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Missbrauch : Kinderpornos an der Odenwaldschule

Bild: André Laame

In den siebziger und achtziger Jahren machte ein Musiklehrer an der Odenwaldschule pornographische Aufnahmen von Kindern. Er hatte Helfer. Niemand griff ein, niemand unternahm irgendetwas.

          Es gibt zwei Arten von Pädokriminellen. Die einen werden erwischt. Die anderen nicht. Doch die Sexualität ist eine Großmacht, sie verlangt nach Betätigung, was auch immer ihre Objekte sein mögen. Wer einmal damit angefangen hat, Kinder sexuell zu benutzen, hört gewöhnlich nicht damit auf. In den Vereinigten Staaten haben Auswertungen unter verurteilten Päderasten als durchschnittliche Zahl der Opfer ergeben: knapp 170. Die gut 400 untersuchten Täter hatten zusammen 67 000 Kinder missbraucht. Und das waren Männer, die erwischt wurden. Es gibt auch solche, die niemand daran gehindert hat, weiterzumachen.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wie den Musiklehrer Wolfgang Held, der von 1966 bis 1989 an der Odenwaldschule unterrichtete. Held war "Familienhaupt", wie es an der Oso heißt, er lebte mit den Schülern zusammen. Meist waren es sechs, an vielen verging er sich; wer nicht mitmachte oder gefiel, verließ die "Familie" bald wieder. Held allein hat in diesen Jahren an der Schule, niedrig geschätzt, dreißig Jungen missbraucht, gewohnheitsmäßig. Seine Homosexualität war dort jedem bekannt, er hatte nur Jungen in seiner "Familie", war ständig von einer Traube von ihnen umgeben, darunter auch kleinen, abhängigen Kindern, die eigentlich im Pestalozzi-Haus betreut werden sollten. Aber manche hübsche, weiche Jungs kamen eben zu Held ins Herder-Haus, unter das Dach. Die Vorhänge in seiner Wohnung waren immer zugezogen.

          Niemand griff ein, niemand unternahm irgendetwas

          Niemand griff ein, niemand unternahm irgendetwas. Viele Lehrer fanden Held sowieso unausstehlich, mochten seine Art nicht, gingen ihm aus dem Wege. Aber er blieb ungeschoren: unter den Schulleitern Walter Schäfer, sodann Gerold Becker, der selbst pädokriminell war und wie Held im Herder-Haus wohnte, und schließlich Wolfgang Harder, Beckers Nachfolger ab 1985. Alle hielten die Hand über ihn; Becker selbst zog ja nachts im Bademantel durchs Herder-Haus, wo er im Erdgeschoss lebte, legte sich zu Kindern ins Bett, verging sich an ihnen. Gelegentlich ging er auch hinüber zu einem der anderen Pfefferkuchenhäuschen, die, im Wald verstreut, das verwunschene Paradies der Odenwaldschule bilden, und morgens sah man im Schnee seine Spuren.

          Die Odenwaldschule
          Die Odenwaldschule : Bild: dpa

          Der Schnee ist von gestern, längst geschmolzen, aber die Spuren sind wieder da. Auch die von Held. Dabei wurden die ersten Vorwürfe gegen ihn bereits 1968 erhoben. Er wurde, zusammen mit dem Lehrer Waldfried Mannheim (Name geändert), von etwa zehn Jungen wegen seiner sexuellen Übergriffe verklagt; die Knaben erzählten dem Direktor detailliert ihre Geschichten. Einer von ihnen, Friedhelm J., hatte die Gruppe zusammengetrommelt. Er war noch nicht lange auf der Schule, stammte aus einer Unternehmerfamilie. Auf das Internat kam er wegen der lebensbedrohlichen Erkrankung seines Vaters - der denkbar gefährlichste Einstieg. Denn die Päderasten fürchten und hassen Väter. Ihre Beute sind vor allem Kinder, die keinen Vater haben, sei es physisch, sei es psychisch, Waisen, Bindungswaisen. Bald war auch Friedhelms Vater tot.

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