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Linkspartei Die Kunst des Verrats

17.01.2010 ·  Ausgerechnet Gregor Gysi: Mit dem Dolchstoß gegen Dietmar Bartsch hat er seinen Nimbus als Schutzpatron des Ostens zerstört. Im Hintergrund wirkt mächtig der gekränkte Kranke von der Saar.

Von Markus Wehner, Berlin
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Dietmar Bartsch steht kurz vor der Heiligsprechung. „Menschliche Größe“ wird ihm attestiert, „große Hochachtung“ zeigen die Genossen, und „höchsten Respekt“. Den bescheinigt Gregor Gysi dem Bundesgeschäftsführer der Linkspartei für dessen Entscheidung, beim nächsten Parteitag nicht mehr für sein Amt zu kandidieren. Er wünsche sich, „dass er mein Stellvertreter wird“, sagt Gysi, Fraktionschef im Bundestag. Heute wird der begnadete Vielquatscher bei seiner monatlich stattfindenden Sonntagsmatinee im Deutschen Theater mit Bischöfin Margot Käßmann über Gott und die Welt reden. Bartsch hat sein Kommen angekündigt. Alles wieder gut? „Dietmar Bartsch war, ist und bleibt mein Freund“, hat Gysi am Freitag gesagt.

Manchmal, finden viele in der Linkspartei, könnte Genosse Gregor mal die Klappe halten. Denn am Montag hatte Gysi seinem Freund und Wunsch-Stellvertreter vor der gesamten deutschen Öffentlichkeit das Messer in den Rücken gerammt. Eine Viertelstunde redet da Gysi schon auf dem Politischen Jahresauftakt der Linken, einer Art verspätetes Dreikönigstreffen, bei dem die Partei eigentlich die Wiederkehr des erkrankten Vorsitzenden Oskar Lafontaine zelebrieren wollte. Der ist noch nicht so weit.

Die Schlammschlacht ist in vollem Gange

Dafür ist die Schlammschlacht in der Partei, ausgelöst durch einen Konflikt zwischen Lafontaine und Bartsch, in vollem Gang. Ein „Klima der Denunziation“ herrsche, wettert Gysi, das sei unerträglich, und er, Gysi, werde sich daran nie beteiligen. Gefühlte Sekundenbruchteile danach sticht er zu, aus der Hüfte. Der Bundesgeschäftsführer sei „gegenüber einem Vorsitzenden nicht loyal“ gewesen. Damit sei das Vertrauensverhältnis in der engeren Führung beschädigt. Die Meucheltat ist geschehen.

Ausgerechnet Gysi. Wenn Bartsch loyal zu jemandem war, dann zu ihm. Als es Anfang der neunziger Jahre um das Parteivermögen der SED geht, hilft Bartsch, damals frisch gewählter Bundesschatzmeister, seinem Chef Gysi, die Leichen aus dem Keller des Karl-Liebknecht-Hauses zu entsorgen. Bartschs Vorgänger als Schatzmeister sitzt damals, wie Gysi selbst bemerkt, in Untersuchungshaft. Im Laufe der Zeit werden sie Freunde. Gysi spricht auf Bartschs 50. Geburtstag vor knapp zwei Jahren, Bartsch als einziger Politiker auf Gysis sechzigstem kurz zuvor. Noch am Sonntagabend fahren beide gemeinsam im Auto von der Gedächtnis-Demo für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg nach Hause. Bartsch ist am Montag zutiefst getroffen. Er will alles hinschmeißen. Echte Freunde raten ihm dazu.

