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Veröffentlicht: 12.01.2013, 17:19 Uhr

Missbrauch in Katholischer Kirche Im Geheimen

Die katholische Kirche wollte Missbrauch aufarbeiten – mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Das ist gescheitert. Kein Wunder. Denn es geht um mehr als persönliche Befindlichkeiten.

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© Bildarchiv Marburg

Anderthalb Jahre ist es her, dass die Katholische Kirche Deutschlands mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) ein Forschungsprojekt auf den Weg brachte, um den „sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige“ zu untersuchen. In dieser Woche ist das Projekt mit einem großen Eklat gescheitert. Der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts, Christian Pfeiffer, wirft der Kirche Zensur vor, sogar Aktenvernichtung. Die Kirche wehrt sich: Pfeiffer sei maßlos, das Vertrauensverhältnis zerrüttet. Eine Schlammschlacht, ausgetragen von Alphatieren: hier der medienerfahrene und selbstbewusste Forscher, dort die Katholische Kirche.

Philip Eppelsheim Folgen:

Die Ursache dieses Streits ist jedoch nicht das Gebaren der ehemaligen Forschungspartner. Es geht mittlerweile zwar auch um persönliche Befindlichkeiten, aber angelegt ist das Zerwürfnis schon in dem Vertrag, den Pfeiffer Anfang Juli 2011 mit dem Verband der Diözesen schloss. Darin hieß es: „Neun (Erz-)Bistümer haben verbindlich zugesagt, sich an dem Forschungsprojekt zu beteiligen und werden dem KFN alle in den (Erz-)Bistümern erreichbaren Informationen über Fälle des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz seit 1945 für eine Längsschnittanalyse zur Verfügung stellen. Für den Zeitraum von 2000 bis 2010 haben alle (Erz-)Bistümer ihre Mitwirkung am Forschungsprojekt zugesagt. Dies betrifft sowohl Akteninhalte über solche Fälle, die nicht der Strafjustiz bekannt geworden sind, als auch die Aktenzeichen aller Strafverfahren, die in dieser Zeit gegen die Personengruppe, die Gegenstand des Forschungsprojekts ist, wegen sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen durchgeführt worden sind.“

Codex schreibt Aktenvernichtung vor

Was im Vertrag nicht stand, war ein Hinweis auf den Codex Iuris Canonici. In dem Gesetzbuch der Katholischen Kirche finden sich auch Vorschriften zu den Archiven der Katholischen Kirche. Canon 489§1 lautet: „In der Diözesankurie muß es außerdem ein Geheimarchiv geben, wenigstens aber einen eigenen Schrank oder ein eigenes Fach im allgemeinen Archiv, das fest verschlossen und so gesichert ist, daß man es nicht vom Ort entfernen kann; in ihm müssen die geheimzuhaltenden Dokumente mit größter Sorgfalt aufbewahrt werden.“ In §2 steht: „Jährlich sind die Akten der Strafsachen in Sittlichkeitsverfahren, deren Angeklagte verstorben sind oder die seit einem Jahrzehnt durch Verurteilung abgeschlossen sind, zu vernichten; ein kurzer Tatbestandsbericht mit dem Wortlaut des Endurteils ist aufzubewahren.“

Das Kirchenrecht schreibt die Aktenvernichtung also vor. Protokolle, Vernehmungen, Zeugenaussagen, Notizen müssen ab einem gewissen Zeitpunkt vernichtet werden. Es darf keine Akten über „Strafsachen in Sittlichkeitsverfahren“ geben, die älter als zehn Jahre sind. Jeder kann diese Vorschriften nachlesen. Auch der Rechtsprofessor Pfeiffer hätte dies tun können, bevor er den Vertrag mit den Bischöfen unterschrieb. Dann hätte er gewusst, was „erreichbare Informationen“ waren: kurze Tatbestandsberichte aus der Zeit vor mehr als zehn Jahren. Mehr nicht. Pfeiffer erfuhr das erst später.

