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Freitag, 10. Februar 2012
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Leukämiefälle in Krümmel Und ewig rätselt die Elbmarsch

04.09.2010 ·  Die Menschen in der Elbmarsch beschäftigt seit Jahren ein ungelöstes Rätsel: Zwischen 1991 und 2006 erkrankten drei Mal so viele Kinder an Leukämie, wie laut Statistiken normal wäre. Und obwohl die Beweise fehlen, suchen die Meisten die Schuld beim Atomkraftwerk Krümmel.

Von Marie Katharina Wagner, Geesthacht
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An Kilometer 169 des Elberadwegs, etwa dreißig Kilometer südlich von Hamburg, mit dem Rücken zum Fischrestaurant „Fährhaus Tespe“, steht eine Bank auf dem Deich. Über den Fluss, der breit und träge dahinfließt, hat man von ihr einen schönen Ausblick auf die dunkelgrüne Elbmarsch, die Hügel der Geest auf der anderen Uferseite, die reetgedeckten Backsteinhäuser. Aber das ist nicht der Grund, warum an einem trüben Sommertag fast jedes der vielen vorbeikommenden Radfahrergrüppchen hier hält, um sich auf der Bank sitzend fotografieren zu lassen.

Der Grund liegt jenseits des Flusses, wo schon Schleswig-Holstein ist und nicht mehr Niedersachsen: Ein grauer, fensterloser Kasten schiebt sich da in den Geestrücken. An der Seite ein Schlot, der hoch in den Himmel ragt, am Ufer riesige Schilder: „Vorsicht Einlauf, starke Sogwirkung“ und, ein paar Meter weiter: „Vorsicht Auslauf, starke Querströmung“. Das Atomkraftwerk Krümmel entnimmt dem Fluss hier sein Kühlwasser. Und weil an seiner Seite gar nicht die typischen Kühltürme stehen, könnte der Kasten auch irgendeine Fabrik sein, wären da nicht die Hochspannungsleitungen, die wie Spinnenfäden über die Elbe, um den Meiler herum und von dort weiter Richtung Norden führen.

Fragt man die Radfahrer, wieso sie vor dem Kraftwerk posieren, drucksen sie herum, als fühlten sie sich ertappt: Man müsse diesen Kontrast doch festhalten. Eben noch liebliche norddeutsche Elbtaldörfer mit Stockrosen und Sonnenblumen in den Vorgärten, mit sorgfältig drapierten Gardinen in den Fenstern, und dann, sagen sie, sehe man „das hier“. Krümmel. Da laufe es einem doch kalt den Rücken herunter.

Das Kraftwerk ist zum Sinnbild geworden

„Das hier“. Darin klingt mehr mit als bloße Abneigung gegenüber der Atomkraft. Seitdem Anfang der neunziger Jahre im Umkreis des Reaktors innerhalb kurzer Zeit dreimal so viele Kinder an Leukämie erkrankten, wie laut Statistiken normal gewesen wäre, ist das Kraftwerk zum Sinnbild geworden. Der einen Seite wurde es zum Symbol einer schädlichen Industrie, die Menschen krank macht, ja sogar tötet. Krümmel, „der Pannenreaktor“. Das „Krümmel-Monster“. Ein seit dem jüngsten Störfall im Juli 2009 stillstehender Meiler, der am besten nie wieder anfahren sollte. Für die andere Seite zeigt die Geschichte der Leukämiefälle von Krümmel, wie es in Deutschland nach und nach unmöglich wurde, eine sachliche Diskussion über die Atomenergie zu führen. In der Elbmarsch finden sich alle Parteien des Streites wieder, der gerade auf höchster politischer Ebene in Berlin geführt wird. Auch hier sind die Lager deutlich voneinander getrennt: die Gegner, die Befürworter und die Gleichmütigen. Die Befürworter allerdings wurden im Laufe der Jahre immer weniger.

Nicht nur ihre Einstellungen, auch der Fluss trennt die Lager. Von der Bank am „Fährhaus Tespe“, sagt Uwe Harden, habe man den besten Blick auf das Kraftwerk. Hier, in der niedersächsischen Elbmarsch, lehnten neunzig Prozent der Bewohner das Kraftwerk ab. Drüben, im schleswig-holsteinischen Geesthacht, seien es weniger. Von da aus sehe man es ja kaum, so geschickt hätten sie es in den Geesthang hineingebaut. Also würden die Leute auch nicht ständig an die Leukämiefälle erinnert.

