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Veröffentlicht: 22.04.2014, 16:37 Uhr

Kurden in Deutschland Parallele Welten

Mhallamiye-Kurden gelten in Deutschland als schwer integrierbar. Sie leben in geschlossenen Strukturen, ihre Clans stehen häufig für organisierte Kriminalität. Die Stadt Essen versucht das zu ändern.

von , Essen
© Friedhelm Zingler Große Familie: Nadja Khodr mit acht ihrer 14 Kindern. Sie ist stolz, dass sie alle auf einem guten Weg sind

Ahmad Omeirat hat es geschafft. „Naja, nicht ganz“, wendet er ein. Der junge Mann sitzt in einem rustikalen bayerischen Brauhaus mitten in Essen. Er trinkt ein paar kräftige Züge seines alkoholfreien Weißbiers. Dann stellt er sein Glas zurück auf den Bierfilz und beginnt zu erzählen. „Mein Traum war, edle Herrenmode zu verkaufen. Leider habe ich damals keinen Ausbildungsplatz bekommen.“ 180 Bewerbungen schrieb Omeirat. „Aber viele Leute haben Vorurteile. Bei Namen wie Omeirat, Saado oder El-Zein denken sie an böse Familien-Clans.“ Ahmad Omeirat absolvierte seine Lehre schließlich im elterlichen Juweliergeschäft.

Reiner Burger Folgen:

Heute führt der 30 Jahre alte Mann das Geschäft gemeinsam mit seinem Vater und ist ein angesehener Kaufmann in Essen. In die Wiege gelegt war Omeirat der Aufstieg nicht. Er gehört der Volksgruppe der Mhallamiye an, kam 1983 in Beirut mitten in den libanesischen Bürgerkrieg hinein zur Welt. Seine Mutter floh 1985 mit ihm und seiner 40 Tage alten Schwester zunächst nach Syrien und dann nach Deutschland. Omeirats Vater folgte wenig später. Im Aufnahmelager Unna-Massen wies man der jungen Familie eine Unterkunft für Asylbewerber in Essen zu. 1999 wurden die Omeirats eingebürgert. „Und das hat uns sehr gut getan“, sagt Ahmat Omeirat. „Ich bin ein Essener.“

Enge Clan-Strukturen

Die Mhallamiye-Kurden sind eine arabischsprachige Volksgruppe aus Südostanatolien. Als Wirtschaftsflüchtlinge zogen einige der Familien in den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhundert in den Libanon. Eingebürgert wurden die meisten von ihnen dort nicht. „Die Mhallamiye waren auf sich gestellt und rückten enger zusammen“, heißt es in einer Studie des Berliner Publizisten und Islamwissenschaftlers Ralph Ghadban. Noch enger als ohnehin schon seien dadurch die Clan-Strukturen geschnürt worden, um das Überleben der Gruppe gewährleisten zu können. „Und die Ghettoisierung war extrem.“ In Beirut fristeten sie ein kümmerliches Dasein.

Zwischen 1975 und 1990 kamen Mhallamiye-Kurden dann in drei Wellen als Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Libanon nach Deutschland. In Berlin, Essen und Bremen gibt es heute die größten Mhallamiye-Gemeinden. „Die mitgebrachten soziokulturellen Strukturen wurden verfestigt, die Ghettoisierung wurde wegen der fremden kulturellen Umwelt noch größer“, schreibt Ghadban. Die Anträge auf Asyl der „Libanon-Kurden“ wurden fast immer abgelehnt. Abgeschoben werden konnten sie aber meist schon deshalb nicht, weil sie keine Pässe besaßen oder ihre Papiere vernichtet hatten. Im Zuge der sogenannten Altfallregelungen erhielt mehr als die Hälfte der Volksgruppe mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft.

Tatort © Radio Bremen/Jörg Landsberg Vergrößern „Undifferenziert und diffamierend“: Eine Szene aus dem Bremer Tatort „Brüder“

Doch die Mhallamiye blieben, „wo sie waren und verwandelten ihre Ghettos in eine Parallelgesellschaft. Die deutsche Gesellschaft blieb ihnen fremd und sie betrachteten sie primär als Beutegesellschaft“, urteilt der aus dem Libanon stammende Ghadban. Die Libanon-Flüchtlinge und ihre Nachkommen reproduzierten ihre „tribalen Verhältnisse“, grenzten sich auch durch Großfamilien ab und planten ihr Leben mit Sozialhilfe. Darüber hinaus biete die Kriminalität uneingeschränkte Ressourcen. Rauschgifthandel, Erpressung, Diebstahl und Raubüberfälle ermöglichten es, große Reichtümer auch ohne Ausbildung oder akademischen Grad anzusammeln.

