27.02.2010 · Margot Käßmann hat ihr Leben immer als öffentliche Angelegenheit behandelt. Doch nun, nach ihrer Alkoholfahrt und dem daraus resultierenden Rücktritt von ihren Ämtern, schweigt sie. Sie will nichts von dieser Nacht preisgeben.
Von Lydia HarderDas Steintor kann einem wie ein gottferner Ort erscheinen - aber auch wie ein schlichtes Kneipenviertel mit der einen oder anderen Rotlichtecke. Hier hat am letzten Wochenende der Fall einer Bischöfin begonnen. Unkonventionell, aber es handelt sich ja auch um eine unkonventionelle Bischöfin. Nur zwei Kilometer trennen diese nächtliche Welt von Margot Käßmanns Haus. Nach einem Samstagabend im Steintorviertel, wo sie Wein getrunken haben soll, fährt sie mit ihrem „Phaeton“, einem klamme Kirchenkassen nicht eben symbolisierenden Dienstwagen, in Richtung Südstadt.
Auf dem Weg liegt die Marktkirche, ihre Kirche, wo sie viele Seelen bewegt und für den Selbstmörder Robert Enke einen Trauergottesdienst gehalten hat. Nach anderthalb Kilometern gelangt sie auf dem sechsspurigen Friedrichswall an eine große, sehr durchschnittliche Straßenkreuzung mit zweckorientierten Neubauten, es ist kurz nach 23 Uhr. Die Ampel ist rot, aber Käßmann hält nicht an, sondern biegt ab in die Willy-Brandt-Straße, die zum Maschsee führt. Sie fährt die letzten fünfhundert Meter bis zu ihrem Haus. Eine Polizeistreife, die den Vorfall zufällig beobachtet hat, folgt ihr.
Alkoholgeruch dringt aus dem Wagen, als Käßmann die Scheibe herunterlässt. Sie spricht von einem Glas Wein. Es folgt der Atemtest, das Gerät zeigt einen Wert von 1,3 Promille an. Die Polizisten konfiszieren ihren Führerschein und fahren sie ins Revier an der Herschelstraße. Dort nimmt ein Arzt der EKD-Ratsvorsitzenden Blut ab, die trotz hohem Alkoholpegel im Blut nicht wirklich betrunken gewirkt haben soll, sondern sachlich und höflich. Um Mitternacht verlässt Käßmann das Revier und fährt im Taxi nach Hause. Am Montagmorgen geht das Ergebnis der Blutprobe an die Staatsanwaltschaft: 1,54 Promille.
Was genau in dieser Nacht passiert ist und wer der männliche Begleiter war, dessen Personalien die beiden Polizisten angeblich nicht aufgenommen haben, all das bleibt Spekulation. Die „Bild“-Zeitung hat die Alkoholfahrt am Dienstag öffentlich gemacht, nach einem Bericht der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ wussten da bereits 200 Personen davon, einschließlich des niedersächsischen CDU-Innenministers Uwe Schünemann, einem politischen Gegner Käßmanns. Viele Gerüchte kursieren in diesen Tagen, mal heißt es, Käßmann sei im Kino gewesen, mal soll sie bei einem privaten Empfang zwei Gläser Wein und zwei Gläser Sekt getrunken haben.
Aus dem offenen Haus von Margot Käßmann mit den großen Fensterfronten und den Balkonen ist eine Festung geworden. Die Frau, die ihr Privatleben und ihre untypische Biographie immer als öffentliche Angelegenheit behandelte, hat sich in den letzten Winkel ihrer Privatsphäre zurückgezogen.
Als Margot Käßmann ihr Amt als Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende gerade niedergelegt hat, unterhalten sich am Mittwochnachmittag zwei Pfarrer und ein Diakon aus Hameln in der Marktkirche, wo Käßmann sonntags Gottesdienst hält. Diakon Michael Frey ist geschockt: „Für Sekunden vergesse ich kurz, was gerade passiert ist, und wenn es mir dann wieder einfällt, läuft mir ein kalter Schauer den Rücken herunter.“ Ein anderer Pfarrer sagt, er werde in seinem Gottesdienst am Sonntag über den Skandal predigen und Käßmann in die Fürbitte einschließen. „Ich werde meinen Respekt und mein Bedauern in einen Text gießen, der den Namen Predigt verdient.“
Die Theologen stehen in dem Gotikbau aus rotem Backstein und beratschlagen, wie sie die verlorene Bischöfin zurückbekommen können. Ein Pappschild haben sie am Rednerpult aufgestellt: „Wir brauchen Sie, Frau Käßmann!“ Einer Pressefrau vom Kirchenamt schlagen sie vor, einen Solidaritätsgottesdienst abzuhalten. Die winkt ab: „Das geht nicht. Das würde den Abschiedsgottesdienst von Frau Käßmann vorwegnehmen!“ Dann schickt sie die Pfarrer hinaus, damit ein Fernsehteam in der Kirche drehen kann. Die Tür zum Gotteshaus fällt hinter ihnen ins Schloss.
