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Missbrauch in Katholischer Kirche : Im Geheimen

Bild: Bildarchiv Marburg

Die katholische Kirche wollte Missbrauch aufarbeiten – mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Das ist gescheitert. Kein Wunder. Denn es geht um mehr als persönliche Befindlichkeiten.

          Anderthalb Jahre ist es her, dass die Katholische Kirche Deutschlands mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) ein Forschungsprojekt auf den Weg brachte, um den „sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige“ zu untersuchen. In dieser Woche ist das Projekt mit einem großen Eklat gescheitert. Der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts, Christian Pfeiffer, wirft der Kirche Zensur vor, sogar Aktenvernichtung. Die Kirche wehrt sich: Pfeiffer sei maßlos, das Vertrauensverhältnis zerrüttet. Eine Schlammschlacht, ausgetragen von Alphatieren: hier der medienerfahrene und selbstbewusste Forscher, dort die Katholische Kirche.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Die Ursache dieses Streits ist jedoch nicht das Gebaren der ehemaligen Forschungspartner. Es geht mittlerweile zwar auch um persönliche Befindlichkeiten, aber angelegt ist das Zerwürfnis schon in dem Vertrag, den Pfeiffer Anfang Juli 2011 mit dem Verband der Diözesen schloss. Darin hieß es: „Neun (Erz-)Bistümer haben verbindlich zugesagt, sich an dem Forschungsprojekt zu beteiligen und werden dem KFN alle in den (Erz-)Bistümern erreichbaren Informationen über Fälle des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz seit 1945 für eine Längsschnittanalyse zur Verfügung stellen. Für den Zeitraum von 2000 bis 2010 haben alle (Erz-)Bistümer ihre Mitwirkung am Forschungsprojekt zugesagt. Dies betrifft sowohl Akteninhalte über solche Fälle, die nicht der Strafjustiz bekannt geworden sind, als auch die Aktenzeichen aller Strafverfahren, die in dieser Zeit gegen die Personengruppe, die Gegenstand des Forschungsprojekts ist, wegen sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen durchgeführt worden sind.“

          Codex schreibt Aktenvernichtung vor

          Was im Vertrag nicht stand, war ein Hinweis auf den Codex Iuris Canonici. In dem Gesetzbuch der Katholischen Kirche finden sich auch Vorschriften zu den Archiven der Katholischen Kirche. Canon 489§1 lautet: „In der Diözesankurie muß es außerdem ein Geheimarchiv geben, wenigstens aber einen eigenen Schrank oder ein eigenes Fach im allgemeinen Archiv, das fest verschlossen und so gesichert ist, daß man es nicht vom Ort entfernen kann; in ihm müssen die geheimzuhaltenden Dokumente mit größter Sorgfalt aufbewahrt werden.“ In §2 steht: „Jährlich sind die Akten der Strafsachen in Sittlichkeitsverfahren, deren Angeklagte verstorben sind oder die seit einem Jahrzehnt durch Verurteilung abgeschlossen sind, zu vernichten; ein kurzer Tatbestandsbericht mit dem Wortlaut des Endurteils ist aufzubewahren.“

          Das Kirchenrecht schreibt die Aktenvernichtung also vor. Protokolle, Vernehmungen, Zeugenaussagen, Notizen müssen ab einem gewissen Zeitpunkt vernichtet werden. Es darf keine Akten über „Strafsachen in Sittlichkeitsverfahren“ geben, die älter als zehn Jahre sind. Jeder kann diese Vorschriften nachlesen. Auch der Rechtsprofessor Pfeiffer hätte dies tun können, bevor er den Vertrag mit den Bischöfen unterschrieb. Dann hätte er gewusst, was „erreichbare Informationen“ waren: kurze Tatbestandsberichte aus der Zeit vor mehr als zehn Jahren. Mehr nicht. Pfeiffer erfuhr das erst später.

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