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Merkels Einladung Bush kommt nach Stralsund

04.05.2006 ·  Zuletzt besuchte der schwedische Ministerpräsident Göran Persson den Wahlkreis der Kanzlerin in Stralsund. Nun hat George Bush bei dem Treffen in Washington Merkels Einladung angenommen. Der amerikanische Präsident will im Juli nach Mecklenburg-Vorpommern kommen. FAZ.NET stellt den Wahlkreis vor.

Von Frank Pergande
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Angela Merkel zeigt gerne Gästen aus aller Welt ihren Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern. Erst Ende April war der schwedische Ministerpräsident Göran Persson mit in Stralsund. Nun hat der amerikanische Präsident George W. Bush die Einladung Merkels bei ihrem Treffen in den Vereinigten Staaten angenommen. Er wird Mitte Juli unmittelbar vor dem G-8-Gipfel erwartet.

Bush besucht dann das erste Mal die neuen Bundesländer. Er wolle Menschen kennenlernen, die nach der Wende politische Verantwortung für den Aufbau einer neuen Demokratie übernommen haben. Das beste Beispiel dafür kennt er ja schon: Angela Merkel.

Auf der Suche nach einem Wahlkreis

In keiner Biographie über die Kanzlerin fehlt das Foto, das am 2. November 1990 in einer Fischerhütte in Lobbe auf Rügen aufgenommen wurde. Damals war Wahlkampf. Einen Monat später wurde der erste gesamtdeutsche Bundestag gewählt. Angela Merkel, bis zum Ende der DDR stellvertretende Regierungssprecherin, kandidierte im nordöstlichsten Wahlkreis. Sie lebt dort nicht, sie kommt auch nicht von dort. Sie strebte ein Bundestagsmandat an und hatte deshalb einen Wahlkreis gesucht.

Aufgewachsen ist sie im uckermärkischen Templin. Das Verhältnis zum damaligen märkischen CDU-Vorsitzenden Peter-Michael Diestel war allerdings nicht so gut, als daß sie bei ihrer Wahlkreissuche auf seine Unterstützung hätte bauen können.

Günther Krause aber, der damalige CDU-Landesvorsitzende in Mecklenburg-Vorpommern, wollte helfen. Die Entscheidung, wer als CDU-Direktkandidat im damaligen Wahlkreis 256 (heute hat der Wahlkreis Stralsund-Nordvorpommern-Rügen die Nummer 15) antreten sollte, fiel in Prora auf der Insel Rügen, in einer Kaserne der DDR-Armee. Frau Merkel kandidierte und zwei Leute aus den alten Bundesländern. Es kam zur Stichwahl, irgendwann gegen Mitternacht, als viele schon gegangenen waren. Frau Merkel siegte mit vierzehn Stimmen Vorsprung.

„Zum ersten Mal einen Steinbutt angefaßt“

An jenem Wahlkampf-Novembertag einige Wochen später nun luden die Fischer sie zum Frühstück ein. Dazu gehörten auch ein paar Schnäpse. "Ich habe damals zum ersten Mal einen Steinbutt angefaßt. Die Ablagerungen auf seiner Haut fühlen sich tatsächlich wie Stein an", erinnert sich die Kanzlerin im Gespräch über ihren Wahlkreis.

Die Fischer glaubten, für sie werde alles so bleiben, wie es schon immer gewesen war. Angela Merkel aber wußte, daß sich alles ändern würde - vor allem sie sich selbst. Sie war damals 36 Jahre alt. Die Fischer sind längst in Arbeitslosigkeit und Rente entlassen. Einer starb, ein anderer fährt noch auf seinem Boot. Angela Merkel ist Kanzlerin.

In Vorpommern ist die CDU traditionell stärkste Partei. Das hat etwas mit den vielen Flüchtlingen und Vertriebenen zu tun, die 1945 gleich hinter der Grenze geblieben waren und eine starke religiöse Bindung mitbrachten. Aber auch damit, daß die CDU unter den Bauern viele Mitglieder hat und auf dem Land noch fest im gesellschaftlichen Leben verankert ist. "Ich habe mich immer um die Brennpunkte gekümmert, sei es die Werft in Stralsund, die alten Militäreinrichtungen dort, die erfolgreiche Bewerbung Stralsunds als Weltkulturerbe, die Autobahn A20 oder auch das Amtsgericht Grimmen, über das es eine Zeit lang mal Streit gab."

