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Misshandlung im Gefängnis Schlag in die Magengrube

 ·  Das Martyrium der ukrainischen Oppositionsführerin Julija Timoschenko im Gefängnis dauert an. Nun werden immer Details öffentlich, wie brutal sie in der Haft misshandelt wurde.

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Sergej Wlasenko gerät in Aufregung, wenn er davon spricht, was Julija Timoschenko am Freitag vor einer Woche widerfuhr. „Sie hat einen großen Bluterguss auf dem Bauch, zehn Zentimeter Durchmesser, mehrere Ergüsse am linken Arm, am Ellbogen und an den Händen“, berichtet ihr Anwalt mit atemloser Stimme. Er ist neben ihrer Tochter Jewgenija der Einzige, der die ukrainische Oppositionsführerin in ihrer Zelle in Charkiw regelmäßig besuchen darf. Mit Vitali Klitschko, dem Box-Weltmeister, der in Kiew Bürgermeister werden will, habe er über die Verletzungen gesprochen, sagt Wlasenko. „Vitali weiß, was harte Schläge sind. Aber selbst er konnte sich kaum vorstellen, mit welcher Wucht Julija getroffen worden ist.“ Wlasenko stockt, seine Stimme wird leiser. „Was sind das für Menschen, die so etwas tun?“

Frau Timoschenkos Verletzungen sind gut dokumentiert. Die Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments, Nina Karpatschowa, hat sie vergangene Woche selbst gesehen, fotografiert und auf einer Pressekonferenz bestätigt. Auf Wunsch der Familie sollen sie aber nicht veröffentlicht werden. Nach Informationen dieser Zeitung wurden sie Diplomaten mehrerer EU-Staaten sowie dem amerikanischen Botschafter in Kiew vorgelegt. Über die Ursache der Hämatome gibt es unterschiedliche Versionen. Frau Karpatschowa sagte, der Umgang mit Frau Timoschenko könne „als Folter bewertet werden“. Ein starker Satz. Frau Karpatschowa gehört zwar der Partei der Regionen des Präsidenten Janukowitsch an, sie hat ihr Amt aber in den vergangenen sechs Jahren überparteilich ausgeübt. Eigentlich sollte sie diese Woche durch eine Nachfolgerin ersetzt werden, die dem Präsidenten gegenüber loyal ist. Die konnte aber nicht vereidigt werden, weil die Opposition das Parlament wegen der Foltervorwürfe blockierte.

Janukowitschs Partei: „Mythos von einer Verprügelung“

Der zuständige Staatsanwalt in Charkiw hat eine Untersuchung angeordnet, Janukowitsch sah sich unter dem Druck der heimischen und ausländischen Kritik auch gezwungen, den (ihm loyalen) Generalstaatsanwalt einzuschalten. Allerdings scheint Janukowitschs Partei deren Ergebnis schon zu kennen: „Der Mythos von einer Verprügelung Timoschenkos wurde mit dem Ziel geschaffen, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit von den unstrittigen Fakten ihrer kriminellen Tätigkeit abzulenken“, teilte sie am Freitag mit. Gefolgsleute des Präsidenten behaupten, Timoschenko habe sich die Verletzungen selbst zugefügt. Beweise haben sie dafür nicht vorgelegt. Und die Verantwortlichen im Frauen-Straflager Nummer 54 in Charkiw sind in Deckung gegangen.

So bleiben derzeit nur die Aussagen Julija Timoschenkos, um den Vorgang zu dokumentieren. Frau Timoschenko hat eine kurze Darstellung der Geschehnisse auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Ihre Tochter und ihr Anwalt, die sie seit dem Vorfall zweimal für mehrere Stunden besucht haben, waren zu ausführlichen Interviews bereit.