Im Forschungskonzept seines Instituts stand: „Angesichts der Tatsache, dass sich offenbar die große Mehrheit der im Laufe des Jahres 2010 bekannt gewordenen innerkirchlichen Missbrauchsfälle in der Zeit vor 1990 ereignet hat, wird es nicht ausreichen, nur die letzten 10 oder 20 Jahre in die Untersuchung einzubeziehen.“ So sollte in den neun Diözesen eine „Tiefenbohrung“ stattfinden.

Hinweise in einigen Akten

Das Institut bezog sich in dem Konzept auch auf ein Münchner Gutachten aus dem Vorjahr. Der Erzbischof von München und Freising Reinhard Marx hatte eine Rechtsanwaltskanzlei beauftragt, ein Gutachten über „sexuelle und sonstige körperliche Übergriffe durch Priester, Diakone und sonstige pastorale Mitarbeiter“ zwischen 1945 und 2009 in seinem Amtsbereich zu erstellen. Er wollte damit „etwaige strukturelle Mängel“ aufdecken, um „etwaige Missstände und Fehlverhaltensweisen“ im Bereich der Erzdiözese zu vermeiden. Mitarbeiter des Ordinariats sichteten 13200 Akten: Personalakten, Gerichtsakten, sogar „Akten aus den Geheimarchiven des Erzbischofs und seines Generalvikars“.

Im Canon 490 des Codex Iuris Canonici §3 steht übrigens: „Aus dem Geheimarchiv bzw. Geheimschrank dürfen keine Dokumente herausgegeben werden.“ War der Bischof daran nicht gebunden?

Insgesamt 365 Akten enthielten „Hinweise auf etwaige einschlägige Vorfälle“. Sie wurden anwaltlich geprüft. Das Gutachten landete im Geheimarchiv. Die Kernaussagen stellten Marx, sein Generalvikar Peter Beer und die beauftragte Rechtsanwältin Marion Westphal Ende 2010 vor. Auf sieben Seiten. Und, wenn man großzügig ist, noch einer halben.

Der Wahrheit auf die Spur kommen

Eine Kernaussage ist, dass „nach den den Gutachtern vermittelten Erkenntnissen Aktenvernichtungen in erheblichem Umfang stattgefunden haben und weitreichende Aktenbestände außerhalb des Ordinariats in Privatwohnungen eingelagert wurden und damit einem manipulativen Zugriff ausgeliefert waren. Hinzu tritt, dass auch innerhalb der Ordinariatsräumlichkeiten die Akten gegen Zugriff durch Nichtbefugte nicht gesichert waren. Die Akten wiesen wohl auch aus diesen Gründen teilweise offenkundige Lücken auf. Vorgänge waren wiederholt nicht nachvollziehbar. Unabdingbare Dokumentationen, beispielsweise frühere Tätigkeiten der untersuchten Personen oder der Gründe für den Wechsel der Diözese bei fremdkardinierten Priestern, fehlten weitestgehend.“ Was nicht im Text steht: Das Kirchenrecht erzwingt „offenkundige Lücken“.

Aber warum hätte Marx auch darauf hinweisen sollen? Er, der selbst beim Thema Missbrauch in die Defensive gekommen war, stand nun als Aufklärer da. Ein Vorbild für die anderen Bischöfe. Und so wurde das Forschungsvorhaben geboren - mit Pfeiffer als Geburtshelfer. Man einigte sich schnell. Alle 27 Diözesanbischöfe stimmten zu. Bei der Projektvorstellung sagte der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann: „Wir wollen auch der Wahrheit, die möglicherweise noch unentdeckt in Akten vergangener Jahrzehnte liegt, auf die Spur kommen.“

„Phase aufkommender Irritation“

Das Forschungsprojekt hatte fünf Ziele: Es sollte belastbare Zahlen zum sexuellen Missbrauch erbringen, den Verlauf des Missbrauchs aus der Sicht der Opfer nachvollziehen, das Handeln der Täter analysieren, klären, wie sich die Kirche gegenüber Tätern und Opfern verhalten hat, und auf Grundlage dieser Ergebnisse das Präventionskonzept der Kirche überprüfen.