Uwe Harden, 58 Jahre alt, ein freundlicher Mann mit hellen blauen Augen und norddeutschem Singsang in der Stimme, wuchs ganz in der Nähe auf, in Stove, einem der vielen Dörfer, die wie an einer Schnur aufgereiht am Ufer der Elbe ineinander übergehen. In einem anderen dieser Dörfer, in Drage, ist Harden heute Bürgermeister. Als er 16 war, starb seine Mutter an Leukämie, und so wusste er, was für eine seltene Krankheit das ist, als man sich im Jahr 1990 erzählte, in der Elbmarsch seien auf einen Schlag drei Kinder daran erkrankt. Harden leitete damals das Anzeigenblättchen „Der Elbuferbote“. Mit Politik hatte er nur so viel am Hut, als er seit 1971 Mitglied der SPD war. Er war auch kein Atomkraftgegner, im Gegenteil: Als das Kraftwerk in Krümmel Ende der siebziger Jahre gebaut wurde und sogar weitere Meiler im Gespräch für die Region waren, da dachte er noch: „Ja, schiebt sie nur her“ - wegen der Gewerbesteuern. Niemand, sagt er, habe sich damals gefürchtet, nicht einmal nach dem Unfall von Tschernobyl im Jahr 1986.

1991 erkranken zwei weitere Kinder und ein junger Mann

Aber dann erkranken weitere Kinder. 1991 sind es zwei, außerdem ein junger Mann. Der örtliche Kinderarzt stellt erste Nachforschungen an, informiert die Behörden. Harden ist gut mit ihm befreundet, und überhaupt erfährt man in der Elbmarsch schnell, wenn etwas passiert. Am 8. Mai 1991 gründet eine Gruppe um Uwe Harden die „Bürgerinitiative gegen Leukämie in der Elbmarsch“. Zwei Drittel der bald achtzig Mitglieder sind junge Mütter, die sich Sorgen machen.

1994 zieht Harden für die SPD in den Niedersächsischen Landtag ein. Im selben Jahr erkrankt - nach ein paar Jahren ohne neue Fälle - wieder ein Kind, dieses Mal in Geesthacht, auf der nördlichen Elbseite. Von 1990 bis heute sind laut Deutschem Kinderkrebsregister 16 Kinder unter 15 Jahren auf beiden Seiten der Elbe an Leukämie erkrankt, drei von ihnen und der junge Mann starben. Die Region wird bald zu einem der auffälligsten „Leukämiecluster“ der Welt, ein scheußlich technischer Ausdruck dafür, dass angesichts der geringen Bevölkerungsdichte überdurchschnittlich viele Kinder von der Erkrankung des blutbildenden Systems betroffen sind.

Panik sei trotzdem nie aufgekommen in der Elbmarsch, sagt Uwe Harden. Fast zwanzig Jahre nach Gründung der Bürgerinitiative sitzt er in einem Versammlungssaal des „Marschachter Hofs“, einem Gasthaus, in dem sich auch die Bürgerinitiative oft traf, wenn es wieder eine neue Studie gab, die dann doch nicht die ersehnte Klarheit brachte. Heute, nach zwanzig Jahren, denkt er darüber nach, aufzuhören. Es kommen nicht mehr viele zu den Versammlungen. Und dann sagt Harden einen Satz, den man von vielen Menschen hört, wenn es um Krümmel geht: „Es ist ja eigentlich alles gesagt.“

Keine Kommission liefert die ersehnten Erklärungen

Anfang der neunziger Jahre, als Schleswig-Holstein und Niedersachsen Expertenkommissionen einrichten, um die Gründe für die Leukämiefälle zu finden, haben Leute wie Uwe Harden noch Hoffnung, dass es bald Erklärungen geben wird für die mysteriösen Krankheitsfälle in der Nachbarschaft, über die in der Zeit jeder redet, ständig. Aber keine Kommission liefert sie. Die niedersächsische nicht, die Faktoren wie Trinkwasser, Röntgenuntersuchungen, durch die Elbe angeschwemmte Schadstoffe oder elektromagnetische Felder untersucht; und auch nicht die schleswig-holsteinische, die von einem Zusammenhang zwischen radioaktiver Strahlung und Leukämiefällen ausgegangen ist. Deren Arbeit endet im Eklat: Mit dem Abschlussbericht legen sechs der neun Kommissionsmitglieder aus Protest gegen die angebliche Behinderung ihrer Arbeit seitens der schleswig-holsteinischen Landesregierung ihre Arbeit nieder. Zuvor äußern sie ihre Vermutung, dass die „leukämierelevante Umgebungskontamination von geheim gehaltenen kerntechnischen Sonderexperimenten“ auf dem Gelände eines Forschungszentrums neben dem Atomkraftwerk verursacht gewesen sein soll. Dort betrieb die „Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt“ (GKSS) bis 2010 einen kerntechnischen Forschungsreaktor.

