Home
http://www.faz.net/-gpg-73x4t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Linksextremismus Die immer recht haben

Der Schwarze Block ist kein Verein, keine Partei, kein Bündnis, nicht einmal eine Gruppe. Er ist der linksextremistische Schwarm, der mit Moral und Militanz auf Polizisten losgeht.

© Lüdecke, Matthias Vergrößern „Zwischen Bullenhelm und Nasenbein passt immer noch ein Pflasterstein“: Ein Aktivist des Schwarzen Blocks bei Krawallen vor dem G8-Gipfel in Heiligendamm 2007

Der erste Pflasterstein ist immer der schwerste. Um ihn aus dem Untergrund zu lösen und auf einen Polizisten zu werfen, benötigt man ein Stück Metall, einen Schraubenzieher oder eine Brechstange, so hart ist der Fugensand meist über die Jahre geworden. Ist der erste Stein aber herausgelöst, seien die anderen kein Problem, sagt Hannah aus Frankfurt, die schon als Schwarzvermummte an Demonstrationen teilgenommen hat. „Man kann sie dann einfach heraushebeln.“ Das eigentlich Problematische an einem Pflasterstein aber ist sein Gewicht, die zehn mal zehn Zentimeter großen Granitbrocken müssen mit großer Wucht geworfen werden, wenn sie einen etliche Meter entfernten Block von Polizisten oder einen Wasserwerfer treffen sollen. „Wenn von hinten Pflastersteine geworfen werden, treffen die nicht selten die eigenen Leute in den ersten Reihen. So etwas passiert ständig“, sagt Hannah.

Justus Bender Folgen:  

Der fliegende Pflasterstein ist in Deutschland zu einem Symbol geworden für die Gewaltbereitschaft radikaler Gruppen. Fliegende Pflastersteine und Brandsätze sind ein Grund, warum Polizisten mittlerweile auf Demonstrationen auftreten wie Profispieler einer Footballmannschaft, mit dicken Polstern, Schonern und Helmen. In der autonomen Szene werden sie dafür als „Robocops“ oder „Playmobilmännchen“ verlacht, gefürchtet und verflucht, auch mit dem jahrzehntealten Reim: „Zwischen Bullenhelm und Nasenbein passt immer noch ein Pflasterstein.“ Das Bundesamt für Verfassungsschutz schätzt, dass in Deutschland 6600 „gewaltbereite Autonome“ leben, das sind Menschen, die „Anwendung von Gewalt – auch gegen Personen – zur Durchsetzung ihrer Ziele für legitim halten“, heißt es. So exakt diese Definition scheinen mag, so wenig ist sie eine Antwort auf die Frage, was ein Mensch für wahr erachten muss, um diesen allerersten Stein aus dem Boden zu kratzen und zu werfen. Ebenso wenig ist sie eine Antwort auf die Frage, wer diese 6600 Menschen eigentlich sind.

Bosbach fordert Isolation des linksextremen "schwarzen Blocks" © ddp Vergrößern Der Schwarze Block ist eine Kleiderordnung: Autonome am 1. Mai 2009 in Berlin


„Es sind überwiegend Studenten“, sagt Hannah, 27 Jahre alt. Sie sitzt in einem Kaffeehaus der Frankfurter Innenstadt, ihr gegenüber sitzt Tom, 26 Jahre alt. Beide sind Studenten der Politikwissenschaft. „Das Gros der Aktivisten kommt aus bürgerlichen Verhältnissen“, sagt er. Nach Angaben des Berliner Verfassungsschutzes ist der Bildungsstand von gewalttätigen Linksextremisten höher als der von gewalttätigen Rechtsextremisten, aber nicht höher als der Durchschnitt der Bevölkerung. Tom und Hannah fühlen sich der „Antifaschistischen Aktion Frankfurt“ (Antifa) zugehörig, einer linksradikalen Gruppe, die sich dem „Kampf gegen Faschismus und Rassismus“ verschrieben hat und in Teilen vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Marschiert in Frankfurt der sogenannte Schwarze Block auf, dann besteht er meist aus sogenannten Antifa-Aktivisten.

Der Schwarze Block ist aber kein Verein. Er ist keine Partei, kein Bündnis, nicht einmal eine Gruppe. Im Grunde ist er nicht mehr als eine Kleiderordnung. Junge Männer und Frauen vermummen ihre Gesichter mit Sonnenbrillen und Schirmmützen, sie tragen schwarze Pullover, schwarze Hosen, manchmal auch ein schwarzes Tuch über Mund und Nase.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Proteste in Hongkong und Macau Chinas Präsident warnt Demokratie-Aktivisten

Chinas Präsident Xi Jinping will weitere Proteste gegen Peking in Hongkong und Macau nicht dulden. Die kommunistische Staatsführung werde die Doktrin Ein Land - zwei Systeme nicht aufgeben. Mehr

20.12.2014, 12:19 Uhr | Politik
Rechtsextreme Demonstranten attackieren Parlament in Kiew

Mehrere tausend offenbar rechtsextreme Demonstranten haben sich in der ukrainischen Hauptstadt vor dem Parlament eine Straßenschlacht mit der Polizei geliefert. Die zum Teil vermummten Demonstranten zogen vor das Hauptportal des Parlaments und bewarfen das Gebäude und die Polizei mit Steinen und Rauchbomben und schossen mit Luftgewehren. Mehr

15.10.2014, 10:10 Uhr | Politik
Bürgerrechtler Al Sharpton Obamas Mann fürs Schwarze

Unter dem Präsidenten wurde er zu Amerikas wichtigstem Bürgerrechtler. Viele stören sich jedoch an seinem Hang zur Selbstdarstellung und seiner Nähe zu den Mächtigen. Die erstaunliche Karriere des Al Sharpton. Mehr Von Andreas Ross, Washington

15.12.2014, 07:41 Uhr | Politik
Köln Dutzende verletzte Polizisten bei Hooligan-Demo

Wasserwerfer, Schlagstöcke und Reizgas: Die Polizei hat am Sonntag mit einem massiven Einsatz auf Ausschreitungen bei einer Hooligan-Kundgebung gegen Salafisten in Köln reagiert. Beamte seien mit Flaschen, Steinen und Feuerwerkskörpern beworfen worden, sagte ein Polizeisprecher. Dagegen sind wir vorgegangen. Ein Einsatzfahrzeug der Polizei wurde von den Demonstranten auf die Seite geworfen. Ersten Angaben zufolge soll es mindestens zehn Verletzte gegeben haben. 17 Personen festgenommen. Mehr

27.10.2014, 07:51 Uhr | Politik
Hongkong Zahlreiche Festnahmen bei Räumung der letzten Barrikaden

Bei der Räumung der letzten Barrikaden von Occupy Now in Hongkong sind viele Demonstranten festgenommen worden. Sie hatten passiven Widerstand geleistet und angekündigt: Wir kommen wieder. Mehr

11.12.2014, 06:35 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 27.10.2012, 11:22 Uhr