In Berlin gelten mehrere Großfamilien als gefährlich. Einige spektakuläre Taten, wie etwa der bewaffnete Überfall auf ein internationales Pokerturnier in der Hauptstadt im Jahr 2010, gehen auf das Konto von Mitgliedern einer Mhallamiye-Familie. Im Ruhrgebiet kamen Fahnder im Mai 2009 drei Brüdern einer kurdisch-libanesischen Großfamilie auf die Schliche, denen es gelungen war, „sich eine Monopolstellung bei der Belieferung des Oberhausener Rotlichtmilieus mit Kokain zu sichern“, wie es im Lagebericht 2009 des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamtes heißt. In Bremen machen seit vielen Jahren schon Mitglieder der Familie M. mit schweren Straftaten von sich Reden.

Kritik am Bremer Tatort „Brüder“

Ibrahim M. führte eine Zeit lang den Rockerclub „Mongols MC Bremen“, der nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden fast ausschließlich aus Mhallamiye-Kurden bestand und „in strafbare Handlungen von Angehörigen dieses Großfamilienverbundes einbezogen werden sollte“, wie die Bremer Sicherheitsbehörden feststellten. Im September 2013 bestätigte das Oberverwaltungsgericht der Freien Hansestadt Bremen die Verbotsverfügung des Innensenators gegen den Club.

„Ich bestreite nicht, dass es in Teilen der libanesischen Community Clan-Strukturen und Kriminelle gibt“, sagt Ahmat Omeirat. Doch ihn rege auf, dass seine Volksgruppe oft über einen Kamm geschoren werde. Ein Beispiel sei der düster-brutale Bremer Tatort „Brüder“, der Ende Februar in der ARD lief. Dabei gehe doch auch in Bremen, wo 2600 Mhallamiye-Kurden in 31 Großfamilien leben, die Zahl der Kriminalfälle aus der Gruppe zurück. „Ich finde es furchtbar, wenn eine Gruppe zur besten Fernsehzeit völlig undifferenziert dargestellt und unter Generalverdacht gestellt wird“, sagt Omeirat. Das schade jenen, die sich in die deutsche Gesellschaft integrieren wollten. Gerade die Stadt Essen, wo etwa 5000 Mhallamiye-Kurden leben, engagiere sich mit seinem Integrations- und Präventionsprojekt „Chancen bieten, Grenzen setzen“ vorbildlich.

Sebastian Klören war der einzige, der sich auf die Stelle des Fachgruppenleiters für das Modellprojekt bewarb. „Das Thema war damals einfach zu angstbesetzt“, sagt der Sozialpädagoge. Regelmäßig waren Mitglieder Essener Mhallamiye-Clans durch „zum Teil massive ordnungsbehördliche und strafrechtlich relevante Vorkommnisse“ aufgefallen, wie es abstrakt in einem Bericht der Stadt heißt. „Ein großer Teil“ der in Essen lebenden Mhallamiye war damals laut Jugendamt in keiner Weise integriert. Essen entschied sich, Förder- und Bildungsmaßnahmen mit Interventions- und Sanktionsmaßnahmen zu kombinieren. Das Projekt „Chancen bieten, Grenzen setzen“ soll die Arbeit von Ausländer-, Jugend-, Schulamt, Arbeitsagentur, Polizei und Staatsanwaltschaft miteinander vernetzen. „Wir fokussieren uns auf Jugendliche, weil ab einem bestimmten Alter der Zug abgefahren ist“, sagt Klören.

„Wir kommen überall hin“

Es war ein mühsamer Beginn für Klören und seine drei Fallmanager Christiane Imhof, Ivan Gersic und Gisela Peters, die jeweils in zwei Essener Stadtbezirken tätig sind. „Wir kannten ja keine einzige Mhallamiye-Familie“, erzählt Klören. Ohne ihre „interkulturellen Vermittler“, Khaled Sado und Rabik Badr hätten die Sozialarbeiter keine Chance gehabt, an die Familien heranzukommen. Die beiden stammen selbst aus dem Libanon. Sie kennen fast alle Essener Mhallamiye-Familien, sie waren die Türöffner in eine Parallelgesellschaft für Klören und seine Kollegen. „Nach vier Jahren konnten wir dann sagen: Wir kommen überall hin. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht“, sagt Klören.