Über diese nach einer Verschwörungstheorie klingende Version wird bis heute diskutiert - vor allem von Nichtregierungsorganisationen und Atomkraftgegnern, aber auch von einigen Wissenschaftlern. Von einem vertuschten Brand auf dem Gelände des GKSS-Forschungszentrums im September 1986 ist die Rede, Augenzeugen wollen eine bunte, rauchlose Feuersäule und Kraftwerksmitarbeiter in Strahlenanzügen gesehen haben. Im Boden rund um das Kraftwerksgelände seien außerdem radioaktiv strahlende Kügelchen zu finden, die von den illegalen Kernwaffentests der GKSS stammten. Als Beleg werden Befunde eines weißrussischen Labors angeführt.

Die Strahlenschutzkommission findet keine Kügelchen

Aber die Strahlenschutzkommission, die 2001 vom Bundesumweltministerium beauftragt wird, die Behauptungen zu überprüfen, findet in zahlreichen Messungen keine strahlenden Kügelchen. In einer Stellungnahme aus dem Jahr 2003 heißt es: „Insgesamt ergibt sich kein Hinweis auf erhöhte Strahlenexpositionen von Personen in der Elbmarsch und damit kein Hinweis auf Radioaktivität als Ursache für die dort beobachtete Leukämiehäufung.“

Erst 2007 gibt es für die Bürgerinitiative, der mit den Jahren auch die Mitglieder abhandenkommen, wieder einen Strohhalm, an dem sie sich festhalten kann: Eine Studie des Deutschen Kinderkrebsregisters in Mainz ergibt, dass für unter fünfjährige Kinder in der Fünf-Kilometer-Zone um ein Kraftwerk herum ein zweifach erhöhtes Risiko bestehe, an Leukämie zu erkranken. Atomkraftgegner feiern das Ergebnis wie einen Sieg. Aber ein Zusammenhang mit radioaktiver Strahlung ist wieder nicht festzustellen. Und das Erkrankungsrisiko, so drastisch es sich anhört, ist weiterhin extrem gering, wie der Verfasser der Studie und Leiter des Deutschen Kinderkrebsregisters, Peter Kaatsch, sagt. Auch von ihm hört man den Satz: „Es ist alles gesagt.“ Er vertritt die in der Wissenschaft anerkannte These, nach der auch demographische Faktoren wie isoliertes Leben in kleinen Gemeinden Leukämiecluster bei Kindern auslösen können. Das Immunsystem kann dann besonders heftig auf neue Krankheitserreger reagieren, die von außen hereingetragen werden.

Uwe Harden reicht so etwas nicht als Erklärung. Er glaubt an die Version, dass es 1986 einen Vorfall gab, der Radioaktivität freisetzte. Aber wenn er davon erzählt und später sagt, es sei frustrierend, die Ursachen der Erkrankungen nie zu kennen, klingt er selbst nicht sonderlich überzeugt. Dabei will seine Bürgerinitiative herausgefunden haben, dass alle sechs zuerst Erkrankten und ihre Eltern sich an jenem 12. September 1986 in der Nähe der „Verstrahlungsstelle“, dem GKSS-Forschungszentrum, aufgehalten haben.

Wieso zog niemand weg aus der Elbmarsch?

Irgendetwas passt da nicht zusammen. Uwe Harden hat sein ganzes Leben hier verbracht, seine beiden Kinder wuchsen in der Elbmarsch auf, er isst die Früchte aus seinem Garten. Wieso zog er nicht, wieso zog überhaupt niemand weg aus der Elbmarsch? Auch der damalige Bürgermeister Peter Walter sagt, die Menschen in Geesthacht seien all die Jahre über immer ruhig geblieben. Von Wegzügen habe er nie etwas gehört. Im Gegenteil: Die Gemeinde sei kontinuierlich gewachsen. Hysterie liege den Menschen dort eben nicht, außerdem lebten sie gerne da. Uwe Harden sagt: „Ich habe es nie direkt als existenzbedrohend empfunden.“

Gegen die Verunsicherung der Menschen kämpft Ulrike Welte von Anfang an mit den Mitteln der Rationalität. Zahlen, Daten und Fakten sind für sie das Wichtigste in der Debatte. Damit kommt sie als Vertreterin des Kraftwerks in die Podiumsdiskussionen mit der Bürgerinitiative, auch wenn das Material oft viel zu komplex ist, keiner es wirklich versteht. Sie hat keine Angst vor Konfrontation. Trotz der Beschimpfungen, im schlimmsten Fall als „Kindermörderin“, habe sie sich damals fair behandelt gefühlt, sagt sie heute.

