http://www.faz.net/-gpf-93n27

Macron und Steinmeier : Gesten des Vertrauens

Die Gedenkstätte Hartmannsweilerkopf im Elsass: Hier waren bei verlustreichen Kämpfen fast 30.000 Deutsche und Franzosen ums Leben gekommen. Bild: dpa

30.000 Soldaten haben im Ersten Weltkrieg am Hartmannsweilerkopf ihr Leben verloren. Macron und Steinmeier wollen die Erinnerung daran wach halten – auch für die Zukunft Europas.

          Es ging ein eiskalter Novemberwind oben auf dem Bergrücken namens Hartmannsweilerkopf. Die französische Flagge wehte hoch über den Gipfeln, nicht weit davon fanden sich drei weitere Flaggen: die deutsche, noch eine französische und die Flagge Europas. Unter diesen schritten Emmanuel Macron und Frank-Walter Steinmeier am Freitagnachmittag einen nachgebildeten Schützengraben entlang. Wenn die Präsidenten Frankreichs und Deutschlands den Blick hoben, konnten sie das große Kreuz auf einem weiteren Gipfel sehen, das über den einstigen Schlachtengräben steht und an die 30.000 Soldaten beider Länder erinnert, die sich hier im Ersten Weltkrieg gegenseitig getötet haben.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Den ganzen Tag hatten sie sich Zeit genommen, um nach einem morgendlichen Treffen in Paris gemeinsam in Macrons Flugzeug nach Basel zu fliegen, von dort weiter zum Hartmannsweilerkopf zu fahren und das dort am 3. August eröffnete deutsch-französische Museum zum Ersten Weltkrieg zu besuchen. Zuvor warben der französische und der deutsche Präsident im Elysée-Palast in Paris für eine gemeinsame Erinnerungskultur, um den Blick nach vorn auf Europa richten zu können.

          „Der Sockel einer gemeinsamen Zukunft“

          „Was wir heute tun, ist ein gemeinsames Geschichtsbild aufzubauen, weil es der Sockel einer gemeinsamen Zukunft ist“, sagte Macron. Frankreich habe am Hartmannsweilerkopf lange ein ausschließlich nationales Gedenken gepflegt. Das habe dazu geführt, Fehler zu wiederholen, und Spannungen aufrechtzuerhalten, sagte der französische Präsident. Die Erinnerung sei wichtig, weil jede Generation aufs Neue erlernen müsse, warum es Aufgabe Deutschlands und Frankreichs sei, „dieses Europa in eine hoffnungsvolle, in eine bessere Zukunft zu führen“, sagte Steinmeier.

          Macron ließ erkennen, dass er nicht ohne Sorge auf Deutschland blickt. Er erinnerte ausdrücklich daran, dass sich alle Koalitionspartner im Wahlkampf zum europäischen Einigungsprozess bekannt hätten. Es sei „die gemeinsame Verantwortung Frankreichs und Deutschlands“, die EU durch gemeinsame Initiativen aus der Krise zu führen. „Das kommende Jahr wird dabei entscheidend sein“, sagte Macron.

          Steinmeier und Macron sind „alte Bekannte“, wie beide freundschaftlich hervorhoben. Macron, der über passable Deutschkenntnisse verfügt, verzichtete auf eine Übersetzung, um Steinmeier zuzuhören – eine Geste des Vertrauens. Steinmeiers erste Reise als Bundespräsident hatte ihn Ende März nach Paris geführt, als der französische Präsident noch François Hollande hieß. Das Treffen mit Macron sei nun so etwas wie der „zweite Teil“ seines Antrittsbesuchs bei Deutschlands engstem Partner Frankreich, hieß es im Bundespräsidialamt. Der deutsche und der französische Präsident kennen sich aus Zeiten, als sie beide noch nicht an der Spitze ihrer Staaten standen. Macron war damals Berater bei Hollande. Noch kurz vor Steinmeiers Amtsübernahme hatte sich Macron nach der deutschen Reformpolitik erkundigt. Steinmeier ist schließlich als Chef des Bundeskanzleramtes einer der Architekten der Agenda 2010 gewesen.

          Am Freitag ging es noch um ganz andere Erfahrungen. Ältere, grundsätzlichere, existentiellere. Am Hartmannsweilerkopf im Elsass, dort wo sich im Ersten Weltkrieg vor hundert Jahren deutsche und französische Soldaten zu Zehntausenden getötet hatten, versuchten die beiden Präsidenten, die für die Geschichte ihrer beiden Länder so wichtige Erinnerung wachzuhalten. Erinnerung an Ereignisse, die lange vor ihrer Geburt stattgefunden hatten und noch viel länger vor der Geburt jener Jugendlichen, mit denen die beiden dort sprachen. „Wir erinnern, weil jede Generation für sich aufs Neue erlernen muss, die Idee der Nation von der Ideologie des Nationalismus zu unterscheiden“, sagte Steinmeier am Hartmannsweilerkopf zum Ende seines eintägigen Besuchs. „Wir erinnern, weil wir nie wieder den Irrweg beschreiten wollen, auf den der Nationalismus uns führt: zur Repression nach innen und zur Aggression nach außen.“

          Weitere Themen

          Freund, Feind oder was?

          Trump und Europa : Freund, Feind oder was?

          Für Nostalgie ist im transatlantischen Verhältnis kein Platz mehr. Die Amerikaner haben die Nase voll, die Lasten des Westens zu tragen. Auf uns kommt einiges zu.

          Nahles will Maaßen-Deal neu verhandeln Video-Seite öffnen

          Koalitionsstreit : Nahles will Maaßen-Deal neu verhandeln

          „Die durchweg negativen Reaktionen aus der Bevölkerung zeigen, dass wir uns geirrt haben“, schrieb Nahles am Freitag an die Vorsitzenden von CDU und CSU, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesinnenminister Horst Seehofer.

          Kein großer Auftritt für Erdogan

          Deutschlandbesuch : Kein großer Auftritt für Erdogan

          In der Vergangenheit hatte der türkische Präsident Ansprachen vor mehr als 10.000 Menschen in Deutschland gehalten. Darauf wird er beim Besuch kommende Woche verzichten. Stattdessen gibt es zwei Treffen mit der Kanzlerin.

          May demonstriert Härte nach EU-Gipfel Video-Seite öffnen

          Salzburg : May demonstriert Härte nach EU-Gipfel

          Ihre überraschend anberaumte Rede erfolgte nach einem Sturm der Entrüstung in der britischen Presse. Die Zeitungen „Guardian“ und „The Times“ hatten von einer Demütigung beim informellen EU-Gipfel in Österreich geschrieben.

          Topmeldungen

          Kommentar zur SPD : Morsche Knochen, bloße Nerven

          Im Fall Maaßen steht die Regierungskoalition am Rande des Nervenzusammenbruchs – vier Sätzen eines Beamten halber. In der SPD lodert die Sehnsucht nach der Opposition. Doch es steht mehr auf dem Spiel als ihr Seelenheil.

          Brexit-Verhandlungen : Schlichtweg inakzeptabel

          Die Zurückweisung auf dem EU-Treffen in Salzburg hat die Briten schockiert. Premierministerin Theresa May reagiert trotzig. Die Gegner ihres Plans im Land sehen sich aber bestätigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.