12.03.2010 · Die Schriftstellerin Amelie Fried fordert den früheren Direktor der Odenwaldschule, Gerold Becker, dazu auf, sich bei den Opfern sexuellen Missbrauchs zu entschuldigen. Die ehemalige Schülerin der Reformschule kritisiert in der F.A.Z., Erzieher von damals verteidigten ihr Verhalten jetzt in „schmierigen Pamphleten“.
Die Schriftstellerin Amelie Fried hat den ehemaligen Direktor der Odenwaldschule Gerold Becker dazu aufgefordert, sich zu Vorwürfen über sexuellen Missbrauch zu äußern und sich bei den Opfern zu entschuldigen. Die Autorin war Anfang der siebziger Jahre Schülerin der Odenwaldschule, als Becker dort Direktor war, und legte an der Privatschule ihr Abitur ab. In einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (Samstagsausgabe) kritisiert Amelie Fried die beschuldigten Erzieher von damals, die ihr Verhalten jetzt teilweise in „schmierigen Pamphleten“ verteidigten und die Ursache für den Missbrauch gar bei den Schülern suchten. Sie hätten das Vertrauen der Schüler „aufs Widerwärtigste“ ausgenutzt.
Ein Wort der Entschuldigung Beckers könne den ehemaligen Schülern wieder das Gefühl geben, zu Recht auf „ihre Odenwaldschule“ stolz zu sein, schreibt Fried in dem Artikel. Der Reformpädagoge Hartmut von Hentig, der mit Gerold Becker zusammenlebt, wurde am Freitag in der „Süddeutschen Zeitung“ mit den Worten zitiert, dass Becker sich nichts zuschulden habe kommen lassen, es könne allenfalls so gewesen sein, dass ein Schüler Becker verführt habe.
„Es gab keinen Anlass, der Odenwaldschule zu misstrauen“
Das Hinwegsehen über Fälle sexuellen Missbrauchs, wie es an der Odenwaldschule nach Ansicht von Opfern über Jahre hinweg stattfand, hat nach Einschätzung des früheren hessischen Kultusministers Hartmut Holzapfel (SPD) nicht durch die staatliche Schulaufsicht verhindert werden können. Holzapfel, der von 1991 bis 1999 Kultusminister war, sagte dieser Zeitung am Freitag, die Schule habe seinerzeit „einen untadeligen Ruf“ gehabt. „Es gab keinen Anlass, ihr besonderes Augenmerk zu widmen“.
Die Staatlichen Schulämter gewichteten ihre Aufmerksamkeit nach eigener Einschätzung; wie an anderen Gymnasien auch habe es daher keine regelmäßigen Visitationen gegeben, sagte Holzapfel. So lange ein Schulrat keine Klagen höre, die vorgelegten Abituraufgaben nicht zu beanstanden und die Anmeldezahlen stabil seien, kümmerten sich die Beamten eher um bekannte „Problemschulen“. Nach dem Hessischen Schulgesetz beschränkt sich die Aufsicht über Privatschulen auf die Genehmigungs- und Anerkennungsvoraussetzungen - in der Praxis bedeutet das, dass eine einmal genehmigte Schule nicht mehr viel zu befürchten hat. Unterrichtsbesuch sind aber jederzeit möglich.
Mutmaßlich dreizehn Jahre lang regelmäßig Schüler sexuell missbraucht
Die 1910 gegründete Odenwaldschule galt bisher als reformpädagogische Vorzeigeeinrichtung. Ihr früherer Leiter Gerold Becker soll in seiner Amtszeit zwischen 1972 und 1985 regelmäßig Schüler sexuell missbraucht haben. Von bis zu 100 Opfern ist in Kreisen der Altschüler die Rede; bei der Schule haben sich nach Angaben ihrer heutigen Leiterin Margarita Kaufmann 33 Betroffene gemeldet, die acht Lehrer beschuldigen. Zugleich soll unter Leitung Beckers eine Atmosphäre entstanden sein, in der sexuelle Handlungen zwischen Lehrern und den ihnen in „Familiengruppen“ auch nachts anvertrauten Schülern als hinzunehmen galten.
Sogar Gäste der Lehrer sollen sich an Kindern vergangen haben. Frau Kaufmann berichtete, ein Schüler habe ihr „sehr glaubhaft“ erzählt, bis zu 400 Mal von Becker missbraucht worden zu sein. Die Vorwürfe waren Ende 1999 erstmals öffentlich geworden. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelte damals; das Verfahren wurde jedoch eingestellt, weil sexueller Missbrauch zehn Jahre nach dem 18. Geburtstag des Opfers verjährt.
Frühe Hinweise
Holzapfel vermutete nun, dass bereits die Entpflichtung Beckers vom Amt des Schulleiters im Alter von 49 Jahren als Hinweis darauf gelten könne, dass der Vorstand des Trägervereins von den Vorfällen erfahren habe. Eine umfassende Aufarbeitung - geschweige denn eine Entschuldigung bei den Opfern - fand hingegen nicht statt.
Der Becker nachfolgende Schulleiter Wolfgang Harder rundete die Zahl der fünf Altschüler, die sich bis dahin als Missbrauchsopfer zu erkennen gegeben hatten, damals auf zwei ab und gab zu bedenken, „dass alle auch von Herrn Beckers Wirken profitiert hätten“. In Harders Amtszeit kehrte Becker, der heute 73 Jahre alt und schwer krank ist, als Lehrer zeitweilig an die Schule zurück. Darüber hinaus war er im Dienste des Landes Hessen - also im Auftrag Holzapfels - Berater für die damals vier hessischen Reformschulen und ein gefragter Redner.
Holzapfel erlebte ihn als „charmant, gewinnend, geistreich - so, wie man sich einen Pädagogen wünscht.“ Dass Becker mit dem Nestor der deutschen Reformpädagogik Hartmut von Hentig liiert war und ist, habe er gewusst, sagte Holzapfel. Drei Altschüler haben Hentig jüngst in einem Brief vorgeworfen, dass er durch seine häufigen Besuche in der Odenwaldschule und als Lebensgefährte Beckers mit den „Umgangsformen“ in dessen Familiengruppe „vertraut“ gewesen sei. Hentig wies das zurück: Sein Freund sei immer sehr „offen“ im Umgang mit Mädchen und Jungen gewesen, mehr habe er nicht mitbekommen. Die hessische Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) will in der nächsten Sitzung des Schulauschusses des Landtags die Ergebnisse ihrer Nachforschungen präsentieren.