Eine gewissenhafte Protestantin
Die drei Theologen gehen in ein Café, um weiterzudebattieren. „Sie hätte nicht zurücktreten müssen“, sagt Susanne Michaelsen, eine junge Pastorin, „wenigstens Landesbischöfin hätte sie bleiben können!“ Vor zwei Jahren lernte sie Käßmann persönlich kennen, erlebte sie als energiegeladene und professionelle Frau, die den Menschen auf Augenhöhe begegnet. Matthias Fricke-Zieseniß, Schulpastor in Hameln, sagt: „Sie konnte Brücken bauen zwischen Leitungsanspruch und dem, was die Menschen brauchen. Sie wollte den Menschen wirklich etwas mitteilen. Das wollen viel zu wenige.“ Die Pastoren sehen in der Alkoholfahrt keinen Rücktrittsgrund, sondern ein Zeichen menschlicher Fehlbarkeit. „Ihre Verdienste haben ein viel stärkeres Gewicht, so dass man ihr das einfach verzeihen möchte“, sagt Pastor Fricke-Zieseniß. Und überhaupt, wie die arme Bischöfin abgeurteilt werde, das sei alles so entsetzlich deutsch. „In Rom wäre sie von den Carabinieri nach Hause begleitet worden.“ Aber das hier ist nicht Rom, es ist Hannover, und Käßmann ist kein katholischer Kardinal, sondern eine gewissenhafte Protestantin.
Ganz Hannover beschäftigt sich in diesen Tagen mit dem Thema. Dass der Rücktritt nicht nötig gewesen wäre, dass Käßmann sich ihre Glaubwürdigkeit hätte bewahren können, dass sie eine innovative Frau war. „Sie konnte die Bibel in nur wenigen Sätzen erklären“, sagt ein Passant in der Fußgängerzone. Ein anderer findet: „Entscheidend ist, wie man mit Fehlern umgeht. Menschen, denen Ähnliches passiert ist, hätte das vielleicht geholfen.“
Ein Verlust - „Besonders für die Frauen!“
Aber wo sind die Menschen, denen Ähnliches geschieht? In einer anonymen Suchtberatung in der Hannoveraner Südstadt sitzen am Abend Frauen, die nicht wie Alkoholikerinnen aussehen, in einem Stuhlkreis bei Filterkaffee mit Milchpulver. An der Wand hängen Plakate mit Bibelversen. Auch hier ist Käßmanns Promillefahrt Thema. Eine Frau erzählt, dass sie bei einer Alkoholkontrolle genau denselben Wert erreicht wie der Bischöfin: 1,5 Promille, Führerschein weg. Aber wer betrunken am Steuer erwischt wird, muss noch kein Alkoholiker sein. Frau Käßmann sagt das niemand nach.
Sie wollte eine politische Kirche, eine Kirche der Erniedrigten und Beleidigten. Auf der täglichen Radroute der Bischöfin liegt auch das Haus kirchlicher Dienste. Dort ist das Frauenwerk ansässig, wo Pastorin Müller-Rosenau in der „Bibel in gerechter Sprache“ blättert. Im Bücherregal stehen feministische Fachbücher und Bildbände über „Große Frauen in der Bibel“. Der abrupte Rücktritt sei bestürzend, sagt Müller-Rosenau, und ein Verlust. „Besonders für die Frauen!“ Käßmann, mit der sie regelmäßig zu tun hat, habe „die Sache der Frauen“ vorangebracht und sich dabei schonungslos selbst thematisiert. Die Verbreitung der politisch korrekten Bibel, in der Gott auch „die Heilige“ heißt, habe sie unterstützt. Aber nachdem Käßmann in der Neujahrspredigt mit ihrem Satz „Nichts ist gut in Afghanistan“ eine Kritikwelle auslöste, sah sie laut Müller-Rosenau von Tag zu Tag schlimmer aus. „Am Ende war ihr Zustand besorgniserregend.“ Käßmann habe keine Kraft mehr gehabt.
„Mehr als Du glaubst“, steht auf einem Werbeplakat vor dem Kirchenamt in der Herrenhäuserstraße. Der EKD-Pressesprecher sagt zu Käßmanns Alkoholfahrt nur: „Ich bin froh, dass ich nichts weiß, sonst würde es mir am Ende doch jemand aus der Nase ziehen.“ Käßmanns Sprecherin gibt ebenfalls an, nicht zu wissen, wer bei der Bischöfin auf dem Beifahrersitz saß. „Ich kann Ihnen nicht einmal bestätigen, ob überhaupt jemand im Auto saß.“