Schockiert sind die ostdeutschen Parteipolitiker, viele sind mit Bartsch befreundet. Zum ersten Mal hat Gysi sich gegen ihren Übervater, den noch amtierenden Co-Parteivorsitzenden Lothar Bisky, gestellt. Der hatte sich für Bartschs Verbleib im Amt starkgemacht. Bisky ist stinksauer, will mit Gysi nicht reden. Aufgebracht sind die ostdeutschen Landesvorsitzenden. Mit ihnen kommt Gysi am Montagabend zusammen. Das Treffen ist lange vereinbart, man wollte über die schwierige Lage beraten. Doch Gysi hat die Landesfürsten schon am Mittag vor vollendete Tatsachen gestellt. Gysi will die Aufregung am Montagabend nicht verstehen. Er habe sich doch sehr solidarisch mit Bartsch gezeigt, seine Arbeit gelobt. „Da fehlen mir die Worte“, sagt einer, der dabei war. Nie hätten sie gedacht, dass Gysi da „mitmacht“, dass er die Befehle vom Oberlimberg, Lafontaines Wohnort in Saarbrücken, so kalt exekutiert, sagen andere. Gysi hat seinen Nimbus als Schutzpatron des Ostens zerstört. Doch er weiß, was er tut. Schon am Montagabend spricht er davon, er wolle Bartsch zu seinem Stellvertreter in der Fraktion machen.

Die Geschichte von Bartsch und Lafontaine hat viele Facetten, persönliche und politische. Ein Bundesgeschäftsführer, der dem Generalsekretär in anderen Parteien entspricht, muss dem Vorsitzenden zuarbeiten, ihm den Rücken freihalten. So ist es üblich. So versteht es Oskar Lafontaine, einst SPD-Chef. Bartsch hat das Amt 1997 in der PDS übernommen, damals ist Franz Müntefering Bundesgeschäftsführer der SPD. Angela Merkel wird ein Jahr später CDU-Generalsekretärin. Bartsch leitet das Karl-Liebknecht-Haus, macht die Arbeit für die Vorsitzenden. Gysi ist nicht oft dort, Lafontaine höchst selten. Die Male, an denen Lafontaine an einer Vorstandssitzung teilgenommen habe, könne er an einer Hand abzählen, sagt einer. Im zweiten Halbjahr des vergangenen Jahres soll der Vorsitzende kein einziges Mal in der Parteizentrale gewesen sein. Bartsch macht das Tagesgeschäft. Seine Rolle wird immer wichtiger, auch weil „Papa“ Bisky, der nominelle Ost-Chef, in den letzten zweieinhalb Jahren die Rolle eines Vorsitzenden nicht mehr ausfüllt. Sie fällt Bartsch zu, er nimmt sie gerne an. Er führt die pragmatisch orientierten Landesverbände im Osten, versucht den Einfluss der linksradikalen Kräfte im Westen zu minimieren. Und sieht sich wohl als natürlichen Nachfolger Biskys im Parteivorsitz. Zusammen mit Lafontaine, Gysi und Bisky führt er die Partei. In der Männerrunde der „engeren Parteiführung“ kommen, sozusagen als West-Komplettierung, zwei Lafontaine-Treue hinzu, der WASG-Mitgründer Klaus Ernst und der Parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion, Ulrich Maurer.

In diesem Führungszirkel sind Bartsch und Lafontaine bald die Gegenspieler. Bartsch widerspricht, wo Lafontaine Gehorsam erwartet. Als der Saarländer Parteichef der vereinigten „Linken“ wird, gibt Bartsch ein Interview, in dem er versichert, einen „Alleinherrscher“ werde es nicht geben. Während Lafontaine unerbittlich auf die Sozialdemokratie eindrischt, sagt Bartsch, Hauptgegner seien die Unionsparteien und die FDP, keineswegs die SPD. Als Lafontaine im vergangenen Jahr die rot-rote Koalition in Brandenburg verhindern will, weil die Genossen einen seiner Glaubenssätze missachten (“Kein Stellenabbau im öffentlichen Dienst“), haben die Brandenburger mit Unterstützung Bartschs längst alles eingetütet - selbst der von Lafontaine unter Druck gesetzte Gysi kann nichts mehr ausrichten.

