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Meldepflichtige Ereignisse Gabriels „Mythen der Atomenergie“

24.07.2009 ·  Am Freitagmorgen wurde eine Schnellabschaltung des Kernkraftwerks Emsland ausgelöst. Aus einem ähnlichen Vorfall in Krümmel hatte Bundesumweltminister Gabriel (SPD) zuletzt die Forderung ableitet, die ältesten sieben Kernkraftwerke in Deutschland vorzeitig abzuschalten.

Von Stefan Dietrich
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Das Atomkraftwerk Emsland im niedersächsischen Lingen ist am frühen Freitagmorgen nach einer Betriebsstörung abgeschaltet worden. Eine Überwachungseinrichtung an einem Maschinentrafo löste nach Mitteilung des Betreibers RWE eine Schnellabschaltung aus. Nach Angaben des niedersächsischen Umweltministeriums handelt es sich dabei aber um einen Vorfall von geringer Bedeutung, der nur auf der untersten Meldekategorie und nicht als Störfall eingestuft wurde. Eine Sicherheitsgefahr bestehe nicht und es habe keinerlei Austritt von Radioaktivität gegeben, sagte eine Ministeriumssprecherin. RWE teilte mit, alle Sicherheitseinrichtungen hätten ordnungsgemäß funktioniert.

Die Behörden seien umgehend informiert worden. Vor einer Inbetriebnahme der Anlage würden nun umfangreiche Prüfungen vorgenommen. Die Überwachungseinrichtung soll laut RWE einen sogenannten Stufenschalter vor Schäden schützen, der zur Anpassung eines Maschinentrafos an das Hochspannungsnetz dient. Nach derzeitigem Kenntnisstand sei der Maschinentrafo nicht beschädigt, erklärte das Unternehmen. Der 1400 Megawatt-Reaktorblock wurde 1988 in Betrieb genommen und produziert nach Angaben von RWE elf Milliarden Kilowattstunden Strom jährlich. Damit könnten 3,5 Millionen Haushalte versorgt werden.

Gabriel will alte Kernkraftwerke vorzeitig abzuschalten

Zu einer ähnlichen Störung wie im Emsland war es 4. Juli in Schleswig-Holstein gekommen. Bundesumweltminister Gabriel (SPD) hielt diesen Kurzschluss, der das Kernkraftwerk Krümmel am 4. Juli lahmlegte, für so gravierend, dass er daraus die Forderung ableitet, die ältesten sieben Kernkraftwerke in Deutschland vorzeitig abzuschalten. Krümmel, das mit 26 Jahren Laufzeit noch zu den jüngeren gehört, soll ebenfalls nicht wieder ans Netz gehen.

Gravierend war indessen nur der Leichtsinn, den der Betreiber Vattenfall beim Hochfahren des Reaktors an den Tag legte. Nach zweijährigem Stillstand und erheblichen Modernisierungsinvestitionen war ausgerechnet jenes Bauteil nicht auf dem erforderlichen technischen Stand, das die vorige Abschaltung verursacht hatte. Zu Unrecht wurde Vattenfall vorgeworfen, die Aufsichtsbehörde zu spät informiert zu haben. Die Meldung lag deutlich innerhalb der gebotenen 24-Stunden-Frist.

Kein Anlass für Pauschalangriffe

Dennoch wurde die Betreibergesellschaft zu Recht kritisiert, auch von Befürwortern der Kernenergie. Bundeskanzlerin Merkel (CDU) trieb der Umgang mit dieser Anlage „die Zornesröte ins Gesicht“. Anlass zu Pauschalangriffen gegen die Kernkraft im Allgemeinen und Krümmel im Besonderen bot dieses Ereignis aber gerade nicht.

Versagt hatte ein Transformator; alle Teile, die in einem solchen Fall die Sicherheit der Nuklearanlage gewährleisten sollen, hatten funktioniert. Auch wenn die genaue Ursache des Kurzschlusses noch nicht ermittelt ist, wird dieser Zwischenfall aller Voraussicht nach auf der sogenannten Ines-Skala in die Kategorie 1 als „Abweichung vom normalen Betrieb“ eingeordnet werden.

Die 1984 eingeführte Ines-Skala der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) ist ein Bewertungsmaßstab für Betriebsstörungen in Nuklearanlagen. Sie reicht von null (Ereignis ohne sicherheitstechnische Bedeutung) bis sieben (“katastrophaler Unfall“). Störfälle beginnen bei Stufe 2. Das sind Ereignisse, bei denen es zu erheblichen Kontaminationen innerhalb der Anlage kommt, die aber durch die gestaffelten Sicherheitsvorkehrungen beherrschbar bleiben. In die Kategorie 2 fallen die drei schwersten bisher in Deutschland registrierten Störfälle: zwei im Kernkraftwerk Philippsburg 1 im Jahr 2001; einer 1998 im Kernkraftwerk Unterweser. Nach Aufzeichnungen des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) hat es bisher keinen einzigen Störfall in Deutschland gegeben, bei dem nennenswerte Mengen von Radioaktivität in die Umwelt gelangt wären.

