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Missbrauchsvorwürfe Wegsehen und verschweigen

16.07.2010 ·  Die Missbrauchsfälle, wegen derer Bischöfin Jepsen zurückgetreten ist, spielten sich in Ahrensburg ab. Eine Frau war in der Zeit von 1979 bis 1984 offenbar sexuellen Übergriffen ihres Pastors ausgesetzt. 1999 wandte sie sich an die damalige Pröpstin. Auch Maria Jepsen soll schon damals davon erfahren haben.

Von Frank Pergande, Hamburg
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Der Fall spielte sich in Ahrensburg ab, einer Stadt in Holstein, im Landkreis Stormarn. Eine heute 46 Jahre alte Frau war in der Zeit von 1979 bis 1984 regelmäßig sexuellen Übergriffen ihres Pastors ausgesetzt. Sie behauptet zudem, schon vor ihrem 16. Geburtstag in Wort und Tat von dem Pastor sexuell belästigt worden zu sein. Aber erst 1999 wandte sie sich an die damalige Stormarner Pröpstin, die heute im Kirchenamt arbeitet. Die Pröpstin forderte daraufhin die Frau auf, ihre Vorwürfe in Gegenwart des Pastors, also in einem Sechs-Augen-Gespräch, zu wiederholen. Das geschah tatsächlich, und der Pastor gab die Verfehlungen zu.

Daraufhin kümmerte die Pröpstin sich um eine Versetzung des Pastors auf eine andere Stelle, wohl ausdrücklich mit dem Hinweis, der Pastor solle nicht mehr seelsorgerisch in einer Gemeinde tätig sein. Er unterrichtete dann Religionsunterricht in Schulen, kam später aber doch als Seelsorger in ein Jugendgefängnis, wo er angeblich allerdings nur Büroarbeit gemacht hat. Inzwischen ist er längst im Ruhestand. Anklage vor Gericht wurde gegen den Mann nicht erhoben, auch leitete das Kirchenamt kein Disziplinarverfahren ein. Bis 1999 beruhte die Sache auf sich.

Auch die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen, für Stormarn zuständig, erfuhr in diesem Jahr von dem Fall, wenngleich offenbar eher beiläufig auf einem Konvent der Pröpste. Jepsen sagt heute, sie habe von der Pröpstin nur von einem „außerehelichen Verhältnis“ des Pastors gehört, das zu seiner Versetzung geführt habe. Wäre vom Missbrauch Minderjähriger und Schutzbefohlener die Rede gewesen, so setzte Frau Jepsen vor einigen Tagen in einem Interview hinzu, hätten bei ihr alle Alarmglocken geschrillt. Wieder ruhte der Fall.

Im März 2010 wiederholte die Frau ihre Vorwürfe von 1999

Im März dieses Jahres nun, durch die in der Gesellschaft geführte Missbrauchsdebatte in ihren eigenen Erinnerungen aufgewühlt, wandte sich die Frau an die Nordelbische Kirche und schilderte in einem Brief noch einmal ausführlich, was sie in der Ahrensburger Kirchgemeinde erlebt hatte und wiederholte ihre Vorwürfe von 1999. Daraufhin wurde das Kirchenamt sogleich aktiv, informierte im Mai die Öffentlichkeit und nahm Ermittlungen gegen den Pastor auf. Weitere Zeugenaussagen bestätigen inzwischen die Vorwürfe. Und nun wurde bei dieser Gelegenheit auch bekannt, dass es offenbar in Ahrensburg noch mehr ähnliche Fälle gab. Siebzehn und achtzehn Jahre alte Mädchen seien Anfang der achtziger Jahre sexuellen Belästigungen ausgesetzt gewesen. Auch von Jungen ist die Rede, sogar von Missbrauchsfällen in der eigenen Familie des Pastors, der überhaupt mehr Neigung zu Jungen als zu Mädchen gehabt haben soll.

Inzwischen wurde auch ein Disziplinarverfahren gegen einen weiteren Pastor eingeleitete, der bereits im Ruhestand ist und seinen Kollegen insofern gedeckt haben soll, als er sein Wissen über die Abgründe des Pastors verschwiegen hat. 1999 aber hat Bischöfin Jepsen offenbar noch über einen anderen Weg etwas über die Ahrensburger Probleme erfahren. Denn nun tauchte eine eidesstattliche Erklärung der Schwester jenes Opfers auf. Sie habe, ebenfalls 1999, die Bischöfin angesprochen und auf den Pastor in Ahrensburg hingewiesen. Das sei bei einem Kongress über das Thema „Bei aller Liebe – Gewalt in den Geschlechterverhältnissen“ in Lübeck gewesen.

Frau Jepsen kann sich an die Einzelheiten nicht erinnern

Frau Jepsen sagte nun, sie könne sich an die Einzelheiten der Gespräche damals nicht mehr erinnern. Aber sie habe das Personaldezernat über die Anschuldigungen informiert und von dort die Auskunft bekommen, gegen den Mann liege nichts vor. Das ist auch im Protokoll so festgehalten. Die Bischöfin sagte in jenem Interview auch, sie könne nicht verstehen, weshalb ihr damals niemand aus Ahrensburg über den Fall gründlich berichtet habe. Bischof Gerhard Ulrich war Frau Jepsen noch am Donnerstag mit einer Erklärung beigesprungen: „Die Nordelbische Kirche betont zum wiederholten Male, dass sexueller Missbrauch in keiner Weise und zu keiner Zeit geduldet wird und das alle Taten rigoros aufgeklärt werden müssen.“

Neben den eigentlichen Vorwürfen gehe es auch um die Aufklärung im Jahre 1999. Es sei deutlich geworden, dass Hinweisen von Opfern nicht mit dem nötigen Nachdruck nachgegangen worden sei. Ulrich setzte aber auch mit Blick auf die Hamburger Bischöfin hinzu: „Durch diese Personalisierung werden die eigentlichen Missbrauchstaten verdeckt und die dafür Verantwortlichen geraten aus dem Blick.“

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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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