In der Wohnung von Nadja Khodr gibt es fast keine Möbel. Im Kinderzimmer liegen Ahmed und Tarek bäuchlings auf dem Teppich und machen Hausaufgaben. Die 44 Jahre alte Nadja Khodr und ihre 14 Kinder leben von Geld, das ihnen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zu steht. Mit etwas mehr als 2800 Euro monatlich muss Nadja Khodr ihre Familie durchbringen - alleine. Denn vor vier Jahren verschwand ihr Mann spurlos, weil er eine lange Haftstrafe nicht antreten wollte. Die beiden ältesten Töchter Rania und Fadia helfen im Haushalt. Nadja Khodr ist stolz, dass ihre Kinder trotz aller Widrigkeiten auf einem guten Weg sind: Jasmin absolviert gerade eine Ausbildung in einer Bäckerei, Chucrieh und Sarah machen bald Abitur und auch die anderen Töchter und Söhne gehen bis auf Haifa, die Jüngste, zur Schule.

Nadja Khodr sitzt aufrecht auf dem Sofa und spricht mit Fallmanagerin Imhof über ihre Sorgen und Nöte. Schnell dreht sich das Gespräch wie so oft nur noch um das eine Thema: die Duldung. Khodr und ihre Kinder sind wie etwa 1000 Essener Mhallamiye-Kurden staatenlos und haben keinen Aufenthaltstitel, ihre Abschiebung ist formal nur ausgesetzt, ihre Duldung muss alle paar Wochen verlängert werden. Geduldete dürfen nur mit Ausnahmegenehmigung arbeiten, sie dürfen nicht heiraten, bekommen keinerlei Integrationsleistung. Viele Geduldete besorgen sich auch deshalb keine türkischen oder libanesischen Papiere, weil sie Angst haben, mit einem Pass gleich abgeschoben zu werden. Nadja Khodr sagt, alle ihre Kinder seien in Essen geboren, sie sprächen nur deutsch. „Meine Kinder sind nicht kriminell und trotzdem bleibt uns nur die Duldung. Was sollen wir noch machen?“, fragt Khodr.

Hausbesuche bis hin zur Beugehaft

Sozialarbeiter Klören, glaubt, dass die Duldungsfrage manchmal nur vorgeschoben werde. „Ich kann es schon nicht mehr hören, wenn junge Mhallamiye ihre kriminelle Karrieren oder ihr Schulschwänzen damit rechtfertigen, sie seien eben nur geduldet.“ Beispiele wie die Khodrs machten aber deutlich, dass man Leuten, die sich anstrengen und an die Regeln halten, Perspektiven bieten müsse. Ohnehin sieht Klören seine Aufgabe im Modellprojekt „Chancen bieten, grenzen Setzen“ vor allem darin, Chancen zu bieten. Er organisiert Sprachkurse für Frauen, die bisher völlig isoliert in ihrer Mhallamiye-Welt gelebt haben. Im Essener Norden gibt es unter Anleitung der Sozialarbeiter auch eine Jugendgruppe namens „Engagierte Jungs“, die sich zur Aufgabe gemacht hat, einen Platz sauber zu halten.

Doch auch auf das „Grenzen setzen“ kommt es an. Werden Jugendliche straffällig, macht Klören umgehend einen Hausbesuch bei den Eltern. „Beim Essener Modell ist gewährleistet, dass bei den Ermittlungsbehörden immer derselbe Sacharbeiter zuständig ist, dass das Verfahren zügig vorangeht, es schnell zu Anklage kommt.“ Das konsequente „Grenzen setzen“ beginne schon beim Thema Schulschwänzen. „Jeder unentschuldigte Fehltag wird konsequent angezeigt und ein Bußgeld verhängt. Das wird durchgezogen bis zur Beugehaft für die Erwachsenen.“

