte für sie darum gehen, nicht in Defätismus zu verfallen, sondern sich mit kluger Beharrungskraft auf jenen Feldern festzukrallen, auf denen sie nachhaltig Wirkungen erzielen kann. Diese Bereiche liegen nicht erst mit der aktuellen Mitgliedschaftsuntersuchung offen zu Tage. Die bisherige Erfahrung lehrt allerdings, dass es in Teilen der Führung der evangelische Kirche keine Scheu gibt, hartnäckig an den empirischen Erkenntnissen vorbeizuarbeiten.

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