Home
http://www.faz.net/-gpg-t22q
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Merkel im „Podcast“ Kanzlerin digital

03.08.2006 ·  Seit gut zwei Monaten grüßt Frau Merkel einmal in der Woche mit Botschaften aus dem Internet. Die Berater der Kanzlerin sind mit der Resonanz zufrieden. Mit den „Podcast“ werde ein anderes Publikum und eine neue Szene angesprochen.

Von Günter Bannas, Berlin
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Kürzlich hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Tochter des früheren Landwirtschaftsministers Borchert empfangen. Die heißt Katharina mit Vornamen - ist aber in der Internet- und Blogger-Szene unter dem Künstlernamen Lyssa bekannt.

Lyssa also kam mit einer Videokamera zum Kanzleramt, stellte sich an den Zaun und rief des jungen Gerhard Schröders Ruf: „Ich will hier rein.“ Dann sagte Lyssa: „Wißt ihr was, ich gehe jetzt auch rein.“ Frau Merkel sagte: „Ich habe gedacht, ich zeig' einfach mein Zimmer, wo ich arbeite.“ Sie zeigte Lyssa also das Büro. Sie esse gerne Gemüse, weil sie Obst nicht möge. Hier sei die „wunderbare Aussicht“ auf den Reichstag. Da würden die Gesetze gemacht. Und sie sei oft da, weil sie einen Wahlkreis habe und Bundestagsabgeordnete sei.

Neue Szene ansprechen

Nicht daß Frau Merkel der Auffassung gewesen wäre, Lyssa hätte in politischer Bildung Nachholbedarf - das ist schon wegen ihrer familiären Herkunft auszuschließen. Doch sah sich Frau Merkel, wohl wegen des anzusprechenden Publikums, veranlaßt, allerlei zu erläutern. Sie zeigt auf das Adenauer-Porträt Oskar Kokoschkas. „Das ist Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.“ Und sie zeigt auf einen Globus in ihrem Zimmer. Kongo, beispielsweise, wo jetzt wegen der Wahl deutsche Soldaten stationiert seien, sei doch ziemlich groß.

Die Berater Frau Merkels, auch Regierungssprecher Wilhelm, wirken zufrieden mit den Internetauftritten der Bundeskanzlerin. Es würden eine neue Szene und ein anderes Publikum angesprochen. Im Fernsehen war Lyssas Interview nicht zu sehen. Den Beratern reicht es wenigstens vorläufig, daß die Ansprachen seit dem Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft jeden Samstag von der Internetseite „www. Bundeskanzlerin.de“ heruntergeladen werden können.

„Dialogorientierter Prozeß“

Lyssa hatte gefragt, wie es dazu gekommen sei. Frau Merkel hatte gesagt, es sei jemand gekommen, der gesagt habe, da gebe es ein Medium, das vielfach genutzt werde. Das war Wolfgang Stock, ein früherer Zeitungsjournalist. Dessen Unternehmen (RCC Public Affairs) wirbt damit, es organisiere „integrierte Kommunikation als aktiven, strategisch geplanten und dialogorientierten Prozeß“. Es betreute die ersten Internet-Auftritte der Bundeskanzlerin. Auch Eva Christiansen, seit vielen Jahren eine enge Vertraute Frau Merkels, ist dabei. Nun ist Sommerpause, und die Bundeskanzlerin hält sich zum Wandern in Südtirol auf. Welches Kommunikationsunternehmen danach für die Auftritte zuständig sein solle, soll im Rahmen eines Ausschreibungsverfahrens in den nächsten Tagen entschieden werden.

Ihrer Gesprächspartnerin Lyssa verriet die Bundeskanzlerin, mit den ersten „VideoPodcasts“, den ersten im Internet verfügbaren Videos, sei sie nicht sonderlich zufrieden gewesen. Es habe etwas steif gewirkt, wie sie vom Teleprompter abgelesen habe. Wie eine „Neujahrsansprache“ habe das gewirkt. So war es beim ersten Auftritt - einer Art Grußbotschaft zur Fußball-Weltmeisterschaft. Sie freue sich auf den Anpfiff, sagte Frau Merkel da. „Schreiben Sie mir Ihre Meinung per E-Mail. Mir ist wichtig zu erfahren, was Sie beispielsweise über die Reformen denken, die die Bundesregierung anpackt.“

„Die Regierung packt das an“

Seither gab es Ansprachen zu unterschiedlichen Themen: Elterngeld, Mittelstandsoffensive, Integration, Gesundheitsreform und sogar zur Föderalismusreform. „Ich glaube, dies ist ein guter Tag für Deutschland, an dem wir diese Föderalismusreform beschlossen haben.“ Zuletzt ging es, weil der Ferien wegen viele unterwegs seien (“Leider verbringen viele von Ihnen manche Zeiten auch im Stau“), um den „schnelleren Bau von Verkehrswegen“. Anderswo in der Europäischen Union, sagte Frau Merkel, würden Bauvorhaben „sehr viel schneller umgesetzt“. Und dann: „Die Bundesregierung packt das an, und ich hoffe, Sie alle haben den Nutzen davon.“

Der Vorspann zu den Filmen war zuletzt immer von gleicher Machart. Die Bundeskanzlerin mit den Großen der Welt: Beckenbauer (charmant), Bush (lächelnd), Chirac (mit Handkuß), Condoleezza Rice (im Gegenlicht), Müntefering (stehend). Zuletzt der Staatssekretär Wilhelm, was daran erinnert, wer schließlich bei der Auswahl der Themen und der Redaktion der Texte maßgeblich beteiligt ist: das Bundespresseamt, dem der Regierungssprecher vorsteht.

Zehntausende Zugriffe

Mit der Zahl der Nutzer scheint Wilhelm zufrieden zu sein - bislang jedenfalls. Bei Frau Merkels VideoPodcast-Premiere sollen es gar 230.000 gewesen sein, sagt PR-Fachmann Stock. Das Niveau sei nicht zu halten gewesen, sagt Wilhelm. Bei den Samstagsbotschaften danach habe die Zahl der Zugriffe zwischen 10.000 und 35.000 (Wilhelm) oder auch zwischen 12.000 und 20.000 (Stock) gelegen. Auch beim Koalitionspartner SPD sagen Internetfachleute, damit könne die Kanzlerin zufrieden sein. Als die SPD im vergangenen Wahlkampf kurze Video-Reden ihrer führenden Leute ins Netz gestellt habe, habe die Zahl der Zugriffe bei durchschnittlich 20.000 je Video je Woche gelegen.

Die Botschaften Frau Merkels finden über das Internet hinaus keine sonderliche Beachtung. In (Sonntags-)Zeitungen oder von den Nachrichtenagenturen werden sie kaum zitiert, was auch damit zusammenhängt, daß sie keine neuen Informationen enthalten. Das sei gewollt, sagen die Verantwortlichen. Die Bundeskanzlerin wolle sich - in dieser Form als erste Regierungschefin der Welt - direkt an Endverbraucher wenden.

Lyssa fand es insgesamt großartig. Manche im Regierungsapparat scheinen weiter zu denken: Die Botschaften der Bundeskanzlerin sollen demnach TV-Qualität haben; was sie teuer macht, was aber die Weiterverbreitung durch Fernsehanstalten ermöglichen würde.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1952, Leiter der politischen Redaktion in Berlin.

Jüngste Beiträge