Auch mit wiederholter „Schulzuführung“ haben es Klören und seine Leute versucht. „Bis zu fünf Mal haben wir schon Kinder und Jugendliche von der Polizei in die Schule bringen lassen. Zur Not passiert das sogar im Schlafanzug.“ Aber es gibt manche, die auch das nicht sonderlich beeindruckt hat. Hin und wieder fragt sich Klören, was man mit jenen machen soll, die sich nicht integrieren wollen, die sich nicht für die Werte der Gesellschaft interessieren. „Aber auch diese Leute werden hier bleiben, sie können nirgendwo anders hin. Wir müssen mit diesen Problemen fertig werden.“

Schwelende Konflikte der Großfamilien

Integrationshemmnis Nummer eins sind nach Einschätzung des Berliner Islamforschers Ghadban die gefestigten Stammesverhältnisse der Mhallamiye. „Die tribalen Strukturen führen dazu, dass die Mitglieder eines Stammes alle außerhalb ihrer Familie als Feinde betrachten. Deshalb streiten Mhallamiye oft untereinander.“ Auch in Essen sei immer wieder mit Messerstechereien zu rechnen, sagt Sozialarbeiter Klören, auch wenn es viel besser geworden sei. Doch schwelende Konflikte der Großfamilien brächen schnell auf.

„Da wird dann zum Handy gegriffen und ruckzuck ist die Sippe aktiviert. Dann sind 60 Leute auf der Straße, obwohl vielleicht nur zwei, drei einen Streit haben“, sagt Klören. Immer wieder gelingt es seinen „interkulturellen Mittlern“, Streit zu schlichten. Rhabih Badr führte sogar schon vom Urlaub aus per Telefon Vermittlungsgespräche mit rivalisierenden Clan-Vertretern. Als vorbildlich gilt zudem das Wirken von Imam Raschid bei Ehe- und Familienstreitigkeiten und bei der Deeskalation von Schlägereien. Im Gegensatz zu Geistlichen oder sogenannten Friedensrichtern versteht er sich als Helfer der deutschen Behörden, nicht als ihr Gegner.

Der Journalist und Jurist Joachim Wagner beschreibt in seinem Buch „Richter ohne Gesetz“ auch an Beispielen aus Essen, wie eine islamische Paralleljustiz den Rechtsstaat gefährden kann. Er berichtet von Faris A., der Abdul L. Ende 2009 in Essen-Katernberg als Machtdemonstration gezielt in den Fuß schoss. Ein paar Wochen später rächte sich der Bruder des Opfers an Faris A. mit einem Schuss ins Bein, weil er sich nach islamischen Recht zur Vergeltung befugt sah. Der Streit zwischen zwei anderen Männern um eine Frau mündete 2006 in einen Gruppen-Kampf, den die zwei verfeindeten Gangs mit Messern, Totschlägern und Knüppeln ausfochten.

„Man kann keine Gruppen integrieren“

Zwei junge Männer wurden verletzt. Erst ein Friedensrichter konnte einen Deal zwischen den beiden Familien aushandeln – vorbei an der deutschen Justiz. Gegen ein Blutgeld zogen alle Beteiligten ihre Aussagen gegenüber Polizei und Staatsanwaltschaft zurück; die Verfahren mussten eingestellt werden. Als Reaktion auf Wagners Recherchen bat das nordrhein-westfälische Justizministerium Ende November 2010 die Generalstaatsanwälte des Landes, über Erkenntnisse zum Problem Paralleljustiz zu berichten. In den „wenigen dem Ministerium berichteten Einzelfällen“, in denen ein Tätigwerden muslimischer Streitschlichter oder Friedensrichter bekannt geworden ist, hatten sich allerdings keine Anhaltspunkte dafür ergeben, dass Ermittlungs- oder Strafverfahren beeinträchtigt worden seien, hieß es aus dem Ministerium.

Gegen die Selbstjustiz im libanesischen Milieu setzte die Essener Strafjustiz vor wenigen Wochen ein Zeichen. Das Landgericht verurteilte zwei junge Männer einer Mhallamiye-Familie wegen gefährlicher Körperverletzung mehrjährigen Haftstrafen; die beiden hatten im August 2012eine mit ihnen verwandte Familie in Essen-Altendorf angegriffen, weil ihre Schwester sich mit einem der Mitglieder der anderen Familie eingelassen hatte. „Der Rechtsstaat muss sich Respekt verschaffen, indem er das Gesetz durchsetzt“, sagt der Berliner Islamwissenschaftler Ghadban. Er ist sich sicher, dass die Integration der Mhallamiye nur funktioniert, wenn es gelingt, ihre Stammesstrukturen aufzubrechen. Vereine wie die sogenannte Familienunion in Essen, die vom Geschäftsmann Ahmat Omeirat mitgegründet wurde, sieht er skeptisch.