Es folgte „eine Phase aufkommender Irritation“, sagt Pater Hans Langendörfer, Sekretär der Bischofskonferenz. Um den Datenschutz besorgte Priestergruppen kritisierten das Projekt heftig und forderten, es abzubrechen, allen voran das „Netzwerk katholischer Priester“: Die Bischofskonferenz erwecke den Eindruck, dass die „Akteneinsicht ohne Einwilligung des Einzelnen alle Priester, Diakone und Ordensangehörige dem Generalverdacht von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen“ unterstelle.

Ende Oktober 2011 sprach Christian Pfeiffer mit Priestern des Netzwerks. Der Jurist hörte zum ersten Mal von der „Vorschrift, die kirchenrechtlich zwingend die Diözesen verpflichtet, zehn Jahre nach einer innerkirchlichen Verurteilung eines Täters die Akten zu vernichten“. Canon 489. Bis dahin sei er „fälschlicherweise“ davon ausgegangen, „dass die Akten aus 65 Jahren, so wie es im Vertrag steht, auch zur Verfügung stehen“. Ihm wurde klar: Die Vorschrift sei mit dem Forschungsvertrag nicht vereinbar. Sagt er heute.

Kirche will Kontrolle über Ergebnisse

Im November 2011 zog sich der Münchner Generalvikar Beer aus dem Projektbeirat zurück, „nachdem auf kritisch-konstruktive Fragen völlig unzureichend geantwortet wurde und nicht absehbar war, dass das in absehbarer Zukunft geschehen wird“, wie er mitteilen lässt. Pfeiffer sagt, Kardinal Marx und Generalvikar Beer seien zwar die ersten gewesen, die in Deutschland eine Untersuchung zum sexuellen Missbrauch der letzten 65 Jahre in Auftrag gegeben haben. Aber „das Typische für Herrn Beer war, dass diese Missbrauchsstudie nie veröffentlicht werden durfte“. Er habe wissen wollen, was geschehen sei, aber nicht, dass die Öffentlichkeit es auch erfahre. Pfeiffer wollte das Münchner Gutachten, bekam es aber nicht. Es lag ja im Geheimarchiv.

Anfang Mai 2012 erreichte Pfeiffer ein Vertragsentwurf, ausgearbeitet von einer Münchner Rechtsanwaltskanzlei im Auftrag der Erzdiözese München und Freising. „Die Kirche beanspruchte darin die Entscheidungsgewalt darüber, ob Forschungsergebnisse veröffentlicht werden oder nicht. Alle Texte sollten zur Genehmigung eingereicht werden. Das war nicht hinnehmbar“, sagt Pfeiffer. Ein zweiter Entwurf wurde von einer Rechtsanwaltskanzlei im Auftrag des Verbands der Diözesen ausgearbeitet. „Der neue Vertragsentwurf wiederholte die Zensur, oder besser gesagt, die Kontrollwünsche der Kirche. Es hieß jetzt zwar, dass Veröffentlichungen nur aus wichtigem Grund verboten werden könnten. Aber was ist für die Kirche ein wichtiger Grund?“

Das Gegenteil von Aufklärung

Von Zensur könne keine Rede sein, erwidert Generalvikar Beer. Der Kirche sei es ein Anliegen gewesen, „darüber zu diskutieren, wie der unbestreitbar vorhandene unbedingte Wille zur Aufklärung im Sinne der Opfer von Missbrauch mit der notwendigen Sorgfaltsverpflichtung sowie Fürsorgepflicht gegenüber kirchlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zu vereinbaren ist“. Von nun an ging es zwischen Pfeiffer und der Kirche immer weniger um die Sache. Es begann ein Kleinkrieg. Das Gegenteil von Aufklärung.

