Als sich am Samstag der Tag neigte, und die Hannoversche Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann – so wird es kolportiert – gerade mit einem Glas in der Hand auf einem privaten Empfang in Hannover stand, hatte niemand den Sturz der ranghöchsten Geistlichen des deutschen Protestantismus auch nur erahnen können. Sicherlich, es hatte Kritik an ihren Äußerungen zum Afghanistan-Einsatz gegeben, auf die Käßmann dann dünnhäutig reagierte. Dennoch war Margot Käßmann unangefochten.
Noch am Samstagabend stand sie auf dem Gipfelpunkt ihrer Karriere: Seit elf Jahren unumstrittene und angesehene Bischöfin der größten deutschen Landeskirche; gerade erst einen Bestseller geschrieben; seit 120 Tagen Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche. Synode und Kirchenkonferenz hatten die 51 Jahre alte, geschiedene Mutter von vier erwachsenen Töchtern Ende Oktober nach reiflicher Überlegung und mit überwältigender Mehrheit zur Ratsvorsitzenden gewählt.
Vier Tage nach der geselligen Runde in Hannover und nach der Trunkenfahrt mit 1,54 Promille Alkohol im Blut, bei der die Landesbischöfin, wie es heißt, männliche Begleitung hatte, sind die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannovers und die Evangelische Kirche in Deutschland nun mit einem bislang nicht dagewesenen Sachverhalt konfrontiert: Dem plötzlichen Rücktritt ihres jeweils wichtigsten Repräsentanten. Am Dienstagabend noch sprachen sämtliche 14 Ratsmitglieder, die das Leitungsgremium der EKD bilden, in einer sehr kurzfristig anberaumten Telefonschaltkonferenz Margot Käßmann das Vertrauen aus.
Teilnehmer berichten, es habe keinerlei Druck auf sie gegeben. Auch habe man sich zu diesem einmütigen Vertrauensbeweis nicht erst durchringen müssen; die Führungsriege habe von vorneherein hinter der Ratsvorsitzenden gestanden; nur „ganz wenige“ hätten den Verbleib im Amt in Frage gestellt oder nicht für möglich gehalten. In der Schaltkonferenz hätten alle Teilnehmer Frau Käßmann sogar noch persönlich gut zugeredet. Doch diese habe – ihre Alkoholfahrt lag da schon drei Tage zurück – keine Auskunft über ihre Absichten gegeben und sich weitere Bedenkzeit ausbedungen, ohne eine unverzügliche Entscheidung in Aussicht zu stellen.
Vor dem Mittwochnachmittag, als sie auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz in Hannover ihren Rückzug sowohl vom Amt der Ratsvorsitzenden als auch vom Amt der hannoverschen Landesbischöfin bekanntgab, zeichnete sich folgende Lage ab: Es herrschte höchstes öffentliches Interesse – die Menschen sprachen über Margot Käßmann, im Norden und im Süden der Republik, in Straßenbahnen und Führungsetagen. Die Medien berichteten ausführlich – überwiegend ohne Häme.
In der Politik hatte es nicht eine Rücktrittsforderung gegeben – im Gegenteil, die Kirchenbeauftragten beinahe aller Parteien bestärkten Margot Käßmann. Sie äußerten Verständnis, nicht für die Tat, aber für die Person – genau so, wie es auch Margot Käßmanns Kollegen im EKD-Rat getan hatten. Bayerns Landesbischof Johannes Friedrich sagte am Dienstagnachmittag: „Christen leben aus der Vergebung. Sie können trotz eines Vergehens glaubwürdig bleiben. Margot Käßmann hätte im Amt bleiben können.“
Margot Käßmann entschied anders – und folgte damit einem altbekannten Muster ihrer Karriere. Sie pflegt ihre Rolle als die angefochtene Frau inmitten der Fährnisse des Lebens – umringt von vermeintlich böswilligen Kräften, unterstützt von Freundinnen und Kollegen. Vermeintliche Feinde, vermeintliche Freunde, sie mögen Margot Käßmann argwöhnen oder verehren – gebannt sollen alle warten, bis Margot Käßmann entscheiden wird.
