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Machtkampf in der SPD : Game of Gabriel

Das Ende einer Freundschaft: Martin Schulz und Sigmar Gabriel Bild: AFP

Martin Schulz und Sigmar Gabriel schienen zu sein, was in der Politik eigentlich nicht geht: Freunde. Dann kam die Macht dazwischen. Die Geschichte einer Entfremdung.

          Es waren einmal zwei mächtige Männer, die verband mehr miteinander, als es unter mächtigen Männern gemeinhin üblich ist: Sie waren Freunde. Jeder von ihnen hatte sein Reich, einer in Berlin, der andere im weit entfernten Brüssel, und keiner machte dem anderen sein Reich streitig. Bis der eine sein Erbe regeln musste, weil seine Untertanen immer lauter gegen ihn aufbegehrten. „Hör zu“, sagte er seinem Freund nach langem Zögern, „lass uns etwas verabreden: Du sollst an meiner statt übernehmen, und ich werde dafür der oberste Gesandte des Reiches.“ Der andere freute sich sehr, schon lange hatte er mit diesem Gedanken gespielt. Aber er hätte es nie gegen den Willen des Freundes für sich beansprucht. So gut kamen die beiden miteinander klar, dass sie es gemeinsam beschließen wollten.

          Märchen gibt es in der Politik nicht – und doch soll es sich so oder ähnlich zugetragen haben zwischen Sigmar Gabriel und Martin Schulz. Nur dass aus dem Grimmschen Märchen mittlerweile grimmigster Shakespeare geworden ist. Nach einem erbitterten Machtkampf hat sich am Ende doch wieder Sigmar Gabriel durchgesetzt, dessen politische Karriere vor wenigen Tagen noch beendet schien: Martin Schulz verzichtet auf das Amt des Außenministers in einer neuen großen Koalition – wegen des immer größeren Drucks aus seiner Partei und weil er den SPD-Mitgliederentscheid nicht gefährden will, der über den Koalitionsvertrag mit der Union entscheidet. Doch war es wohl auch Gabriel, der seinen langjährigen Freund am Ende mit zu Fall gebracht haben dürfte.

          Ein Drama in drei Akten

          Gabriel und Schulz, das ist die Geschichte einer Entfremdung, wie sie tiefer kaum sein könnte. Schon seit Gabriel Schulz im Januar 2017 als neuen SPD-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten vorschlug, hatte sich das Verhältnis zwischen beiden binnen weniger Monate abgekühlt. Gabriel, der Schulz in die Hand versprochen hatte, sich als Außenminister im Wahlkampf diplomatisch zurückzuhalten, fuhr dem Kanzlerkandidaten immer wieder in die Parade und machte so klar, wen er noch immer für den besseren Kandidaten hielt. Schulz reagierte fassungslos, selbst gegenüber Medien hielt er damit nicht hinter dem Berg. Von Vertrauen konnte schon da kaum noch eine Rede sein. Des Dramas erster Teil. 

          Dann beanspruchte Schulz nach der Groko-Einigung zwischen Union und SPD öffentlich das Amt des Außenministers für sich, das Gabriel in den letzten Monaten nicht nur souverän ausgefüllt hatte, sondern in der möglichen großen Koalition auch liebend gerne weiterführen würde. Gabriel sagte sofort mehrere anstehende Termine als Außenminister ab; bei der wichtigen Münchener Sicherheitskonferenz Ende Februar sollte anstelle von Gabriel nun Schulz sprechen. Alles sah danach aus, als habe Schulz im Machtkampf mit Gabriel gesiegt. Des Dramas zweiter Teil.

          Am Donnerstag dann brach Gabriel sein Schweigen. Und reagierte mit solch einem Tiefschlag auf die Demütigung durch Schulz, dass es vielen in der SPD die Sprache verschlug: Seine Familie freue sich schon darauf, dass er künftig mehr Zeit mit ihr verbringe, sagte er in einem Interview – und nicht mehr „mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht“. Das habe seine Tochter am Morgen zu ihm gesagt, behauptete Gabriel. Selbst abgebrühte Genossen, die sonst eher Martin Schulz mit Häme überziehen, fanden es stillos und armselig, dass Gabriel bei seinem Angriff die Tochter vorschickte. Ein Wahnsinn sei das, was gerade zwischen Gabriel und Schulz passiere, sagte ein Genosse aus Berlin am Freitag. Und viele in der SPD wissen noch immer nicht, was sie schlimmer finden sollen: die Tatsache, dass Schulz seinen alten Freund Gabriel eiskalt abservieren wollte – oder die Art und Weise, wie dieser zurückschlug. Des Dramas dritter Teil.