Am Freitag, dem 20. April, beriet sich Julija Timoschenko nachmittags mit ihren Anwälten. Am Vortag hatte der zweite Prozess gegen sie begonnen, dem sie wegen ihrer schweren Rückenschmerzen ferngeblieben war. Nachdem die Anwälte die Strafkolonie verlassen hatten, tauchte gegen 17 Uhr Raisa Moisejenko dort auf, die stellvertretende Gesundheitsministerin. Sie teilte Frau Timoschenko die Schlussfolgerungen des Gutachtens mit, das zwei Ärzte der Berliner Charité angefertigt hatten. Demnach war sie weder verhandlungs- noch vernehmungsfähig und bedurfte dringend medizinischer Behandlung. Frau Moisejenko forderte die Gefangene auf, sich in das von der Regierung ausgesuchte Krankenhaus zu begeben. Frau Timoschenko wollte sich am folgenden Montag zuerst mit ihren Anwälten beraten. Die Ministerin stimmte zu und ging.

„Ich dachte, dies waren die letzten Minuten meines Lebens“

Julija Timoschenko glaubte, sie werde nun in Ruhe gelassen. Stattdessen erschien gegen 21 Uhr der stellvertretende Direktor der Strafkolonie, Andrej Kowalenko, in ihrer Zelle, zusammen mit zwei uniformierten Wachleuten. Er ließ die Zellengenossin in einen anderen Trakt verlegen und eröffnete der Oppositionsführerin, sie habe nur zwei Optionen: Entweder begebe sie sich freiwillig ins Krankenhaus, oder sie werde dort unter Zwang hingebracht. Frau Timoschenko wies das zurück.

Nach Frau Timoschenkos Darstellung warfen die Wachleute daraufhin ein Laken über sie und versuchten, sie darin einzuwickeln und vom Bett zu ziehen. Sie wehrte sich mit Händen und Füßen. Kowalenko forderte die Wachen auf, Gewalt anzuwenden; das sei ein Befehl. Die Männer zögerten, einer sagte, er wolle nicht seinen Job verlieren. Da schlug Kowalenko selbst zu, mit der Faust in die Magengrube. Frau Timoschenko rang um Atem, die Männer verdrehten ihr die Arme auf dem Rücken, zogen sie vom Bett und transportierten sie im Laken zum wartenden Krankenwagen. „Ich dachte, dies waren die letzte Minuten meines Lebens“, schreibt Julija Timoschenko in ihrem Bericht, „in unerträglichen Schmerzen und Angst fing ich an zu weinen und um Hilfe zu schreien. Es kam aber keine Hilfe.“

Gefängnisleitung drohte mit Zwangsernährung

Auf dem Weg ins Krankenhaus verlor sie kurzzeitig das Bewusstsein. Im Krankenhaus lehnte sie es kategorisch ab, mit einem Arzt zu sprechen. Sie zeigte auch nicht ihre Verletzungen. Stattdessen äußerte sie, sie werde nichts mehr essen. Seitdem befindet sich Frau Timoschenko im Hungerstreik; sie trinkt nur noch Wasser. „Es war die einzige Form des Protestes, die meiner Mutter noch blieb“, sagt ihre Tochter Jewgenija und fügt hinzu: „Als Familie waren und sind wir dagegen, weil wir um das Leben unserer Mutter fürchten.“ Ihre Mutter habe sich spontan zu dem Hungerstreik entschieden, vorher hätten sie nie darüber gesprochen.

Am Sonntag wurde Frau Timoschenko in ihre Zelle zurückverlegt. Die Gefängnisleitung drohte ihr Zwangsernährung und die Isolierung in einer Einzelzelle an. Ihre Mitgefangene sollte eine Aussage unterschreiben, der gemäß die Blutergüsse Timoschenkos während des Kampfes mit den Wachleuten zustande gekommen seien. Die weigerte sich, schließlich war sie in einen anderen Trakt gebracht worden. Sie hatte nur Schreie gehört.

Als Anwalt Wlasenko seine Mandantin am Montag besuchen wollte, wurde ihm beschieden, im Gefängnis sei Putztag; da könne er nicht in die Zelle. Am folgenden Morgen hing wieder ein Reinigungsschild am Eingang. Am Ende verschaffte er sich Zutritt aus seinen Rechten als Parlamentsabgeordneter. Der EU-Botschafter in Kiew wartet hingegen noch immer auf einen Besuchstermin.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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