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Mangelnde DDR-Kenntnisse Die Mitschuld der Kultusminister

28.07.2008 ·  Adenauer ein DDR-Politiker, die Umwelt dort sauberer als in der Bundesrepublik? Nach den katastrophalen Ergebnissen einer Studie über das DDR-Wissen deutscher Schüler weist der Lehrerverbands-Vorsitzende Kraus den Kultusministern eine Mitverantwortung zu.

Von Heike Schmoll, Berlin
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Die defizitären Kenntnisse sechzehn und siebzehn Jahre alter Schüler in vier Bundesländern über die Verhältnisse in der ehemaligen DDR gehen auch auf politische Versäumnisse zurück. Zu diesem Ergebnis kommt der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, der sich mit den einschlägigen Beschlüsse der Kultusministerkonferenz und deren Auswirkungen beschäftigt hat. „Die Kultusminister haben sich mehrfach als deutschlandpolitisch unmündig erwiesen und ein fragwürdiges Verständnis vom freiheitlichen Rechtsstaat erkennen lassen“, sagte Kraus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Am 23. November 1978 hatte die Kultusministerkonferenz (KMK) ihren Beschluss über „Die deutsche Frage im Unterricht“ gefasst. Darin hieß es: „Das Bewusstsein von der deutschen Einheit und der Wille zur Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit ist wachzuhalten und zu entwickeln.“ Die Schulen hätten dabei einen besonderen Beitrag zu leisten. Der Beschluss sollte in den Unterrichtsstoff übertragen, was in der damaligen Präambel des Grundgesetzes stand - das gesamte deutsche Volk bleibe aufgefordert, „in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden“. Dennoch wurde er damals heftig kritisiert; auch von „Deutschtümelei“ war die Rede.

Gravierende Wissenslücken

In einer Bilanz nach zehn Jahren stellten die verantwortlichen Bildungspolitiker ein Vakuum an deutschlandpolitischem Bewusstsein fest; nach den Ergebnissen damaliger Untersuchungen war nur noch ein Viertel der Jugendlichen der Auffassung, dass beide Staaten in Deutschland eine Nation darstellten. Die Hälfte der Jugendlichen hielt die DDR gar für Ausland. Sechzig Prozent hatten keine Vorstellung vom Unterschied etwa zwischen einem Volkskammer- und einem Bundestagsabgeordneten, 70 Prozent konnten keine Aussage über den unterschiedlichen Umgang der Bundesrepublik und der DDR mit der Menschenwürde machen. In vielen Schulbüchern wurde der DDR-Staat beschönigend, der westdeutsche Staat indessen ausgesprochen systemkritisch dargestellt.

Nach der Wende konnte sich die KMK nicht auf die Verabschiedung einer Empfehlung mit dem Titel „Darstellung Deutschlands im Unterricht“ verständigen. Der Entwurf dazu, der ein Jahr nach der Einigung im Oktober 1991 in Auftrag gegeben worden war, wurde von der KMK in ihrer Sitzung im September 1995 in Halle an der Saale nur „zur Kenntnis genommen“. Zudem äußerte Reinhard Höppner (SPD), der damalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, die ehemalige DDR komme in dem Entwurf zu schlecht weg; die KMK habe es versäumt, „das Recht der Ostdeutschen auf ihre Selbstdarstellung zu fördern“.

„Propaganda unter veränderten Vorzeichen“

Die PDS trat dafür ein, sich künftig im Geschichtsunterricht nicht mehr schwerpunktmäßig mit Diktaturen zu befassen. Auch der damals einladende Kultusminister Sachsen-Anhalts, Heinz Reck (SPD), äußerte, das KMK-Papier erinnere ihn an „SED-Propaganda, nur mit veränderten Vorzeichen“. Er verwahrte sich dagegen, dass die DDR darin als „System politischer Unfreiheit“ bezeichnet werde. Im KMK-Papier war vom Unrecht in der DDR, von Verfolgung und Massenflucht die Rede. Immerhin berücksichtigten einzelne Länder wie Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen und Nordrhein-Westfalen die Empfehlung im Unterricht.

Nach den Ergebnissen der am Freitag vergangener Woche veröffentlichten Studie „Soziales Paradies oder Stasi-Staat?“ des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin können bayerische Schüler die Verhältnisse in der DDR noch am ehesten einschätzen. Bayerische Hauptschüler wissen über die DDR sogar mehr als Brandenburger Gymnasiasten. In Brandenburg und in Ost-Berlin dagegen scheint die DDR geradezu verklärt zu werden. Mehr als die Hälfte der Schüler kennt das Jahr des Mauerbaus nicht. Nur jeder dritte weiß, dass die DDR die Mauer gebaut hat.

Adenauer ein DDR-Politiker?

Jeder dritte Schüler hält Konrad Adenauer und Willy Brandt für DDR-Politiker und Honecker für demokratisch legitimiert. 71 Prozent aller Schüler finden es gut, dass in der DDR jeder einen Arbeitsplatz hatte, im Übrigen sei es den Rentnern dort besser als in der Bundesrepublik gegangen, auch die Umwelt sei in der DDR sauberer gewesen. Der Leiter der Studie, der Politikwissenschaftler Klaus Schroeder, und seine Mitarbeiter hatten insgesamt 5200 sechzehn und siebzehn Jahre alte Schüler aller Schularten (in der Mehrheit Gymnasiasten) in Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Bayern nach ihrem Bild von der DDR gefragt.

Der Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) gab inzwischen ein Gegengutachten in Auftrag, um die Ergebnisse zu überprüfen. Dafür ist der Hamburger Geschichtsdidaktiker Bodo von Borries zuständig, der sagte, die Schroeder-Studie sei „wahnsinnig selbstsicher“ wegen ihres „Hangs zur Eindeutigkeit“. Außerdem gab von Borries zu bedenken, eine zu intensive Behandlung der DDR-Geschichte würde Schüler eventuell „in Konflikte mit ihren Familien treiben“. Der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Rainer Eppelmann (CDU), schlug vor, die Lehrpläne für den Geschichtsunterricht zu aktualisieren.

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