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Linkspartei will Lafontaine Stolz wie Oskar

 ·  Oskar Lafontaine hat sein Interesse an einem Comeback in Berlin bekundet. Viele in der Linkspartei wünschen sich ihn zurück in den Bundestag. Doch er lässt die Genossen erst einmal zappeln.

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© dapd Vergrößern „Großartig vorbereiten muss ich mich ja nicht“: Der ehemalige Parteivorsitzende der Linken, Oskar Lafontaine

Ab und zu meldet sich Oskar Lafontaine aus Saarbrücken zu Wort, wenn ihm ein Thema am Herzen liegen. „Die Agenda 2010 hat schon viele Menschen in die Armut gestürzt. Nun in einer Agenda 2020 eine Rente erst mit 70 und eine Aufweichung des Kündigungsschutzes zu fordern, ist nicht hinnehmbar.“ Bei Fragen zu seiner politischen Zukunft lässt der 69 Jahre alte Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Saarland jedoch seine Genossen zappeln.

Seit Wochen macht Lafontaine ein Geheimnis darum, ob er zur Bundestagswahl am 22. September antritt. Die Landespartei werde am 5. Mai als letzter Landesverband der Linkspartei ihre Entscheidung bei der Listenaufstellung treffen. „Mehr ist dazu nicht zu sagen“, lautet die Standardantwort des Linkspartei-Mitbegründers.

Ende Februar hatte Lafontaine erstmals sein Interesse an einem Comeback in Berlin bekundet. Er habe sich „noch nicht entschieden“, schließlich gebe es ja „viele Argumente“, die man prüfen müsse. Und ergänzte im selbstgewissen Ton des politischen Altmeisters, dem niemand mehr etwas vormachen kann: „Großartig vorbereiten muss ich mich ja nicht.“ Gemeinsam mit Gregor Gysi führte Lafontaine von 2005 bis 2009 die Bundestagsfraktion, an der Spitze der Bundespartei stand er von 2007 bis 2010.

Rückzug kam überraschend

Sein Rückzug in das kleine Saarland im November 2009 wegen einer Prostatakrebserkrankung war für die Partei eine Überraschung. Unangenehm überrascht war der damalige SPD-Oppositionsführer Heiko Maas, der dem Grünen-Vorsitzenden, Lafontaine-Gegner und Koalitionspartner in spe, Hubert Ulrich, ein Verbleiben „Oskars“ in Berlin bei einer rot-rot-grünen Koalition in Saarland versprochen hatte.

Lafontaines Rückkehr an die Saar führte zum Seitenwechsel Ulrichs und zur Jamaika-Koalition mit CDU und FDP. Auch nach dem Ende des Jamaika-Experiments und der Neuwahl im April 2012 musste Lafontaine weiter in der Opposition ausharren. Sein politischer Ziehsohn Maas regierte lieber als Juniorpartner mit der verlässlichen CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, als zum Regierungschef einer rot-roten Koalition unter einem unberechenbaren heimlichen Chef Lafontaine aufzusteigen.

Womöglich sind es Langeweile und Frust, die Sehnsucht nach der großen Bühne und die Überzeugung, nur er könne die Linkspartei durch ein gutes Ergebnis im Westen wie 2009 auf mehr als zehn Prozent hieven, die ihn nun mit einer Rückkehr in die Bundespolitik spielen lassen. Letzteres Argument für eine Kandidatur Lafontaines sehen neben dem Vorsitzenden der Saar-Linkspartei, Rolf Linsler und dem stellvertretenden Bundesvorsitzenden Heinz Bierbaum auch führende Politiker anderer westdeutscher Landesverbände als entscheidend an.

Keine wochenlange „Hängepartie“

„Sehr wünschenswert“ nennt die hessische Fraktionsvorsitzende Janine Wissler, die am 22. September in den Landtag zurückkehren will, eine Bundestagskandidatur des früheren SPD-Vorsitzenden: „Er kann Inhalte sehr gut vermitteln und wirkt in die sozialdemokratische Wählerschaft. Und er würde den Bundestag bereichern.“ Lafontaine wäre im Wahlkampf auch kein Ersatz für den Spitzenkandidaten Gysi. „Beide sind Zugpferde für uns“, sagt die Linkspartei-Politikerin der F.A.Z.

Allerdings dürfe es keine wochenlange „Hängepartie“ wie vergangenes Jahr um den Bundesvorsitz geben, drängt Janine Wissler auf eine Entscheidung deutlich vor dem 5. Mai. Eine Art Spitzentrio bestehend aus Lafontaine und seiner in Nordrhein-Westfalen kandidierenden Lebensgefährtin Sahra Wagenknecht sowie Gysi wünscht sich der parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion, Alexander Ulrich, für den Wahlkampf.

„Wenn alle drei auf dem Wahlzettel stehen, wäre das sehr gut für uns,“ sagte der rheinland-pfälzische Bundestagsabgeordnete der F.A.Z. Lafontaine habe eine „Lücke in der Bundestagsfraktion hinterlassen“. Einen Machtkampf und einen neuen Richtungsstreit mit dem ostdeutschen Reformflügel der Partei um Dietmar Bartsch befürchtet Ulrich nicht. Schließlich habe sich auch der Bartsch-Freund und Fraktionsvorsitzende der Linksfraktion in Mecklenburg-Vorpommern, Helmut Holter, für eine Bundestagskandidatur Lafontaines ausgesprochen.

Der von Lafontaine und seinen Anhängern ins Amt gebrachte Bundesvorsitzende Bernd Riexinger glaubt, dass eine Kandidatur auch in Ostdeutschland auf Zustimmung stoße: „Lafontaine hat einen guten Namen. Ich begrüße alles, was er tut, um uns zu helfen“. Intensiv beraten bei seiner Entscheidung wird sich Lafontaine nach Einschätzung von Vertrauten mit seiner Lebensgefährtin Wagenknecht, deren Verhältnis zum Fraktionsvorsitzenden und Spitzenkandidaten Gysi gespannt ist.

„Er will auch nicht in den Geruch kommen, dass er mit Sahra Wagenknecht die Partei dominiert“, sagt der Saar-Landesvorsitzende Linsler und kann sich aus diesem Grund eine Absage Lafontaines vorstellen. Auch sein Gesundheitszustand spiele eine Rolle, heißt es in der Partei. Auch die Stasi-Ermittlungen der Hamburger Staatsanwaltschaft gegen Gysi gehören zu offenbar zu den „Argumenten“, die Lafontaine prüft: „Wenn die Staatsanwaltschaft Anklage erhebt, wird das natürlich Spuren hinterlassen. Da kann es eine Überlegung von Oskar sein, ob er noch mehr gebraucht wird oder nicht“, verriet der Lafontaine-Vertraute Linsler der Deutschen Presse-Agentur.

Wenn Lafontaine für Platz Eins der Bundestagsliste kandidiert, wird es wohl eine Kampfabstimmung zwischen zwei Frauen um den aussichtsreichen zweiten Rang geben. Die Bundesabgeordnete Yvonne Ploetz und die Fraktionssprecherin Claudia Kohde-Kilsch träten dann gegeneinander an. Die frühere Weltklasse-Tennisspielerin Kohde-Kilsch ist seit Jahrzehnten mit Lafontaine befreundet, er berief sie zu seiner Sprecherin. Die 28 Jahre alte Politologin und Judo-Kämpferin Ploetz war als Nachrückerin für Lafontaine in den Bundestag gekommen.

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