Der Kriminologe Christian Pfeiffer © AFP Vergrößern Der Kriminologe Christian Pfeiffer

Am 22. Oktober 2012 schrieb Pfeiffer einen langen Brief an alle Bischöfe. Er beklagte, dass zwar jeder von ihnen mit Handzeichen für das Forschungsprojekt gestimmt habe, doch dieses „Votum für die einzelnen (Erz-)Diözesen nicht bindend war“. Er schrieb, dass es „eine Zensur durch die Katholische Kirche...in diesem Projekt nicht geben“ dürfe. Die Diözesen München und Freising sowie Regensburg hätten das Projekt seit einem Jahr „faktisch lahm gelegt“. Und noch etwas: „Unabhängig voneinander haben zwei renommierte Persönlichkeiten der Katholischen Kirche mich in den vergangenen Wochen darauf hingewiesen, dass ihnen verlässliche Informationen vorliegen, wonach man in verschiedenen Diözesen die vergangenen zwölf Monate dazu genutzt hat, aus den Geheimarchiven Täterakten zu entfernen. Zum Teil sei dies unter Anwendung der kirchenrechtlichen Vorschrift geschehen...Daneben gäbe es aber auch die Praxis, Akten schlicht dem Zugriff der Personen zu entziehen, die später dafür verantwortlich wären, sie an die für die Aktenanalyse zuständigen Juristen zu übergeben.“

Überprüfung der Geheimarchive

Ein schwerer Vorwurf, denn im kanonischen Recht gibt es auch dazu eine Vorschrift: „Nur der Bischof darf den Schlüssel zum Geheimarchiv haben.“

Pfeiffer bat um eine gründliche Prüfung. „Ich wäre sehr erleichtert, wenn Sie mir danach versichern könnten, dass die beiden Persönlichkeiten falsch informiert worden sind und dass uns weiterhin zu allen Missbrauchsfällen des vereinbarten Untersuchungszeitraums in allen (Erz-Diözesen) die einschlägigen Akten vollständig zur Verfügung gestellt werden können.“ Die „dunklen Hinweise“ zur Aktenvernichtung seien ein „Tiefschlag“ gewesen, sagt Pater Langendörfer, der Brief sei von „Misstrauen geprägt“: „Er hat uns düpiert.“

Die Rechtsanwaltskanzlei, die den Verband der Diözesen Deutschlands und seine Mitglieder vertritt, antwortete Pfeiffer. Die Bischöfe würden der „auf anonymen Hinweisen beruhenden Behauptung, in verschiedenen Diözesen seien in den vergangenen 12 Monaten aus den ‚Geheimarchiven‘ Täterakten entfernt worden, nachgehen“. Das Wort „Geheimarchive“ setzte die Kanzlei in Anführungszeichen. Kannte sie das kanonische Recht überhaupt? Da steht es nicht in Anführungszeichen. „Die Überprüfung wäre erleichtert, wenn Sie uns mitteilen könnten, um welche Diözesen es sich handeln soll“, schrieb der Anwalt der Kirche.

Offene Fragen, sonst nichts

Pfeiffer antwortete wieder an alle Bischöfe. Er könne die „gründliche Recherche“ der Diözesen nicht unterstützen: „Meine Gesprächspartner haben es bewusst vermieden, mir gegenüber die fraglichen (Erz-)Diözesen konkret zu benennen. Dazu sehen sie sich gegenüber ihren Informanten verpflichtet, weil Letztere offenbar die Sorge haben, bei Bekanntwerden dieser Vorgänge ihren Arbeitsplatz verlieren zu können. Meine Gesprächspartner haben beide klar herausgestellt, dass sie ihren Informanten glauben, weil deren Hinweise sehr konkret gewesen seien und weil sie überdies allein schon durch das Gespräch ein beträchtliches Risiko in Kauf genommen hätten.“

Konkret: Pfeiffer kannte die Quellen nicht, er wusste es nur vom Hörensagen. Was bleibt von anderthalb Jahren Aufklärung? Lauter Fragen, Gerüchte, Vorwürfe. Also nichts.

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