http://www.faz.net/-gpf-73x4t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 27.10.2012, 11:22 Uhr

Linksextremismus Die immer recht haben

Der Schwarze Block ist kein Verein, keine Partei, kein Bündnis, nicht einmal eine Gruppe. Er ist der linksextremistische Schwarm, der mit Moral und Militanz auf Polizisten losgeht.

von
© Lüdecke, Matthias „Zwischen Bullenhelm und Nasenbein passt immer noch ein Pflasterstein“: Ein Aktivist des Schwarzen Blocks bei Krawallen vor dem G8-Gipfel in Heiligendamm 2007

Der erste Pflasterstein ist immer der schwerste. Um ihn aus dem Untergrund zu lösen und auf einen Polizisten zu werfen, benötigt man ein Stück Metall, einen Schraubenzieher oder eine Brechstange, so hart ist der Fugensand meist über die Jahre geworden. Ist der erste Stein aber herausgelöst, seien die anderen kein Problem, sagt Hannah aus Frankfurt, die schon als Schwarzvermummte an Demonstrationen teilgenommen hat. „Man kann sie dann einfach heraushebeln.“ Das eigentlich Problematische an einem Pflasterstein aber ist sein Gewicht, die zehn mal zehn Zentimeter großen Granitbrocken müssen mit großer Wucht geworfen werden, wenn sie einen etliche Meter entfernten Block von Polizisten oder einen Wasserwerfer treffen sollen. „Wenn von hinten Pflastersteine geworfen werden, treffen die nicht selten die eigenen Leute in den ersten Reihen. So etwas passiert ständig“, sagt Hannah.

Justus Bender Folgen:

Der fliegende Pflasterstein ist in Deutschland zu einem Symbol geworden für die Gewaltbereitschaft radikaler Gruppen. Fliegende Pflastersteine und Brandsätze sind ein Grund, warum Polizisten mittlerweile auf Demonstrationen auftreten wie Profispieler einer Footballmannschaft, mit dicken Polstern, Schonern und Helmen. In der autonomen Szene werden sie dafür als „Robocops“ oder „Playmobilmännchen“ verlacht, gefürchtet und verflucht, auch mit dem jahrzehntealten Reim: „Zwischen Bullenhelm und Nasenbein passt immer noch ein Pflasterstein.“ Das Bundesamt für Verfassungsschutz schätzt, dass in Deutschland 6600 „gewaltbereite Autonome“ leben, das sind Menschen, die „Anwendung von Gewalt – auch gegen Personen – zur Durchsetzung ihrer Ziele für legitim halten“, heißt es. So exakt diese Definition scheinen mag, so wenig ist sie eine Antwort auf die Frage, was ein Mensch für wahr erachten muss, um diesen allerersten Stein aus dem Boden zu kratzen und zu werfen. Ebenso wenig ist sie eine Antwort auf die Frage, wer diese 6600 Menschen eigentlich sind.

Bosbach fordert Isolation des linksextremen "schwarzen Blocks" © ddp Vergrößern Der Schwarze Block ist eine Kleiderordnung: Autonome am 1. Mai 2009 in Berlin


„Es sind überwiegend Studenten“, sagt Hannah, 27 Jahre alt. Sie sitzt in einem Kaffeehaus der Frankfurter Innenstadt, ihr gegenüber sitzt Tom, 26 Jahre alt. Beide sind Studenten der Politikwissenschaft. „Das Gros der Aktivisten kommt aus bürgerlichen Verhältnissen“, sagt er. Nach Angaben des Berliner Verfassungsschutzes ist der Bildungsstand von gewalttätigen Linksextremisten höher als der von gewalttätigen Rechtsextremisten, aber nicht höher als der Durchschnitt der Bevölkerung. Tom und Hannah fühlen sich der „Antifaschistischen Aktion Frankfurt“ (Antifa) zugehörig, einer linksradikalen Gruppe, die sich dem „Kampf gegen Faschismus und Rassismus“ verschrieben hat und in Teilen vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Marschiert in Frankfurt der sogenannte Schwarze Block auf, dann besteht er meist aus sogenannten Antifa-Aktivisten.

Der Schwarze Block ist aber kein Verein. Er ist keine Partei, kein Bündnis, nicht einmal eine Gruppe. Im Grunde ist er nicht mehr als eine Kleiderordnung. Junge Männer und Frauen vermummen ihre Gesichter mit Sonnenbrillen und Schirmmützen, sie tragen schwarze Pullover, schwarze Hosen, manchmal auch ein schwarzes Tuch über Mund und Nase.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nach Zwangsräumung Früherer Mister Germany schießt auf Polizisten

Bei einer Zwangsräumung in Reuden ist es zu einer Schießerei mit der Polizei gekommen. Der Bewohner gehörte nicht nur der Bewegung der Reichsbürger an. Mehr

25.08.2016, 16:41 Uhr | Gesellschaft
Geschichten aus Rio I Alltag Angst

Bianca Neves Ferreira da Silva ist Polizistin in Rio de Janeiro. Sie weiß, was es heißt, mit dem Tod zu leben. Die Hoffnung gibt sie trotzdem nicht auf. Mehr Von David Klaubert und André Vieira

25.08.2016, 13:54 Uhr | Gesellschaft
Krieg gegen IS Türkei plant offenbar Offensive auf syrische Grenzstadt

Eine Angelegenheit der nationalen Sicherheit: Die Türkei steht kurz davor, den Grenzort Dscharablu in Nordsyrien anzugreifen. Eine benachbarte Stadt auf türkischer Seite wird schon evakuiert. Mehr

23.08.2016, 21:28 Uhr | Politik
Stefan Mross Alles gut, Junge, läuft

Stefan Mross, 40, Moderator von Immer wieder sonntags, hat immer was zu plaudern. Egal, irgendwas halt. Unser Autor hat ihn in Aktion beobachtet. Mehr Von Timo Frasch

25.08.2016, 14:25 Uhr | Gesellschaft
Öffentliche Kunst Die Tyrannei der Beleidigten

Im Namen politischer Korrektheit fordern Kritiker die Beseitigung irritierender Kunstwerke aus dem öffentlichen Raum. Was nicht in unser Weltbild passt, gilt zunehmend als unzumutbar, wie an einem Fall in Wittenberg zu sehen ist. Mehr Von Arnold Bartetzky

24.08.2016, 07:30 Uhr | Feuilleton

Es war einmal: die Ehe

Von Reinhard Müller

Eine Lebenspartnerschaft ist fast wie eine Ehe. Der Gesetzgeber will die Illusion aufrechterhalten, er schütze die Verbindung von Mann und Frau besonders. Mehr 0