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Macron und Steinmeier : Gesten des Vertrauens

Die Gedenkstätte Hartmannsweilerkopf im Elsass: Hier waren bei verlustreichen Kämpfen fast 30.000 Deutsche und Franzosen ums Leben gekommen. Bild: dpa

30.000 Soldaten haben im Ersten Weltkrieg am Hartmannsweilerkopf ihr Leben verloren. Macron und Steinmeier wollen die Erinnerung daran wach halten – auch für die Zukunft Europas.

          Es ging ein eiskalter Novemberwind oben auf dem Bergrücken namens Hartmannsweilerkopf. Die französische Flagge wehte hoch über den Gipfeln, nicht weit davon fanden sich drei weitere Flaggen: die deutsche, noch eine französische und die Flagge Europas. Unter diesen schritten Emmanuel Macron und Frank-Walter Steinmeier am Freitagnachmittag einen nachgebildeten Schützengraben entlang. Wenn die Präsidenten Frankreichs und Deutschlands den Blick hoben, konnten sie das große Kreuz auf einem weiteren Gipfel sehen, das über den einstigen Schlachtengräben steht und an die 30.000 Soldaten beider Länder erinnert, die sich hier im Ersten Weltkrieg gegenseitig getötet haben.

          Eckart Lohse

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Den ganzen Tag hatten sie sich Zeit genommen, um nach einem morgendlichen Treffen in Paris gemeinsam in Macrons Flugzeug nach Basel zu fliegen, von dort weiter zum Hartmannsweilerkopf zu fahren und das dort am 3. August eröffnete deutsch-französische Museum zum Ersten Weltkrieg zu besuchen. Zuvor warben der französische und der deutsche Präsident im Elysée-Palast in Paris für eine gemeinsame Erinnerungskultur, um den Blick nach vorn auf Europa richten zu können.

          „Der Sockel einer gemeinsamen Zukunft“

          „Was wir heute tun, ist ein gemeinsames Geschichtsbild aufzubauen, weil es der Sockel einer gemeinsamen Zukunft ist“, sagte Macron. Frankreich habe am Hartmannsweilerkopf lange ein ausschließlich nationales Gedenken gepflegt. Das habe dazu geführt, Fehler zu wiederholen, und Spannungen aufrechtzuerhalten, sagte der französische Präsident. Die Erinnerung sei wichtig, weil jede Generation aufs Neue erlernen müsse, warum es Aufgabe Deutschlands und Frankreichs sei, „dieses Europa in eine hoffnungsvolle, in eine bessere Zukunft zu führen“, sagte Steinmeier.

          Macron ließ erkennen, dass er nicht ohne Sorge auf Deutschland blickt. Er erinnerte ausdrücklich daran, dass sich alle Koalitionspartner im Wahlkampf zum europäischen Einigungsprozess bekannt hätten. Es sei „die gemeinsame Verantwortung Frankreichs und Deutschlands“, die EU durch gemeinsame Initiativen aus der Krise zu führen. „Das kommende Jahr wird dabei entscheidend sein“, sagte Macron.

          Steinmeier und Macron sind „alte Bekannte“, wie beide freundschaftlich hervorhoben. Macron, der über passable Deutschkenntnisse verfügt, verzichtete auf eine Übersetzung, um Steinmeier zuzuhören – eine Geste des Vertrauens. Steinmeiers erste Reise als Bundespräsident hatte ihn Ende März nach Paris geführt, als der französische Präsident noch François Hollande hieß. Das Treffen mit Macron sei nun so etwas wie der „zweite Teil“ seines Antrittsbesuchs bei Deutschlands engstem Partner Frankreich, hieß es im Bundespräsidialamt. Der deutsche und der französische Präsident kennen sich aus Zeiten, als sie beide noch nicht an der Spitze ihrer Staaten standen. Macron war damals Berater bei Hollande. Noch kurz vor Steinmeiers Amtsübernahme hatte sich Macron nach der deutschen Reformpolitik erkundigt. Steinmeier ist schließlich als Chef des Bundeskanzleramtes einer der Architekten der Agenda 2010 gewesen.

          Am Freitag ging es noch um ganz andere Erfahrungen. Ältere, grundsätzlichere, existentiellere. Am Hartmannsweilerkopf im Elsass, dort wo sich im Ersten Weltkrieg vor hundert Jahren deutsche und französische Soldaten zu Zehntausenden getötet hatten, versuchten die beiden Präsidenten, die für die Geschichte ihrer beiden Länder so wichtige Erinnerung wachzuhalten. Erinnerung an Ereignisse, die lange vor ihrer Geburt stattgefunden hatten und noch viel länger vor der Geburt jener Jugendlichen, mit denen die beiden dort sprachen. „Wir erinnern, weil jede Generation für sich aufs Neue erlernen muss, die Idee der Nation von der Ideologie des Nationalismus zu unterscheiden“, sagte Steinmeier am Hartmannsweilerkopf zum Ende seines eintägigen Besuchs. „Wir erinnern, weil wir nie wieder den Irrweg beschreiten wollen, auf den der Nationalismus uns führt: zur Repression nach innen und zur Aggression nach außen.“

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