Sie spricht von Heimat

Derzeit ist die Vogelgrippe ein solcher Brennpunkt. Rügen ist abhängig von seinen Feriengästen. Nun geht die Angst um, daß die Bilder von toten Schwänen aus dem Frühjahr Feriengäste im Sommer abschrecken könnten. Frau Merkels Werben für den Wahlkreis ist deshalb derzeit gleichsam Bares wert: "Ich vertrete eine Region im Deutschen Bundestag, die an landschaftlichen Reizen kaum mehr zu überbieten ist, wie ich nicht ganz ohne Stolz behaupten möchte." Frau Merkel spricht auch von Heimat, wenn sie in ihrem Wahlkreis 15 ist. Überhaupt wenn sie nach Mecklenburg-Vorpommern kommt.

Von 1993 bis 2000 war sie hier CDU-Landesvorsitzende. Ihr Einfluß ist noch immer groß. Auch der neue Landesvorsitzende und Spitzenkandidat zur Landtagswahl, Jürgen Seidel, im vergangenen Jahr als Nachfolger des glücklosen Eckardt Rehberg gewählt, ist der Mann, den sie in dieser Funktion haben wollte.

Zu konstanten Hochburgergebnissen mit Sympathiezuschlag für Führungspersonal hat das in ihrem Wahlkreis nicht geführt. Seit 1990 erreichte Frau Merkel bei Bundestagswahlen zwar fast immer mehr als vierzig Prozent der Erststimmen - 1990 waren es sogar 48,5 Prozent; doch der Absturz kam 1998, als Helmut Kohl abgewählt wurde und sie nur noch auf 37,3 Prozent kam. Damals war sie Bundesumweltministerin, wenig später CDU-Generalsekretärin. Jetzt, im September 2005, als CDU-Vorsitzende und Kanzlerkandidatin, blieb es bei 41,3 Prozent.

Neue Brücke als Wahrzeichen

Ein für sie glücklicher Zufall wollte es, daß sie wenige Tage nach ihrem Amtsantritt als Kanzlerin die Anfang der neunziger Jahre lange umkämpfte A20, die Küstenautobahn, als eines der größten, vor allem aber als das längste Verkehrsprojekt deutsche Einheit einweihen durfte. Das war bei Tribsees, mitten in ihrem Wahlkreis, in einer ländlichen Gegend, in der die Arbeitslosigkeit mehr als dreißig Prozent beträgt. Im nächsten Jahr wird Frau Merkel die neue Brücke über den Strelasund bei Stralsund einweihen können, die schon jetzt als Wahrzeichen der Stadt gilt.

Rügen, die größte deutsche Insel, gehört zum Wahlkreis 15 wie auch das Fischland, Darß und Zingst. Im Westen des Wahlkreises liegen ein paar Orte schon in Mecklenburg. Das Fischland etwa, aber auch Ribnitz-Damgarten, die Stadt, die erst 1950 aus dem mecklenburgischen Ribnitz und dem vorpommerschen Damgarten entstand. Die Wahlergebnisse zeigen: Schon in Ribnitz hat Frau Merkel es schwerer als in den vorpommerschen Gemeinden nebenan.

„Strenges Zeitregiment“

In Stralsund in der Ossenreyerstraße hat die prominente Abgeordnete ihr Wahlkreis-Hauptquartier, mitten im Stadtzentrum. "Ich mache da meine Bürgersprechstunde. Da herrscht leider ein strenges Zeitregiment. Aber um die wirklich wichtigen Sachen kümmere ich mich." Auch wenn sie für längere Zeit nicht im Wahlkreis ist, hält sie den Kontakt. "Wir telefonieren viel." Wir - damit meint sie vor allem zwei Parteifreunde, den Landrat von Nordvorpommern Wolfhard Molkenthin und den Oberbürgermeister von Stralsund Harald Lastovka. Nur der Kreis Rügen, ohnehin stets auf Eigenständigkeit bedacht, bildet die Ausnahme von der CDU-Regel: Die Landrätin Kerstin Kassner gehört der Linkspartei.PDS an, der zweitstärksten politischen Kraft in Vorpommern.

Bei Frau Merkels Wahlkreis-Neujahrsempfang drängten sich auch in diesem Jahr vierhundert Gäste. "Das Schöne ist, daß die Leute ganz normal mit mir umgehen, da hat sich mit meiner neuen Funktion nichts geändert."

Mehr Beiträge aus der F.A.Z.-Wahlkreisserie finden Sie hier: F.A.Z.-Serie: Wahlkreise in Deutschland - ein Puzzle

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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