http://www.faz.net/-gpf-92euj

Mainzer Einheitsfeier : Bürgerfest in der Hochsicherheitszone

  • Aktualisiert am

Festbesucher und Polizisten an der Rheinpromenade Bild: dpa

Seit dem Besuch des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Bush hat Mainz nicht mehr solche Sicherheitsvorkehrungen erlebt. Nach den negativen Erfahrungen bei der Einheitsfeier in Dresden werden die Bürger nun auf Distanz gehalten.

          Mainz gilt als lebendige, tolerante und lebensfrohe Stadt, doch für die Feier zur Deutschen Einheit wurden große Teile der Innenstadt in ein Sperrgebiet verwandelt. Zahllose Absperrgitter, Polizisten mit teilweise schwerer Bewaffnung und Betonsperren machen die Wege für viele Festbesucher zu einem Hindernislauf.

          „Wir sind seit 14 Jahren bei jedem Fest zum Tag der Deutschen Einheit dabei, aber so drastisch wie in Mainz haben wir das noch nie mit der Sicherheit erlebt“, sagt der 75 Jahre alte Hans Brinkmann aus Oerlinghausen bei Bielefeld. Zusammen mit seiner fünf Jahre jüngeren Frau Irmtraut hat er sich an einer Absperrung auf dem Marktplatz in die erste Reihe gestellt, um einen Blick auf Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu werfen. „Ich habe nichts gegen Kontrollen, aber an jeder Ecke wurden wir zurückgeschickt“, kritisiert Brinkmann.

          „Eher ein Polizeifest“

          Vor einem Jahr hatten nationalistische Demonstranten am Tag der Deutschen Einheit in Dresden Politiker als „Volksverräter“ beschimpft. Brinkmann sagt, daraus seien die falschen Schlüsse gezogen worden. Die Bevölkerung dürfe nicht ausgegrenzt werden. „Ich habe den Eindruck, dass das hier eher ein Polizeifest ist.“ Die Menge an der Absperrung ist überschaubar, nach fünf Minuten ist die Begegnung der Politiker mit Besuchern des Bürgerfests zu Ende.

          Der Ausnahmezustand in Mainz macht den schwierigen Spagat deutlich – zwischen den Anforderungen der Sicherheit einerseits und anderseits dem Wunsch, eine zentrale Einheitsfeier auch mitten in einer Landeshauptstadt auszurichten. Mehr als 4000 Polizisten, Hubschrauber in der Luft, weiträumige Absperrungen: Aus Furcht vor Anschlägen gleichen Teile der Mainzer Innenstadt am Dienstag einer Hochsicherheitszone. Insbesondere das Gebiet rund um den Dom, Wahrzeichen der Stadt und Stolz der Mainzer. Doch das mächtige Gotteshaus war zumindest stundenweise nur Kulisse für geladene Gäste.

          Festbesucher vor dem weiträumig abgesperrten Mainzer Dom

          Während des Gottesdienstes und des Festaktes in der nahegelegenen Rheingoldhalle sollen die unmittelbaren Anwohner nicht auf ihre Balkone gehen und die Fenster geschlossen halten. Auch Banner oder Plakate sind nicht erlaubt. Selbst akkreditierte Journalisten, die einen zusätzlichen Sicherheitscheck absolvieren müssen, dürfen sich in der Sicherheitszone nicht frei bewegen.

          Der immense Sicherheitsaufwand weckt in Mainz Erinnerungen an den Besuch des damaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush im Februar 2005. Als Bush in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Bundeskanzler Gerhard Schröder traf, waren große Teile von Mainz eine Geisterstadt mit zugeschweißten Gullydeckeln und Scharfschützen auf den Dächern.

          Etwas freier geht es auf dem Bürgerfest außerhalb des Sicherheitsbereichs zu – doch auch dafür gelten ganz besondere Vorkehrungen. Die Polizei überwacht das Fest mit Videokameras. Müllwagen und Absperrungen aus Beton wurden in Einfallstraßen gestellt, um ein Szenario wie in Nizza oder Berlin zu verhindern, als Terroristen mit Lastwagen in Menschenmengen rasten.

          Durch die Sicherheitskontrollen gelotst werden die Mitglieder von Bürgerdelegationen. Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender gehen vor dem Gutenbergmuseum auf die Fähnchen schwingenden Menschen zu, schütteln Hände. Die anderen Vertreter der Verfassungsorgane winken ihnen freundlich zu.

          „Alles abgesperrt“

          Die Mainzerinnen Hannelore und Edith, beide mehr als 80 Jahre alt, stehen am Morgen am Bahnhof, um die Stadt zu verlassen. „Wir flüchten“, sagt Hannelore und lacht. Es sei alles abgesperrt, und in ihrem Alter möchte sie nicht mehr „lange stehen und dann doch nichts sehen“. Edith hätte sich zwar gern die Zelte der Bundesländer auf dem Bürgerfest angeschaut, aber dann hat sie sich lieber für eine Wanderung entschieden.

          Etwa 500 Menschen sind auf den Mainzer Marktplatz gekommen. Sie applaudieren freundlich, als Steinmeier und Merkel zusammen mit ihrer rheinland-pfälzischen Gastgeberin Malu Dreyer (SPD) aus dem Dom kommen. Während die Politiker Hände schütteln und sich für Selfies fotografieren lassen, wird es still auf dem Platz. Nur einige Sänger vom Manita-Gospelchor aus Heidelberg sind zu hören mit: „All we need is love!“

          Weitere Themen

          Aus der Tiefgarage ins Licht

          Moschee in Hamburg : Aus der Tiefgarage ins Licht

          In Hamburg wird eine ehemalige evangelische Kirche zur Moschee umgebaut – und diesmal gibt es keinen Protest. Der Erfolg des Umbaus ist vor allem auf einen Menschen zurückzuführen.

          Ex-BAMF-Chefin soll ins Innenministerium Video-Seite öffnen

          Jutta Cordt : Ex-BAMF-Chefin soll ins Innenministerium

          Anders als Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen, der nach seinem Wechsel als Sonderberater ins Ministerium seine bisherigen Bezüge behält, werde Cordt aber deutlich weniger verdienen als zuvor.

          Trump teilt munter aus Video-Seite öffnen

          Während UN-Rede : Trump teilt munter aus

          Im Atomstreit mit dem Iran bestätigte Trump seine harte Haltung und rief alle Staaten auf, die iranische Führung so lange zu isolieren, wie deren aggressives Verhalten andauere. Dabei teilte der amerikanische Präsident gegen Deutschland aus.

          Topmeldungen

          Ralph Brinkhaus : „Kein großes Drama“

          Der neue Unionsfraktionschef stellt sich nach seiner überraschenden Wahl hinter Angela Merkel: „Ich habe den Willen, sie zu unterstützen.“ Politologen sprechen von einem Misstrauensvotum gegen die Kanzlerin.
          Unser Sprinter-Autor: Thomas Holl

          FAZ.NET-Sprinter : Ein unbürgerliches Trauerspiel

          Volker Kauders Abwahl ist der letzte Akt im Stück „Die bizarre Causa Maaßen oder die entrückte Koalition“. Fällt der Vorhang für Angela Merkel nun endgültig? Der Sprinter ab heute in neuem Gewand.

          3D-Druck : Die Waffe aus dem Drucker

          Cody Wilson erklärte den Amerikanern, wie sie Schusswaffen zuhause selbst herstellen können. Nach jahrelanger Debatte errang er juristische Siege. Nun droht ihm trotzdem eine Haftstrafe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.