Als die ersten Leukämiefälle auftreten, ist Ulrike Welte im Kernkraftwerk Krümmel für die Überwachung radioaktiver Stoffe zuständig. Sie versorgt die Wissenschaftler mit Daten, repräsentiert das Kraftwerk nach außen. Aggressiv sei sie bei den Veranstaltungen der Bürgerinitiative aufgetreten, sagt der damalige Bürgermeister Walter, nicht eben feinfühlig oder diplomatisch.

Ulrike Welte scheint sich ihrer Sache, der Kernkraft, absolut sicher

Heute steht Ulrike Welte kurz davor, Kraftwerksleiterin in Krümmel zu werden. Sie wäre die erste Frau auf diesem Posten in Deutschland. Sitzt man ihr im Informationszentrum des Kraftwerks gegenüber, hat man keinen Zweifel, dass sie für dieses Amt gut geeignet ist. Sie scheint sich ihrer Sache, der Kernkraft, absolut sicher, ihr durchdringender Blick weicht niemals aus. Voller Begeisterung stapft sie in Sandalen über eine matschige Wiese, um die nach dem Kurzschluss im Sommer 2009 neu eingebauten Transformatoren zu zeigen.

Natürlich habe sie Verständnis für die Gegner. Jeder habe seine Schwachstellen, reagiere mal rein emotional. Bei den Leuten rund um Krümmel, sagt sie, war das eben der „Flucht- und Schutztrieb“. Wenn die Debatte erst einmal versachlicht sei, wenn die Menschen nur die Vorzüge der Atomkraft verstünden, dann werde man in zwanzig Jahren vergessen haben, dass es einmal Gegner gegeben habe. Sofern, schiebt sie nach, es in der Zwischenzeit nicht irgendwo einen Unfall gebe.

Der Betreiber des Kraftwerks, der schwedische Konzern Vattenfall, bemüht sich, der Bevölkerung um Krümmel herum näherzukommen. Regelmäßig erscheinen große Anzeigen in der Lokalpresse, die „Nachrichten für Nachbarn“. Da werden Mitarbeiter vorgestellt, glückliche Paare erzählen, wie sie sich bei der Arbeit im Reaktor kennenlernten. Regelmäßig veranstaltet der Konzern Konzerte, zu denen, so der parteilose Geesthachter Bürgermeister Volker Manow, „sogar die SPD hingeht“.

Bei jedem Störfall kommt das Thema der Leukämiefälle wieder hoch

Aber das alles ist den Geesthachtern ein bisschen zu wenig. Dafür sind in der jüngeren Vergangenheit in Krümmel zu viele meldepflichtige Ereignisse vorgefallen, dafür funktionierte die Kommunikation zwischen Energiekonzern und Bürgern nicht gut genug. Bei jedem Störfall, sagt Manow, komme automatisch das Thema der Leukämiefälle wieder hoch. Es werde wieder geredet, gerätselt, nach Ursachen gefragt. Aber eigentlich hätten sich die Geesthachter mit dem Kraftwerk arrangiert. Manow kommt ins Schwärmen, wenn er von den üppigen Steuern erzählt, die der Gemeinde ein hochmodernes Freibad beschert haben, sanierte Schulen und kostenlose Ferienfreizeiten für die Rentner der Stadt. Natürlich sei es schade, dass Geesthachts schöne Seiten so unbekannt und nur der Stadtteil Krümmel so bekannt sei. Manow hat sich zum Ziel gesetzt, das Bild der Stadt zu verbessern. „Wir haben auch einen Hochseilgarten“, sagt er. Es dürften nur keine neuen Leukämiefälle auftreten.

Wenn man sich umhört in Geesthacht, bekommt man den Eindruck, dass die Menschen dort innerlich noch immer auf den nächsten Krankheitsfall eingestellt sind. Auch wenn seit 2006 keiner mehr dazugekommen ist, wünschen sich viele, dass das Kraftwerk endgültig abgeschaltet wird. Dabei gehört Krümmel zu den jüngeren Reaktoren, ohne Laufzeitverlängerung könnte er noch bis 2019 laufen. Selbst ein Mitarbeiter eines Eisenwarenhändlers, an den der Betreiber seit Jahren Aufträge vergibt, gibt zu, dass er insgeheim gegen das Kraftwerk sei. In Geesthacht, sagt er, gebe es zwei Gruppen. Die eine gebe dem Kraftwerk die Schuld an den Leukämiefällen, die andere der GKSS, allen Studien und fehlenden Beweisen zum Trotz. Für die Menschen um Krümmel herum ist eigentlich alles gesagt.

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