10.04.2006 · Mit großem Zuspruch begann SPD-Chef Mathias Platzeck seine Amtszeit. Doch schon bald warf ihm die Parteilinke Konturenlosigkeit vor. Vielleicht hatte sein Rücktritt nicht nur gesundheitliche Gründe.
Lediglich Kurt Schumacher hatte als SPD-Vorsitzender mehr Zustimmung erhalten als Matthias Platzeck. Der wurde im November zum Nachfolger von Franz Müntefering im Parteivorsitz gewählt. Doch das Wahlergebnis von über 99 Prozent sorgte auch für einen Erwartungsdruck, dem der 52 Jahre alte Platzeck gesundheitlich nicht gewachsen war.
Nach zwei Hörstürzen sowie einem Kreislauf- und Nervenzusammenbruch zog er die Notbremse: Nach nur knapp fünf Monaten im Amt gab der als Hoffnungsträger Gefeierte den Parteivorsitz ab. Kürzer im Amt war nur Johannes Rau als kommissarischer Parteichef nach dem Rücktritt von Björn Engholm im Jahre 1993.
Murren in der Parteilinken
„Wir haben versprochen, für das Land zu arbeiten. Vergeuden wir keine Zeit!“, hatte Platzeck nach seiner Wahl den Parteitagsdelegierten zugerufen. Entsprechend hoch war dann das Tempo, mit dem sich der neue Vorsitzende an die Arbeit machte. Zu seiner Vollzeittätigkeit als Regierungschef von Brandenburg galt es, ein neues Grundsatzprogramm auszuarbeiten und die gerade vereinbarten Abmachungen mit der Union umzusetzen - auch gegen Widerstände in der eigenen Partei.
Sowohl beim Grundsatzprogramm als auch bei der Regierungsarbeit im Bund müssen die chronisch zerstrittenen Flügel, die Platzecks Kandidatur selten einmütig unterstützt hatten, zufriedengestellt werden Diesen Spagat, der ihm aus der Partei wiederholt den Vorwurf eines mangelnden Profils einbrachte, schaffte Platzeck denn auch nur zum Teil.
In den vergangenen Wochen wurde das Murren der Parteilinken immer vernehmlicher, auch wenn Platzeck nicht müde wurde zu erklären, beim unvermeidbaren Umbau der Sozialsysteme werde sich die SPD als das soziale Gewissen der Koalition profilieren.
„Unklare Haltung“
Zu Beginn der Arbeiten an der Gesundheitsreform - das erste Sachthema der großen Koalition mit angekündigtem Konfliktpotential, brach dann der Unmut in der Linken offen aus. Präsidiumsmitglied Andrea Nahles warf ihrer Partei eine unklare Haltung vor. Wer die Verhandlungslinie der SPD herausfinden wolle, „fühlt sich, als ob er in Watte greift“.
Der erste ostdeutsche SPD-Vorsitzende kann trotz der nur kurzen Amtszeit aber auch schon auf Erfolge zurückblicken. „Der Platzeck wird geradezu geliebt“, sagte noch kürzlich ein führender SPD-Abgeordneter im Bundestag. Die Partei schätze an ihm vor allem, daß er einen anderen, kooperativeren Stil in die Partei eingebracht habe - gemessen an seinen Vorgängern Gerhard Schröder und Franz Müntefering.
Auch bei der Basis kam der mit seinem Drei-Tage-Bart noch sehr jung wirkende Politiker gut an. Bei den Wahlergebnissen traf es Platzeck nicht so schlimm wie seine beiden Vorgänger. Bei den ersten Landtagswahlen nach Bildung der großen Koalition im Bund konnte die SPD ihre Position in den Ländern stärken.
„Kronprinz“ von Manfred Stolpe
In Sachsen-Anhalt wird die SPD nach der Landtagswahl im März wieder an der Regierung beteiligt, was ihr Gewicht auch im Bundesrat erhöht. Und in Rheinland-Pfalz fuhr die Partei mit der absoluten Mehrheit einen Erfolg ein, auf den sie seit der Wiederwahl Schröders in Niedersachsen acht Jahre lang warten mußte. Daß der Mainzer Wahlsieger Beck nun Platzecks Nachfolger an der Parteispitze wurde, überraschte daher nicht.
In der untergehenden DDR war Platzeck in der Umweltbewegung aktiv. Hans Modrow, der letzte von der SED gestellte DDR-Ministerpräsident, machte ihn zu einem Minister ohne Geschäftsbereich. 1990 übernahm er für Bündnis 90 im neu gebildeten Land Brandenburg das Amt des Umweltministers, blieb aber parteilos.
Nachdem das Bündnis 90 bei der Landtagswahl 1994 an der Fünf-Prozent-Klausel gescheitert war, blieb Platzeck im Amt. Erst 1995 trat er in die SPD ein und galt schnell als „Kronprinz“ des damaligen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe.
„Deichgraf“ gegen die Oderflut
Bundesweit bekannt wurde Platzeck 1997, als er beim Oderhochwasser den Kampf gegen die Fluten koordinierte. Seitdem haftet ihm der Ehrentitel „Deichgraf“ an. 1998 wurde er Oberbürgermeister in Potsdam, und schon damals wollte ihn SPD-Kanzlerkandidat Schröder für die Bundespolitik gewinnen. 2002 wurde Platzeck Ministerpräsident in Brandenburg, als Stolpe ins Bundeskabinett wechselte.
Die SPD-Spitze wollte ihn nach der Bundestagswahl im September 2005 als Minister in die große Koalition holen. Platzeck war dann erleichtert, daß Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee sein langes Zögern aufgab und sich als neuer Verkehrsminister zur Verfügung stellte.