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Veröffentlicht: 25.11.2016, 08:59 Uhr

Facebook & Co. Liebe gegen Hasskommentare - ein Selbstversuch

Hasskommentare verbreiteten sich im Internet wie ein Virus. Was passiert, wenn man einen Tag lang nur Komplimente, Dankeschöns und Besinnliches in die sozialen Netzwerke gießt?

von Friederike Haupt
© dpa Glückliche Aussichten: Warum nicht mal mehr Liebe im Netz ausschütten?

Was tun gegen Hasskommentare? Eine interessante Idee hatte diese Woche Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Am Buß- und Bettag predigte er in der Münchner St. Matthäuskirche. Bedford-Strohm sagte, Hasskommentare verbreiteten sich im Internet wie ein Virus. Er rufe jene, die sie verfassten, zur Besinnung auf. Und dann auch zur Umkehr.

Was heißt das? Wer umkehrt, verlässt den Weg nicht, er geht ihn in die entgegengesetzte Richtung. Aus dem Hasskommentator würde ein Liebeskommentator. Einer, der Gutes tut und – Matthäus 5,39 – auf Gegenwehr verzichtet, wenn jemand ihn verletzt. Mehr noch, er müsste, schlüge man ihn auf die rechte Wange, die linke auch noch hinhalten. Ich war zwar nie ein Hasskommentator gewesen, wollte die Umkehr aber gern einmal ausprobieren. Vielleicht könnte ich dann ein gutes Beispiel abgeben für reuige Hasser. Während sich am Donnerstag in Berlin die Justizminister der Bundesländer trafen, um zu beratschlagen über Gesetze gegen den Hass, öffnete ich Twitter und Facebook. Ich wollte einen Tag lang nur Liebeskommentare schreiben: Komplimente, Dankeschöns, Besinnliches. Nichts davon sollte gelogen sein. Eine „Hoffnungserfahrung“ hatte Bedford-Strohm in Aussicht gestellt, wenn Grenzen zwischen den Menschen überwunden würden.

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Gleich zu Anfang wollte ich freundlich sein, wenn jemand unfreundlich zu mir war. Ein Mann, seinem Profil zufolge wohnhaft in der Schweiz, hatte sich kürzlich auf Twitter über einen Zeitungsartikel von mir beschwert: „Ist das wirklich noch Journalismus: Artikel Friederike Haupt in der FAZ von heute? Kann man die #FAZ noch ernst nehmen?“ Um 8.22 Uhr antwortete ich: „Danke für das offene Wort; es tut mir leid, dass Sie unzufrieden waren. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.“ Wenige Minuten später schrieb der Mann zurück. Allerdings offenbar unbeeindruckt. „..und DANN: der Volkssport TRUMP-Kritik... ebenso lächerlich?“ Mächtige Politiker zu kritisieren soll lächerlich sein? Ich war verärgert, blieb aber lieb. „Ich finde: nein. Lasse mich aber gern vom Gegenteil überzeugen. Grüße in die wunderschöne Schweiz!“ Stille.

Ein Gruß zum Schämen

Nun wollte ich andere Journalisten in ihrem Tun bestärken. Das offizielle Profil von FAZ.net twitterte einen Morgengruß. Ich antwortete. „Guten Morgen, liebe Kollegen! Wünsche eine entspannte Frühschicht.“ Niemand antwortete. Niemand klickte auf das Herz, mit dem man auf Twitter zeigen kann, dass man einen Tweet mag. Kein Zeitungskollege schloss sich mir an. Ich schämte mich für meinen Gruß. Bei der Konkurrenz erging es mir nicht besser. Die „Junge Freiheit“ twitterte einen Artikel, dessen Überschrift mich neugierig machte, auch wenn ich dann nichts Besonderes an dem Text fand. Mein Kommentar: „Die Überschrift klingt sehr interessant!“ Keine Reaktion.

Vielleicht wurde die Freundlichkeit ignoriert, weil sie zu trocken war. Wenn sich im Internet jemand zu Politik äußert, ist die häufigste Reaktion erregter Widerspruch, die zweithäufigste erregte Zustimmung. Bei anderen Themen ist das anders, zum Beispiel beim Kochen. Auf der Seite „Chefkoch“ veröffentlichen Leute Rezepte, andere kommentieren sie: mit Verfeinerungsvorschlägen, mit Detailfragen, aber hauptsächlich mit Lob und Dank. Wenn einer schreibt, er möge keine Eier, wird er nicht etwa von Eier-Fans niedergemacht. Er wird erleben, wie die Eier-Fans beratschlagen, womit man die Eier im Rezept ersetzen könnte. Solche Leute gibt es auch in den sozialen Netzwerken. Sie reden dort aber nicht über Politik, sondern posten Fotos von frisch gebrühtem Kaffee und wünschen allen ihren Lesern einen guten Tag. Ich grüßte zwei von ihnen zurück, beide kenne ich nicht und hatte bis dahin noch nie etwas von ihnen kommentiert. Wenige Minuten später hatten beide meine Grußbotschaften mit Herzen markiert. So geht es also. Aber um den Preis, zu politischen Themen zu schweigen. So geht es also doch nicht.

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Quelle: wahlrecht.de
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