Kleinliche Gefechte in der Afghanistan-Debatte
Dem war bereits so, als sie den ersten Schritt ihrer Karriere wagte und 1983 in Vancouver gegen Widerstände für den Zentralausschuss des Weltkirchenrates kandidierte. Und dem war noch so, als sie jüngst in der Afghanistan-Debatte über Wochen kein Jota nachgab und sie sich in kleinliche Pressemitteilungsgefechte mit dem Verteidigungsminister begab, etwa über die Frage, wer wen zu einem Gespräch einlädt und wer wen nach Afghanistan begleitet, die Bischöfin den Minister oder der Minister die Bischöfin.
Auch da scharten sich sämtliche Bischöfe – obzwar mit einigen Nuancierungen – hinter ihre Ratsvorsitzende, obwohl zumindest die von ihr geäußerten Ansichten zum Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland („Warum hat man nicht die Opposition in Deutschland gestärkt“) fragwürdig waren und so wohl nie hätten autorisiert werden dürfen.
Durcheinander in ihrer Amtsführung
Käßmann habe ihre Stärken – Ethik und Differenzierung zählen nicht dazu, hieß es dazu aus dem Kollegenkreis. Enge Mitarbeiter rieten ihr damals dazu, ihr mittlerweile beinahe ikonenhaftes Auftreten nicht überzustrapazieren und stärker zu differenzieren. Margot Käßmann schlug diesen Rat in den Wind und entschied sich für die Fortführung der harten Linie. Dazu kommt das Durcheinander in ihrer Amtsführung. Margot Käßmann hat es bis zuletzt nicht geschafft, die Arbeitsabläufe zwischen Kirchenamt und ihrer Bischofskanzlei zu regeln und ihre beiden Pressestäbe in Landeskirche und EKD aufeinander abzustimmen, die sich über nur wenige Kilometer im Stadtgebiet Hannovers verteilen.
Die entstandene Rücktrittsdynamik hat auch hier ihren Grund: Nachdem die „Bild“-Zeitung die Alkoholfahrt in ihrer Dienstagsausgabe öffentlich gemacht hatte – laut einem Bericht der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ wussten zu diesem Zeitpunkt bereits 200 Personen bis hinauf zum niedersächsischen CDU-Innenminister Schünemann von der Alkoholfahrt – meldete die Deutsche Nachrichten-Agentur mit Berufung auf die EKD, die Kirche in Hannover berate über „Konsequenzen“. Von der Pressestelle ging diese Einschätzung laut eigener Aussage nicht aus.
In der Kirche wurden über diese Meldung unterschiedliche Einschätzungen geäußert. Zum einen: Frau Käßmann habe sich abgeschottet, denke über Rücktritt nach. Zum anderen: Hohe Funktionäre der Kirche hegten durchaus Zweifel daran, dass sie im Amt verbleiben könne. Am Mittwochmittag wurden ihre Mitarbeiter von einer eiligen Nachricht erreicht: Rücktritt von beiden Ämtern. Eine Entscheidung von geradezu getriebener Autonomie.
Frau Kaessmann handelt viel verantwortungsvoller
Lill-Karin Bryant (kb26919)
- 24.02.2010, 21:16 Uhr
Kollektiver Wahn?
Holger Sulz (H._Sulz)
- 25.02.2010, 08:45 Uhr
Rücktritt als Bischöfin oder doch Rücktritt als Medienstar?
Mike Gert (Mike88)
- 25.02.2010, 09:13 Uhr
Im Amt sich zu verändern hätte allen mehr geholfen
Johannes Borghardt (jobo20)
- 25.02.2010, 09:25 Uhr
Vergebung
Wolfram Obermanns (procax)
- 25.02.2010, 09:39 Uhr