Es ist ein Sonntag gegen 13 Uhr, als Afelias 16.000 Follower auf Twitter erfahren, dass sie sich gerade mit ihrem Freund gestritten hat. „Der @Herr_Rosenfeld und ich streiten beim Frühstück über die Funktion der Kirche nach einer konsequenten Trennung von Kirche und Staat“, schreibt sie. Es entspinnt sich eine Diskussion, wie es sie oft gibt auf Twitter, eine Diskussion, die keine ist. Jemand fragt: „Es gibt eine ,Funktion’? Du verblüffst mich ...“. Afelia antwortet: „Natürlich gibt es eine Funktion.“
Solche Gesprächsfetzen sind wichtig für Afelias Arbeit, für ihr großes Projekt, das die Politik revolutionieren soll: „Der offene Politiker“ heißt es oder „Der Politiker als Mensch“. Neben Afelias Foto steht ihr richtiger Name: Marina Weisband. Darunter: „Ich bin eine Dame. Es lebt niemand, der etwas Anderes behaupten könnte. Außerdem: Politische Geschäftsführerin der Piratenpartei.“
Weihnachtsbaum und ein Chanukkah-Leuchter
Ein paar Stunden nach dem Frühstück ist im Münsteraner Haushalt Weisband-Rosenfeld von Streit nichts mehr zu spüren. In einem bodenlangen altrosafarbenen Rock und einer um die Taille wie ein Korsett geschnürten Bluse läuft Weisband auf Socken durch die Wohnung, sucht nach Schuhen für ihren Auftritt vor der Bundespressekonferenz am Dienstag in Berlin und singt dabei vor sich hin. Herr Rosenfeld, ein sehr großer, sehr ruhiger, sehr bärtiger Mann - der Kassenwart der Münsteraner Piratenpartei ist - kocht Hagebuttentee, während Weisband stolz ihren neuen Arbeitsplatz vorführt, von dem aus sie, wie sie sagt, „die sechstgrößte Partei Deutschlands“ führt.
Der Arbeitsplatz - Tisch, Bürostuhl, Computer - klemmt in der Wohnzimmerecke neben einer Bücherschrankwand, in der viel Fantasy, etwas russische Klassik und etwas Lyrik steht. Das Zimmer ist in Schwarz und Dunkelrot gehalten, an der Decke hängt ein Kronleuchter aus Plastik mit Glühbirnen in Flammenform. An der Tür steht noch der Lametta-behangene Weihnachtsbaum und im Regal ein Chanukkah-Leuchter. Weisband ist Jüdin, geboren in der Ukraine. Mit sechs Jahren kam sie mit ihrer Familie auf der Flucht vor den Folgen Tschernobyls nach Deutschland, sie sprach kein Wort Deutsch.
„Bitte wählt mich nicht, weil ich eine Frau bin“
Aus der Ecke ihres Wohnzimmers heraus führt Weisband nicht nur eine Partei mit 20.000 Mitgliedern. Sie arbeitet auch an etwas, das sie den „Politiker als Menschen“ nennt. Dieser Begriff sei ja inzwischen „zum geflügelten Wort“ geworden, sagt Weisband. Gemeint sei, dass sie jemand sein wolle, der sein Privatleben nicht streng von politischen Aufgaben trennt. Der ständig ansprechbar ist und ständig spricht. Über Gesundheitsbeschwerden genauso wie über die Affäre des Bundespräsidenten. Weisband loggt sich schon vor dem Aufstehen bei Twitter ein. Sie liest, was andere schreiben, oft twittert sie auch selbst, zum Beispiel dass sie gerne ein Babykätzchen hätte oder dass sie alle Piraten „knuddelt“ oder dass sie Leute sucht, die mit ihr Videos drehen wollen über das Programm der Partei. Ihre Tweets werden sofort weitergetweetet und beantwortet, nicht ignoriert wie die mancher trauriger Gestalten, deren Gezwitscher im Nichts verpufft.
Weisband wurde im Mai 2011 auf dem Bundesparteitag in Heidenheim in ihr Amt gewählt. Damals war sie 23 Jahre alt. Eine schlagfertige, witzige und hübsche Psychologiestudentin aus Münster, die in ihrer Bewerbungsrede sagte: „Bitte wählt mich nicht, weil ich eine Frau bin“. Und die ihre Rede mit den Trappatoni-Worten schloss: „Ich habe fertig“.
