15.03.2010 · Der Vatikan hat den Versuch als gescheitert bezeichnet, den Papst in die Missbrauchsaffären in katholischen Einrichtungen in Deutschland zu verwickeln. Benedikt XVI. selbst äußerte sich bei seinen öffentlichen Auftritten in Rom nicht zur jüngsten Debatte.
Der Vatikan hat den Versuch als gescheitert bezeichnet, den Papst selbst in die Missbrauchsaffären in katholischen Einrichtungen in Deutschland zu verwickeln. Einige Personen suchten „mit einer gewissen Verbissenheit“ nach Anhaltspunkten dafür, sagte Vatikan-Sprecher Frederico Lombardi im Radio Vatikan, aber „für jeden objektiven Berichterstatter ist klar, dass diese Bemühungen gescheitert sind“.
Nachdem Ende vergangener Woche bekanntgeworden war, dass im Erzbistum München ein Priester wieder in der Seelsorge eingesetzt worden war, der sich des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht hatte, war die Frage gestellt worden, was Papst Benedikt von den Vorgängen wusste, der von 1976 bis 1982 Erzbischof von München war.
„Hatte nichts mit den Personalentscheidungen zu tun“
Der Priester war 1980 zu einer Therapie in die Diözese gekommen. Aus der Erklärung des Erzbistums München werde deutlich, dass der Papst als Erzbischof von München und Freising nichts mit den Personalentscheidungen zu tun hatte, „in deren Folge es später zu den Missbräuchen kommen konnte“, sagte Lombardi. Trotz des Sturms sehe die Kirche gut den Weg, den sie gehen müsse „unter der sicheren und konsequenten Führung des Heiligen Vaters“. Der Papst selbst äußerte sich nach dem Angelus-Gebet am Sonntag nicht zu den Missbrauchsfällen in Deutschland und den jüngsten Berichten.
Papst Benedikt XVI. selbst besuchte am Sonntag in Rom erstmals in seiner Amtszeit als Pontifex ein evangelisches Gotteshaus. Benedikt feierte den Abendgottesdienst in der lutherischen Christuskirche. „Es ist schön, gemeinsam zu beten“, erklärte der Papst. Zudem forderte er, die Fortschritte im ökumenischen Dialog anzuerkennen. Katholiken wie Protestanten trügen gemeinsam „die Schuld für ihre Spaltung“.
Auch bei dem Besuch der deutschen Christuskirche äußerte sich der Papst mit keinem Wort zum sexuellen Missbrauch an katholischen Einrichtungen in Deutschland. Nach dem Angelus-Gebet am Sonntagmittag war es die zweite Gelegenheit für den Pontifex, öffentlich Stellung zu nehmen, nachdem am Freitag eine folgenreiche Entscheidung aus Joseph Ratzingers Amtszeit als Münchner Erzbischof (1977 bis 1982) bekanntgeworden war.
ZdK-Präsident Glück für „Lockerung des Pflichtzölibats“
Der Präsident des Zentralkomitees der Katholiken (ZdK), Glück, forderte in der „Süddeutschen Zeitung“, die Kirche müsse „Konsequenzen struktureller Art ziehen und dabei reflektieren, ob es kirchenspezifische Bedingungen gibt, die den Missbrauch begünstigten“.
Dazu gehöre „zweifellos eine Auseinandersetzung mit dem ganzen Thema Sexualität, angefangen vom Umgang damit bis hin zur Auswahl des kirchlichen Personals“. Die Lockerung des Pflichtzölibats sei „ein Weg“, sagte Glück. Allerdings sei damit das Problem nicht gelöst. Die Vielzahl von Missbrauchsfällen nannte der ZdK-Präsident einen Albtraum: „Es ist die schwerste Belastung unserer Kirche, seit ich denken kann.“ Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, sagte dieser Zeitung in Rom, der Zölibat habe nichts mit den Missbrauchsfällen zu tun. Das sei wissenschaftlich erwiesen. „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen ist ein abscheuliches Verbrechen. Dieses Wort von Papst Benedikt XVI. mache ich mir zu eigen. Ich möchte nichts kleinreden und sage ganz klar, dass jeder Fall eines Missbrauchs in der Kirche besonders schwer wiegt und durch nichts zu entschuldigen ist“, sagte Zollitsch. „Aber wir wissen aus empirischen Untersuchungen, dass das Problem des Missbrauchs in anderen Zusammenhängen noch ausgeprägter ist, vor allem leider im familiären Bereich.
Natürlich ist es besonders erschreckend, wenn es bei uns einen Missbrauch gibt, weil das besondere Vertrauen ausgenützt wird.“ Nach Aussage von Zollitsch unterstützt der Papst den Kurs der deutschen Bischöfe: Er habe ihn bei dem Treffen am Freitag „ermutigt, den eingeschlagenen Weg der lückenlosen Aufklärung fortzusetzen“.