„Man kann keine Gruppe integrieren, man kann nur Individuen integrieren.“ Auch Klören sieht die Familien-Struktur als großes Problem. Die Mhallamiye seien gut vernetzt und blieben unter sich. „Dass der Cousin seine Cousine heiratet, ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Dieses Netz ist wie Mehltau.“ Unter welchem Druck gerade junge Mhallamiye-Frauen stehen, bekommen Klören und seine Mitarbeiter jedes Jahr dutzendfach vor Augen geführt. Rund 30 Mädchen lassen sich Jahr für Jahr vom Essener Jugendamt freiwillig in Obhut nehmen, weil sie einen Freund haben, den ihre Großfamilie ablehnt. Die Mädchen werden bedrängt und oft auch geschlagen, ihre Freunde bedroht und verprügelt.

80 Beamte bei Großschlägerei

Zur Sicherheit lässt Klören Mädchen, die sich in Obhut nehmen lassen in Jugendschutzstellen außerhalb Essens unterbringen. Doch dann ist es fast immer dasselbe: Die jungen Frauen atmen tief durch, stellen dann aber fest, dass sie mit der Freiheit nichts anfangen können. „Obwohl sie von ihren Familien gedemütigt wurden, sie geschlagen, ihnen die Haare abgeschnitten wurden, streiten sie das alles ab, wenn die Sehnsucht nach der Familie zurück kommt.“ Höchstens fünf junge Frauen haben in all den Jahren die Kraft gefunden, sich komplett von ihren Familien zu trennen. Es ist ein Abschied für immer. Die Frauen brauchen einen neuen Namen, ziehen in eine fremde Stadt, müssen auch ihre Aussehen verändern. „Denn die Familien sind ja vielerorts vernetzt.“

Susanne Skorzik ist Hauptkommissarin bei der Polizei in Essen und „Kontaktbeamtin“ für muslimische Institutionen. Skorzik arbeitet im „Essener Modell“auch eng mit Klörens Team vom Jugendamt zusammen. „Mit dem Jugendamt verbindet uns, dass wir die Guten von den Bösen trennen“, sagt Skorzik, die regelmäßig selbst Einsätze leitet. „Und wir haben die Aufgabe, staatliche Macht zu demonstrieren.“ Skorzik lässt schon mal 80 Beamte aufmarschieren, wenn eine Großschlägerei droht. „Die Botschaft heißt: Hier bestimmt nicht ihr.“ Vor einiger Zeit hatte die Polizei die nördliche Innenstadt von Essen als Kriminalitätsschwerpunkt eingestuft.

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Wird eine Gegend gemäß Polizeigesetz als „gefährlich“ oder „verrufen“ definiert, kann die Polizei dort ohne Anlass Personen und mitgeführte Gegenstände kontrollieren. Davor gab es Gruppen, die sich als Herren der nördlichen Innenstadt aufspielten. Nicht einmal mehr Politessen konnten dort unbehelligt Knöllchen an Falschparker verteilen. „Die sind immer gleich von sechs bis acht jungen Männern umringt worden“, erinnert sich Klören. „Es gab dann sehr intensive Polizeieinsätze, um die Ordnung wieder herzustellen.“

Im bayerischen Brauhaus bestellt sich Ahmat Omeirat noch ein alkoholfreies Bier. Omeirat sieht sich als Vorbild für junge Mhallamiye. „Ich sage ihnen: Strengt euch an, stellt euch nicht als Opfer dar und konkurriert nicht um das dickste Auto, sondern um die beste Ausbildung.“ Omeirat selbst steht vor dem nächsten Schritt nach oben auf der Gesellschaftsleiter: Bei den nordrhein-westfälischen Kommunalwahlen Ende Mai hat er gute Chancen, in die politische Sphäre seiner Heimatstadt aufzusteigen. Die Essener Grünen haben ihn auf den aussichtsreichen achten Platz ihrer Liste für die Ratswahl gesetzt. Omeirat wäre der erste Mhallamiye-Kurde in einem Stadtrat in Deutschland.

Quelle: wahlrecht.de
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