          Versprechen zählen nichts in der Politik, heißt es, und Freundschaft nur etwas, so lange sie nicht bei der eigenen Entfaltung stört. Doch um nichts anderes geht es zwischen Schulz und Gabriel: Versprechen und Verrat, großes Vertrauen und noch größere Enttäuschung. Und über allem steht die Frage, wer schon Opfer und wer noch Schuldiger ist – nur dass das kaum noch zu entwirren ist. Hat Schulz Gabriel tatsächlich versprochen, dass er in einer großen Koalition Außenminister bleiben darf und dieses Wort dann genauso gebrochen wie das, nicht in eine große Koalition einzutreten und erst recht nicht als Minister in ein Kabinett Merkel? Falls ja, würde das Verständnis für Gabriels Wut in der Partei sicher steigen – aber würde es auch seinen haarigen Tiefschlag rechtfertigen?

          Rechtfertigt der Wortbruch des einen den des anderen?

          Oder, falls es das Versprechen gab, wie Gabriel behauptet: Hat der Goslarer den Vertrauensvorschuss seines Freundes dann mutwillig verwirkt, indem er Schulz im Wahlkampf entgegen aller Absprachen immer wieder in die Parade gefahren ist, sodass der Kanzlerkandidat wie ein Kanzlerkandidatenlehrling aussah? Rechtfertigt der Wortbruch des einen den des anderen? Oder ist doch alles ganz anders, weil es das Versprechen von Schulz nie gegeben hat? Hat Gabriel es schlicht nicht ertragen, dass sein einstiger Freund, der nur seinetwegen Kanzlerkandidat und Parteivorsitzender geworden ist, ihn jetzt so kalt auszubooten versuchte, weil er seine Haut retten und unbedingt Außenminister werden wollte? Und würde die offenkundige Niveaulosigkeit von Gabriels Äußerung, die damit umso schwerer wöge, dann zugleich die Kritik an Schulz relativieren, er habe mit Gabriel eines der besten Pferde im Stall aus mutmaßlich egoistischen Machtgründen ins Abseits gedrängt?

          Womöglich trifft am Ende eine weitere Lesart zu: Dass der gewiefte Machtpolitiker Gabriel, der im Auswärtigen Amt nur vordergründig domestiziert schien, mit seiner verbalen Attacke nicht nur blindwütig zurückgeschossen hat, sondern Schulz mit seinem Angriff aus verlorener Ehre endgültig sturmreif schießen wollte. Es wäre ein riskantes Spiel, das Gabriel mit durchaus ehrabschneidenden Mitteln geführt hätte – aber offenkundig ein erfolgreiches: Schulz hat die Segel gestrichen. Und die Solidarität mit Gabriel ist selbst bei Genossen, die ihm bis vor kurzem noch in herzlicher Abneigung verbunden waren, wieder deutlich gestiegen, seit Schulz mit der Ankündigung eines doppelten Wortbruchs die Partei gegen sich aufgebracht hat. Ein Interview, mag Gabriel denken, ist schnell vergessen. Eine Chance, vielleicht doch noch in seinem geliebten Außenministerium bleiben zu können, kommt hingegen nicht wieder.

          Noch-Parteichef Martin Schulz und Bald-Parteichefin Andrea Nahles bei ihrer gemeinsamen Pressekonferenz nach der Einigung auf einen Koalitionsvertrag.

          Trotzdem ist Schulz' Rückzug nur ein Etappensieg für Gabriel. Dass Schulz ins Kabinett eintreten will, galt in der Partei zwar als eine der größten Hürden für eine Zustimmung der SPD beim anstehenden Mitgliederentscheid. Ob die Partei aber auch die rücksichtslose Härte so schnell vergisst, mit der ihre wichtigsten Politiker ihren erbitterten Machtkampf ausgetragen haben, ist ebenso unklar wie die Frage, wer das Außenamt denn nun für die SPD führen soll.

          Es ist nicht das Jähzornige, Irrationale, das viele Genossen in diesen Tagen so fassungslos machen dürfte – Schulz und Gabriel haben einander binnen kurzer Zeit so tiefe Verletzungen zugefügt, dass es manches rechtfertigen mag. Es ist die Tatsache, wie wenig die beiden Alpha-Männer der SPD im Schmerz über die gegenseitige Kränkung offenbar an ihre Partei gedacht haben. „Was bleibt, ist eigentlich nur das Bedauern darüber, wie respektlos bei uns in der SPD der Umgang miteinander geworden ist und wie wenig ein gegebenes Wort noch zählt“, hat Sigmar Gabriel in dem schon legendären Interview gesagt.

          Hätte er es dabei belassen, die meisten Genossen hätten ihm wohl zugestimmt. Dann kam das Zitat mit den Haaren.

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