Mal wie eine Figur Dostojewskis, mal wie ein Blumenmädchen
Bekannt wurde Weisband erst Anfang Dezember, auf dem Bundesparteitag der Piraten in Offenbach. Es war der erste Parteitag nach der triumphalen Wahl in Berlin. Ein Gesicht musste her - jemand, der den verdutzten Leuten erklären konnte, was diese merkwürdige Partei eigentlich will. Die 15 Berliner Abgeordneten waren noch zu verdattert oder mit internen Machtkämpfen beschäftigt, der nüchterne Parteivorsitzende Sebastian Nerz eignete sich nicht. Marina Weisband gab in Offenbach 42 Interviews, kam kaum zum Abstimmen und wurde am Ende krank vor Anstrengung. Seither sitzt sie in Talkshows und sagt, dass sie keine Galionsfigur sein will, weil es doch um Themen gehe und nicht um Köpfe.
Über der Couchgarnitur in Münster hängen Zeichnungen Weisbands in Schwarz-Weiß, allesamt Frauen, manche erinnern an „Vom Winde verweht“, andere entstammen einem Lyrikband, in dem es um Auschwitz geht. Das Zeichnen ist eines ihrer großen Hobbies, das andere ist das Rollenspielen, am Tisch und auch „live“, wenn sich Gruppen treffen und in einer Fantasiewelt irgendwo zwischen Mittelaltermarkt, „Avatar“ und „Herr der Ringe“ eine vorgegebene Handlung nachspielen. Weisbands Lieblingsepoche ist das neunzehnte Jahrhundert, sie sammelt Rauschekleider aus der Zeit. Auch öffentlich liegt ihr der große Auftritt: Mal kleidet sie sich wie eine Figur Dostojewskis, dessen Romane sie liebt, mal wie ein Blumenmädchen; bei ihrem ersten Auftritt vor der Bundespressekonferenz trug sie ihr langes Haar in einem geflochtenen Zopf um den Kopf geschlungen wie die ukrainische Protestikone Julija Timoschenko. Danach ärgerte sich darüber, dass ihr diese Ähnlichkeit nachgesagt wurde. Überhaupt ärgert sie sich ständig darüber, dass über ihr Äußeres geschrieben wird.
Es ist nur so, dass Weisband ihr Amt als Geschäftsführerin auf eine Weise versteht, die es schwierig macht, über Positionen zu schreiben, die sie vertritt, statt über ihren Haarzopf. Zwar interessiert sie sich für Bildung, bloß ihre Partei tut dies nicht. Mit eigenen Initiativen hält sie sich zurück, weil sie, wie sie sagt, in ihrem Amt keine Politik machen könne. Sie versteht sich als Vermittlerin, die Streit schlichtet, Parteitage organisiert und innerparteiliche Diskussionen anregt. Ihre Meinung äußert sie nur dann, wenn sie mit der Partei abgestimmt ist. Auf dem Parteitag in Offenbach Anfang Dezember hielt sie keine Rede gegen das bedingungslose Grundeinkommen, obwohl sie den Antrag für unausgereift hielt. Erst nach dem Parteitag schrieb sie darüber in ihrem Blog.
Ihr Vorgänger im Amt, Christopher Lauer, der jetzt für die Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt, machte es anders: Er war laut, warb für das Grundeinkommen und für die Online-Abstimmungssoftware Liquid Feedback. Er preschte vor, provozierte, und wurde zur Strafe nicht mehr in den Vorstand gewählt. Weisband wird dafür geliebt, dass sie der Partei Leichtigkeit verleiht, und dafür, dass sie nicht polarisiert. In der auf Basisdemokratie versessenen Piratenpartei, die nicht pfleglich mit Leuten umgeht, die ins Rampenlicht streben, muss man Kritik an ihr mit der Lupe suchen. Eine Zeitlang gab es Forderungen, sie solle ihr privates Getwittere von ihren politischen Äußerungen trennen. Afelia hielt dagegen und behielt ihr eines Twitter-Konto. Es wurde akzeptiert.
Kann eine Gemeinschaft einen Politiker machen?
Anfeindungen, Beschimpfungen, Bilder von abgeschlagenen Schweineköpfen in der Post erlebt sie trotzdem. Sie kommen von „Trolls“, Leuten, die sich im Internet herumtreiben und Hass verbreiten. Auf ihrem Blog schrieb sie dazu im Dezember, sie wolle ihr Experiment des offenen Politikers trotzdem nicht aufgeben. „Ich werde mir keine dickere Haut zulegen, meine Haut ist dick genug. Ich bin ein Experiment. Kann eine Gemeinschaft einen Politiker machen? Es ist völlig utopisch und töricht und dumm. Aber ich könnte es mir jedenfalls nicht verzeihen, es nicht zumindest zu versuchen.“
Als Herr Rosenfeld den Tee gebracht hat, klingelt es an der Tür: Ein Berliner Pirat will Weisband abholen, um sie nach Berlin mitzunehmen. Während der fünfstündigen Fahrt liest er ihr jeden Wunsch von den Lippen ab, trägt ihr die Tasche, holt bei McDonald’s für sie Chicken McNuggets und bietet ihr einen Schlafplatz in Berlin an. Weisband wählt das Angebot einer Parteifreundin. Egal wo sie hinfahre, sie könne einfach twittern dass sie komme und schon werde sie eingeladen, sagt sie fröhlich. Manchmal kommen ihr Sätze über die Lippen wie „Ich bin eben sehr beliebt in der Partei“, oder „ich rufe sehr positive Reaktionen hervor“.
