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Mauerfall am 9. November 1989 „Und im Übrigen: Die Grenze ist auf“

 ·  Am 9. November 1989 verlas Politbüro-Mitglied Günter Schabowski den Text, der die Mauer öffnete. Die Vorlage dafür stammte von einem jungen Mann, der den Anweisungen der SED-Führung nicht mehr folgen wollte.

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© ullstein bild Vergrößern In der Nacht zum 10. November: Die Grenze war plötzlich offen

Der Mann, der die Mauer endgültig zum Einsturz brachte, lebt heute in Leipzig. Dass Gerhard Lauter hierher zurückkehrte, ist auch eine Folge der Entscheidung, die er an jenem 9. November vor 24 Jahren traf. Er will sie nicht so hoch bewertet wissen, aber ein wenig stolz ist er schon, weil wohl nicht jeder den Mut gehabt hätte, so zu handeln, wie er. „Die Mauer“, sagt Lauter, „wäre auch ohne mich gefallen.“ Nur nicht am 9. November 1989.

Gerhard Lauter ist heute 63 Jahre alt und Rentner, ein schmaler, zurückhaltender Mann mit vollem weißen Haar und wachem Blick. Er lebt mit seiner Frau in einer kleinen Mietwohnung in Leipzig-Leutzsch, einem einstigen Industrie- und Arbeiterviertel. Auf dem Tisch vor ihm liegt ein Aktenordner mit Erinnerungen aus seiner kurzen, aber intensiven Zeit im Ost-Berliner Innenministerium, darunter Ausreisestatistiken, die Entlassungsurkunde, die ihm der letzte DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel am 2. Oktober 1990 überreichte, und auch das Papier, auf dem die Reiseregelung steht, die Günter Schabowski auf seiner berühmt gewordenen Pressekonferenz verlas. Gerhard Lauter hat sie verfasst.

Noch ein Jahr zuvor war daran gar nicht zu denken. 1988 war Lauter 38 Jahre alt und schon Fahndungschef der Kriminalpolizei der DDR, verantwortlich für die Aufklärung schwerster Verbrechen. „Ich war mit Leib und Seele Kriminalist.“ Er musste desertierte Sowjetsoldaten ausfindig machen, die bewaffnet im Land unterwegs waren, nach Kapitalverbrechern fahnden oder vermisste Kinder suchen.

Bei Lauter laufen alle Zahlen zusammen

Anfang Januar 1989 wird Lauter plötzlich zum Vize-Chef der Hauptabteilung Pass- und Meldewesen im DDR-Innenministerium ernannt. „Das war ein biographischer Schock.“ Er hatte Jura studiert, ja, aber auf Verwaltungsarbeit hatte er nun gar keine Lust. Doch als Staatsangestellter – „Beamte“ gab es in der DDR nicht – folgt er dem Versetzungsbefehl.

Seine Abteilung kümmert sich um Personalausweise, Reisepässe und Visa, entscheidet aber nicht selbst über Reiseerlaubnisse etwa ins NSW, ins Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet. Dafür sind die Nachbarabteilung für Innere Angelegenheiten sowie das Ministerium für Staatssicherheit zuständig. „Wenn von dort ein Nein kam, konnte nicht genehmigt werden“, sagt Lauter. „Begründet wurde es ohnehin nie.“

© Nora Klein Vergrößern Gerhard Lauter war Hauptabteilungsleiter im DDR-Innenministerium - und musste als solcher den Aderlass der DDR-Bevölkerung verwalten

Bei ihm allerdings laufen alle Zahlen zusammen – von Bürgern, die das Land verlassen, und von denen, die zu Besuch in den Westen fahren wollen. Anfang 1989 erklärt Erich Honecker, dass die Mauer „auch noch in fünfzig und auch in hundert Jahren“ noch da sein werde, woraufhin immer mehr Menschen weg wollen – und zwar für immer. Allein im ersten Halbjahr 1989 stellen knapp 22.000 DDR-Bürger Ausreiseanträge, im gesamten Vorjahr sind es „nur“ gut 30.000 gewesen. „Das war ein deutliches Signal“, sagt Lauter. „Das Volk stimmte mit den Füßen ab.“

Die DDR-Führung kennt die Zahlen – und tut nichts. Als DDR-Wirtschaftslenker Günter Mittag anlässlich der Hannover-Messe auch zu Gesprächen mit Helmut Kohl nach Bonn fliegt, verlangt er zuvor von Lauter die Zahl der bewilligten Privatreisen in den Westen. Sie war jedes Jahr gestiegen, und Mittag will mit dieser vermeintlichen Großzügigkeit in Bonn glänzen. Auch Anfang 1989 werden mehr Reisen genehmigt – allerdings nur für Rentner. Bei den Erwerbstätigen sinkt die Reisequote im ersten Quartal 1989 um 19,8 Prozent. „Die Leute stellten mehr Anträge auf ständige Ausreise, so war das Minus bei den Besuchsreisen zu erklären“, sagt Lauter. „Fälschen kam für mich nicht in Frage.“

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