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Missbrauchsfälle Koalition einig über Aufarbeitung

17.03.2010 ·  Erstmals hat sich Kanzlerin Merkel selbst zur Debatte über sexuellen Missbrauch geäußert. Notwendig seien „Klarheit und Wahrheit über alles, was passiert ist“, sagte sie im Bundestag. Dabei solle die Diskussion nicht auf die katholische Kirche verengt werden.

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Nach Einschaltung von Bundeskanzlerin Merkel (CDU) haben sich die Bundesministerinnen Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), Schröder (CDU) und Schavan (CDU) auf ein gemeinsames Vorgehen bei der Aufarbeitung der jüngst bekanntgewordenen Fälle sexuellen Missbrauchs geeinigt. Es sei ein Anliegen der Kanzlerin gewesen, die sinnvollen Aktivitäten von Justiz-, Familien- und Bildungsministerium zur Aufarbeitung zu bündeln, sagte Regierungssprecher Wilhelm am Mittwoch in Berlin. Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger hatte bislang darauf beharrt, nur die katholische Kirche solle an einem runden Tisch zur Aufarbeitung der Fälle beitragen.

Dazu sollte nach ihrer Auffassung auch die Frage von Entschädigungen gehören. Familienministerin Schröder hatte dagegen davor gewarnt, die Debatte nur auf die katholische Kirche zu fokussieren und - gemeinsam mit Bildungsministerin Schavan - zu einem runden Tisch aller relevanten gesellschaftlichen Gruppen eingeladen. Die erste Sitzung dieses Gremiums soll am 23. April stattfinden. Frau Leutheusser-Schnarrenberger erklärte sich nun dazu bereit, in diesem Gremium mitzuwirken. Allerdings soll infolgedessen auch die Entschädigungsfrage erörtert werden.

Diskussion nicht auf katholische Kirche verengen

Die FDP-Politikerin relativierte ihre früher geäußerten Vorwürfe, die Kirche wirke nicht hinreichend an der Aufklärung mit. Der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ sagte sie, nach ihrem Eindruck sei in der katholischen Kirche viel in Bewegung gekommen. Mit einer „sympathischen Offenheit“ werde vieles hinterfragt. Erstmals äußerte sich auch Frau Merkel selbst zur Debatte über sexuellen Missbrauch. Notwendig seien „Klarheit und Wahrheit über alles, was passiert ist“, sagte sie in der Generaldebatte im Bundestag. Dabei solle die Diskussion nicht auf die katholische Kirche verengt werden.

Die Deutsche Bischofskonferenz erwägt derzeit, in welcher Form den Opfern sexueller Übergriffe weiterhin materielle und immaterielle Hilfe angeboten werden könne. Die Einrichtung eines eigenen Entschädigungsfonds ähnlich dem Fonds zur Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter oder die Beteiligung an einem Entschädigungsfonds, der sich aus mehreren Quellen speist, stehen nach Informationen dieser Zeitung derzeit nicht in Rede. Der Beauftragte der Bischofskonferenz für das Problem des sexuellen Missbrauchs, der Trierer Bischof Ackermann, äußerte sich gegenüber der „Rhein-Zeitung“ zuversichtlich, dass die Kirche der Sache bald Herr werde: „Wir werden in diesem Jahr unsere Leitlinien und die Entschädigung geklärt haben.“

Dabei sei finanzielle Unterstützung nur ein Teil der Entschädigung: „Die Anerkennung des Unrechts muss diesen Menschen auch gerecht werden. Wir wollen uns nicht durch bestimmte Summen freikaufen“, sagte Ackermann. Der Bischof äußerte weiter, die katholische Kirche habe durch falsche Rücksichtnahmen eine wesentlich frühere Aufklärung verhindert. „Da, wo wirklich kein Aufklärungswille war und Täter einfach nur versetzt wurden, müssen wir in einer ganzen Reihe von Fällen gestehen, dass vertuscht worden ist.“

In Rom will Papst Benedikt XVI. an Freitag einen Brief an die irischen Katholiken unterzeichnen, der sich mit der Rolle der Kirche angesichts der skandalösen Verfehlungen gegenüber Minderjährigen und Schutzbefohlenen beschäftigt. Der Papst sagte am Mittwoch: „Als ein Zeichen meiner tiefen Besorgnis habe ich einen Pastoralbrief geschrieben, der sich mit dieser schmerzvollen Situation befasst.“ Mittlerweile heißt es, die Fertigstellung des Briefes habe sich nicht zuletzt wegen der erst jetzt bekanntgewordenen Skandale in Deutschland verzögert. Im Vatikan wird Wert darauf gelegt, dass der Papst sich in der Vergangenheit mehrfach zu den Missbrauchskandalen geäußert hat.

„Ich glaube, es kann in dieser Sache keine Heilung geben“

Unterdessen werden in der katholischen Kirche Irlands die Spannungen größer, nachdem ihr Primas, der Erzbischof von Armagh, Kardinal Brady, offenbart hatte, dass er vor 35 Jahren an heimlichen Befragungen sexueller Missbrauchsopfer teilnahm, ohne dass die Zeugenaussagen misshandelter Kinder damals an die Polizei weitergegeben worden seien. Der Erzbischof von Dublin, Martin, beteuerte zwar, er wolle Brady nicht zum Rücktritt auffordern, sagte aber, die Menschen erwarteten jetzt, dass die Kirche „die ganze Wahrheit“ ans Licht bringe. Der Dubliner Erzbischof förderte in seiner Diözese die Arbeit der sogenannten Murphy-Kommission, die den Umgang der Kirchenverwaltung mit 46 Missbrauchsfällen umfassend aufarbeitete.

Die Arbeit dieser Kommission führte zu Rücktrittsangeboten von vier Geistlichen, die einst in Dublin mit Missbrauchsfällen befasst waren und die inzwischen anderswo in Irland Bischofsämter versehen. Erzbischof Martin sagte mit Blick auf Primas Brady, es sei nicht seine Aufgabe, einem Kollegen den Rücktritt nahezulegen oder ihn zum Bleiben aufzufordern. Die Betreffenden in der Kirche müssten Rechenschaft ablegen über das, was sie getan hätten. Martin sagte: „Ich glaube, es kann in dieser Sache keine Heilung geben, solange wir uns nicht vollständig der Vergangenheit stellen.“

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