Zollitsch sagte, es habe ihn tief beeindruckt, wie sehr der Papst Anteil an der Situation in Deutschland nehme. „Ich fühle mich durch den Papst bestärkt. Er hat unsere 2002 beschlossenen Leitlinien der Bischofskonferenz positiv gewürdigt. Sie helfen uns, konsequent Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehört auch, dass wir möglichst viel bei der Prävention tun. Deshalb sehe ich einem runden Tisch aller gesellschaftlich relevanten Gruppen bei der Bundesfamilienministerin positiv entgegen. Wir sind dabei.“
Unterdessen sagte ein ehemaliger Schüler des Internats der Regensburger Domspatzen laut dem „Spiegel“, dass er dort bis 1992 sexuelle Gewalt erlebt habe; er sei von älteren Schülern vergewaltigt worden. Bislang waren nur Missbrauchsfälle aus den fünfziger und sechziger Jahren bekannt. Die Domspatzen wurden jahrzehntelang von Papstbruder Georg Ratzinger geleitet.
Unterdessen forderten Politiker von der Kirche mehr Aufklärungsarbeit. Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger sprach sich dafür aus, nach irischem Vorbild eine unabhängige Untersuchungskommission für die Fälle in kirchlichen Einrichtungen zu bilden. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast sagte, falls die Kirche nicht kooperiere, solle es finanzielle Sanktionen geben.
Schröder und Schavan laden zu „Rundem Tisch“
Derweil organisieren Familienministerin Kristina Schröder und Bildungsministerin Annette Schavan (beide CDU) für den 23. April einen runden Tisch, bei dem vor allem die Prävention Thema sein soll; geladen ist dazu eine größere Gruppe: neben Vertretern beider großen Kirchen auch solche von Familienverbänden, Internatsträgern und der freien Wohlfahrtspflege.
Der Versuch, einen gemeinsamen runden Tisch der Bundesregierung zu organisieren, scheiterte vergangene Woche. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) forderte ein Treffen, das sich ausschließlich mit Opfern aus kirchlichen Einrichtungen befassen sollte; die katholische Kirche lehnt eine Teilnahme ab.
Im Fall des sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule warnte der Wegbereiter der Bildungsreformen in Deutschland, Hartmut von Hentig, davor, die Gründe dafür in den Konzepten der Reformpädagogik zu sehen. Die Beschuldigungen müssten geklärt sein, bevor man sie in einen Zusammenhang mit irgendeinem pädagogischen Konzept stelle, schrieb er dem „Spiegel“. Zu den Vorwürfen gegen den früheren Direktor der Schule, der sein Lebensgefährte ist, gab er an, er habe nie einen Verdacht geschöpft.
Bernhard Felmberg, Bevollmächtigter des Rates der EKD, der diese bei dem runden Tisch vertritt, befürchtet nicht, dass der breit angelegte Teilnehmerkreis Verantwortlichkeiten verwässert: „Die katholische Kirche wird sich auch jenseits des Tisches ihrer Verantwortung stellen.“ Josef Kraus, der den Deutschen Lehrerverband repräsentieren wird, sagte, es sei zwar „nie verkehrt, wenn die Beteiligten sich an einen Tisch setzen“. Aller Erfahrung nach aber „kommt bei diesen runden Tischen wenig Konkretes heraus“. Der Bund habe in Schulfragen gar keine Kompetenz; federführend müssten die Kultusminister der Länder sein, die „mir hier ein wenig zu schläfrig“ sind.
Die Generalsekretäre von SPD und CSU, Andrea Nahles und Alexander Dobrindt, warnten davor, beim Thema Kindesmissbrauch nur auf die katholische Kirche zu sehen. Nahles sagte der F.A.S.: „Kindesmissbrauch ist keineswegs auf die katholische Kirche beschränkt.“ Er sei ein „breites gesellschaftliches Phänomen“. Sie fügte hinzu: „Deswegen rate ich Frau Leutheusser-Schnarrenberger, nicht so zu tun, als müsse nur in der katholischen Kirche nach Schuldigen gesucht werden. Sie wird sonst bald von anderen Einsichten überholt.“
Zugleich forderte Frau Nahles, die überzeugte Katholikin ist, es dürfe „keine systematische Vertuschung mehr geben“. Der CSU-Generalsekretär sagte, man dürfe den runden Tisch „nicht auf die Kirche verengen“: „Wir brauchen Hilfestellungen und keine Tribunalisierung.“
FRau Leutheusser-Schnarrenberger forderte derweil, die von Missbrauchsfällen „betroffenen Institutionen“ sollten „möglichst umfassendes und belastbares Zahlenmaterial“ vorlegen. Zudem regte sie eine unabhängige Untersuchungskommission an.