Liebeserklärung im Quellcode
Weisband war in der Schule eine Außenseiterin. Mit 13 Jahren stürzte sie sich ins Programmieren und fand in Chats und Foren Freunde. Ihr erster Freund hinterließ ihr seine Liebeserklärung im Quellcode einer Internetseite. Bis zum Bundestagswahlkampf 2009 interessierte sie sich nicht für Politik, dann kamen die Piraten. Auf ihrem Blog „Salon Skurril“, den sie für FAZ.NET schreibt, schilderte Weisband, wie sie und andere „Nerds“ durch das Internet „von der unbeliebten Randexistenz zu einer Kultfigur“ geworden seien. Weisbands Geschichte ist zugleich die Geschichte dieser Partei. Auch dafür wird sie geliebt.
Am Montagabend will sie mit anderen Piraten in Berlin einige Videos über das Parteiprogramm drehen. Weisband hat sich umgezogen, sie rauscht in das Zimmer, in dem andere Piraten warten und ruft: „Sehe ich aus wie der junge frische Morgen?“ Ihr Telefon klingelt, Sebastian Nerz ist dran, der Bundesvorsitzende der Partei. Sie müssen sich abstimmen über die Bundespressekonferenz am nächsten Tag, auf der sie Wulffs Rücktritt fordern werden und sich dennoch gegen die Veröffentlichung des Tonbands aussprechen, weil das „Skandal-Sightseeing“ sei.
„Ich glaube das ist gut für uns“
Am Abend zuvor weiß Weisband davon noch nichts. Sie weiß nur, dass es vor den Journalisten um das Jahr 2012 gehen soll, um die Pläne der Piratenpartei, um die Wahl in Schleswig-Holstein. Nerz wiederum weiß nichts von den Videos, die Weisband gerade dreht. Sie sagt zu ihm: „Ich drehe hier gerade so Filme über das Programm, ich glaube das ist gut für uns.“ Damit ist das Gespräch beendet.
Im ersten Film soll es um ein schon fast vergessenes Thema der Piraten gehen, das Urheberrecht. Weisband hat den im Dezember verabschiedeten Antrag noch nicht gelesen, sie ist „schrecklich unvorbereitet“. Sie bittet um eine Nackenmassage, zieht an ihrer Elektro-Zigarette, die Vanilledampf ausstößt und aussieht wie ein Filzstift. Dann erklärt ihr ein Pirat wortreich und fundiert, was die Piraten beschlossen haben: Die Rechte von Künstler und Konsument würden gestärkt, die der großen Medienkonzerne geschwächt. Wenn er zuviel redet, unterbricht sie ihn. Um Details kann sie sich nicht kümmern. Zum Filmen setzen sich beide auf einen hellblauen Trabi im Eingangsbereich des Museums. Mit drei Teddybären illustriert Weisband die Beziehung zwischen Urheber, Verwerter und Verbraucher, sie fasst in einfachen Worten zusammen, was bei ihrem Parteifreund kompliziert klang.
Dann sagt jemand, sie sollten doch noch etwas zur Europapolitik machen. Ein Pirat hat ein Skript dazu geschrieben und ihnen geschickt. Einer im Filmteam sagt, „das ist noch langweiliger als unser Parteiprogramm“. Weisband hat die Idee, sie könnten ja einfach garnichts zum Programm sagen, nur diese zwei Sätze: „Haben sich die Piraten zu Europa positioniert? Ja, die Piraten haben sich zu Europa positioniert.“ Die Jungs finden es großartig, das Video wird gedreht.
Am nächsten Tag vor der Bundespressekonferenz sagt Marina Weisband, die Partei wolle ein Problem erst in seiner Tiefe verstehen, bevor sie darauf antworte. Man solle Angst haben vor einfachen Lösungen. Da ist sie wieder ganz Politikerin.
Eine Partei dessen Namen besser zu einer Mottoverkleidungsparty passt
Erik Staack (E_Staack)
- 11.01.2012, 21:40 Uhr
Digitaler Exibitionismus
Herbert Sax (H.Sax)
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