„Abweichungen vom normalen Betrieb“

Betriebsstörungen der Kategorie 1 kommen dagegen häufig vor. Das BfS hat seit Beginn der friedlichen Nutzung der Kernenergie in Deutschland weit mehr als fünftausend solcher „Abweichungen vom normalen Betrieb“ in Nuklearanlagen registriert; 4154 allein bei den heute noch laufenden Kraftwerken. Darauf bezieht sich vermutlich der Satz, den Gabriel in jüngster Zeit besonders gern wiederholt: „Der Störfall ist der Normalfall.“ Korrekt wäre er allerdings nur, wenn Gabriel statt Störfall den Begriff „Betriebsstörung“ verwendete. Denn Störfälle gab es nur drei.

Mit der Verwendung des zutreffenden Begriffs hätte Gabriel freilich seine Angstkampagne entkräftet. Denn die große Zahl „meldepflichtiger Ereignisse“ in Kernkraftwerken, die keinerlei Auswirkungen auf das Personal, die Außenwelt und die Sicherheit der Anlagen hatten, widerlegt die These von der Unbeherrschbarkeit der nuklearen Stromerzeugung. In Wirklichkeit sind nicht einmal Flugzeuge so sehr auf Fehlerfreundlichkeit ausgelegt wie Kernkraftwerke.

Jeder noch so harmlose Vorfall wird zum Skandal

Mit Pannen bei Fluggesellschaften gehen die Aufsichtsbehörden übrigens diskret um. Sie verwenden ihr Wissen jedenfalls nicht, um einzelne Gesellschaften in Misskredit zu bringen. Bei Atomkraftwerken dagegen unterliegt jede kleinste Abweichung vom Normalbetrieb der Veröffentlichungspflicht. Ein verantwortlicher Umgang mit dieser Transparenzregel hätte auch in Deutschland das Vertrauen in diese Technologie stärken können. Stattdessen lassen sozialdemokratische und grüne Politiker keine Gelegenheit aus, jeden noch so harmlosen Vorfall zu skandalisieren, Zweifel an der Verlässlichkeit der Betreibergesellschaften und an der Kernenergie insgesamt zu schüren und die Bevölkerung zu verunsichern.

Hin und wieder muss auch Gabriel zugeben, dass die in Deutschland betriebenen Anlagen sicher seien - „sonst müsste man sie ja sofort abschalten“, sagte er kürzlich auf direkte Nachfrage. Allerdings beharrt er darauf, dass ältere Kraftwerke prinzipiell unsicherer seien als jüngere. Dem widersprach nun sogar Lothar Hahn, der Geschäftsführer der Gesellschaft für Reaktorsicherheit, der einst als Kernenergiekritiker in das Beraterteam von Umweltminister Trittin kam. Maßgeblich sei nicht das Alter einer Anlage, sagte Hahn im Deutschlandfunk, sondern die Sicherheitskultur, mit der sie betrieben werde. Das schließe technische Modernisierungen ebenso ein wie den Ausbildungsstand der Belegschaft und das Verantwortungsbewusstsein, das dort gepflegt wird.

Dossiers gespickt mit Halbwahrheiten

Von solcher Sicherheitskultur hat sich die ideologisch ausgerichtete Bundesaufsicht immer weiter entfernt. Auf der Internetseite des Umweltministeriums findet sich kein einziges gutes Wort über eine Energiequelle, die Deutschland seit mehr als dreißig Jahren überaus zuverlässig mit Strom versorgt, jedes Jahr so viel Kohlendioxid einspart wie der gesamte Verkehrssektor emittiert und im Gegensatz zur Importkohle nicht Jahr für Jahr Tausende von Todesopfern zu verantworten hat.

Stattdessen ganze Dossiers über die „Mythen der Atomenergie“, die mit Halbwahrheiten gespickt sind. Zum Beispiel diese: „Atomkraft schützt das Klima nicht, weil Atomkraftwerke nur Strom bereitstellen und den Kohlendioxid-Ausstoß von Verkehr und Heizung nicht mindern können.“ Dasselbe könnte man von erneuerbaren Energien sagen, denn auch Windkrafträder und Photovoltaikanlagen heizen keine Wohnung und treiben kein konventionelles Auto an.

Unter grüner und roter Ägide ist das Bundesumweltministerium zur Lobbyzentrale alternativer Stromanbieter geworden, die sogar öffentlich empfiehlt, von Vattenfall zu jenen Unternehmen zu wechseln, denen die Politik mittlerweile jährliche Einspeisevergütungen in Milliardenhöhe zugeschanzt hat. Auch dieses Geschäft auf Gegenseitigkeit ist eigentlich ein meldepflichtiges Ereignis.

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