Für den Napoleon von der Saar läuft 2009 vieles schief. Die Bundestagswahl bringt nicht die erwünschte rechnerische rot-rot-grüne Mehrheit, die Chance auf einen vorzeitigen Regierungswechsel ist dahin. Auch im Saarland geht Lafontaines Rechnung nicht auf. Dort will er mit Rot-Rot regieren. Doch gelingt es nicht, die Grünen aus dem Landtag zu halten, die sich für Jamaika entscheiden. Nicht nur die politischen Hoffnungen platzen. Hinzu kommen gesundheitliche Probleme - erst eine Erkältung, die Lafontaine im Wahlkampf nicht los wird, dann die Krebserkrankung. Lafontaine denkt an einen Teilrückzug. Und er verdächtigt Bartsch, dass jener diesen zu einem unumkehrbaren Abschied machen will.

Es sei „ein Wunder“, dass sein Plan, sich vom Fraktionsvorsitz zurückzuziehen, nicht vorher bekanntgeworden sei, sagt Lafontaine Anfang Oktober, als er seinen Rückzug aus der Fraktion bei einer Stippvisite der Klausurtagung in Rheinsberg mitteilt. Das zielt schon auf Bartsch, den er verdächtigt, Interna aus dem engsten Führungszirkel auszuplaudern. Lafontaine schlägt vor, nun Doppelspitzen in Fraktion und Partei einzuführen. Bartsch widerspricht offen: Das sei der Partei fremd. Der wahre Grund: Wenn Lafontaine eine Ost-Frau, etwa die pflegeleichte Gesine Lötzsch, als Co-Vorsitzende installiert, ist der Weg an die Spitze für den Ost-Mann Bartsch versperrt.

Als Mitte November der „Spiegel“ von einer angeblichen Affäre Lafontaines mit der Edel-Kommunistin Sahra Wagenknecht berichtet und der „Focus“ eine ähnliche Geschichte über die angebliche Bespitzelung Lafontaines durch Detekteien bringt, ist für den Parteichef das Tischtuch endgültig zerschnitten. Zwar wird Bartsch im „Spiegel“ nur mit dem Satz zitiert, Lafontaine habe schon im Frühjahr 2009 über einen möglichen Rückzug vom Fraktionsvorsitz nachgedacht - was in der Partei aus verschiedenen Quellen bestätigt wird. Aber Lafontaine hat den Kampf da schon aufgenommen, seine Kettenhunde von der Leine gelassen. Erst schwärzen mehrere Mitarbeiter von Abgeordneten Bartsch in der ultralinken Zeitung „Junge Welt“ an, nach Neujahr erhält Gysi Parteipost aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg mit der Forderung, den angeblich illoyalen Bartsch aus der Führung zu entfernen. Nicht zufällig landen die Briefe in der Presse. Mit Gysis Auftritt am Montag hat Lafontaine sein Ziel erreicht.

Bleibt die Frage, wie die in ihren Strömungen verfeindete Partei zusammenfinden will. „Es ist ein Sieg, an dem sie ersticken werden“, sagt ein Ost-Genosse über die West-Radikalen, die den Feldzug gegen Bartsch führten. Die Idee, PDS-Reformer und WASG-Pragmatiker sollten ein stabiles Zentrum schaffen, ist derzeit mausetot. Unklar ist, auf welche Führungsmannschaft sich die Partei bis zum Rostocker Parteitag im Mai einigen kann. Und über allem schwebt die Frage der Fragen: Was macht Oskar? Wollte er Bartschs Kopf, um dann seinen Verzicht auf den Parteivorsitz zu verkünden? Bleibt er als Parteichef? Noch für zwei Jahre? Sein Schweigen wird als unerträglich empfunden. Am Dienstag wird er am Neujahrsempfang der saarländischen Linksfraktion in Saarbrücken sprechen. Bis Ende des Monats, so heißt es in der Partei, werde er seine Entscheidung treffen. Dietmar Bartsch wird warten. Er ist 51, Lafontaine 66. Bartsch ist ein alter Volleyballer. Da gilt: Der letzte Schlag zählt.

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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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