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Leukämiefälle in Krümmel : Und ewig rätselt die Elbmarsch

Sinnbild und beliebtes Bildmotiv unter Radfahrern: Das Atomkraftwerk Krümmel in der Nähe von Geesthacht Bild:

Die Menschen in der Elbmarsch beschäftigt seit Jahren ein ungelöstes Rätsel: Zwischen 1991 und 2006 erkrankten drei Mal so viele Kinder an Leukämie, wie laut Statistiken normal wäre. Und obwohl die Beweise fehlen, suchen die Meisten die Schuld beim Atomkraftwerk Krümmel.

          An Kilometer 169 des Elberadwegs, etwa dreißig Kilometer südlich von Hamburg, mit dem Rücken zum Fischrestaurant „Fährhaus Tespe“, steht eine Bank auf dem Deich. Über den Fluss, der breit und träge dahinfließt, hat man von ihr einen schönen Ausblick auf die dunkelgrüne Elbmarsch, die Hügel der Geest auf der anderen Uferseite, die reetgedeckten Backsteinhäuser. Aber das ist nicht der Grund, warum an einem trüben Sommertag fast jedes der vielen vorbeikommenden Radfahrergrüppchen hier hält, um sich auf der Bank sitzend fotografieren zu lassen.

          Marie Katharina Wagner

          Redakteurin in der Politik.

          Der Grund liegt jenseits des Flusses, wo schon Schleswig-Holstein ist und nicht mehr Niedersachsen: Ein grauer, fensterloser Kasten schiebt sich da in den Geestrücken. An der Seite ein Schlot, der hoch in den Himmel ragt, am Ufer riesige Schilder: „Vorsicht Einlauf, starke Sogwirkung“ und, ein paar Meter weiter: „Vorsicht Auslauf, starke Querströmung“. Das Atomkraftwerk Krümmel entnimmt dem Fluss hier sein Kühlwasser. Und weil an seiner Seite gar nicht die typischen Kühltürme stehen, könnte der Kasten auch irgendeine Fabrik sein, wären da nicht die Hochspannungsleitungen, die wie Spinnenfäden über die Elbe, um den Meiler herum und von dort weiter Richtung Norden führen.

          Fragt man die Radfahrer, wieso sie vor dem Kraftwerk posieren, drucksen sie herum, als fühlten sie sich ertappt: Man müsse diesen Kontrast doch festhalten. Eben noch liebliche norddeutsche Elbtaldörfer mit Stockrosen und Sonnenblumen in den Vorgärten, mit sorgfältig drapierten Gardinen in den Fenstern, und dann, sagen sie, sehe man „das hier“. Krümmel. Da laufe es einem doch kalt den Rücken herunter.

          Uwe Harden, geboren in der Elbmarsch, gründete im Jahr 1991 die „Bürgerinitiative gegen Leukämie in der Elbmarsch”

          Das Kraftwerk ist zum Sinnbild geworden

          „Das hier“. Darin klingt mehr mit als bloße Abneigung gegenüber der Atomkraft. Seitdem Anfang der neunziger Jahre im Umkreis des Reaktors innerhalb kurzer Zeit dreimal so viele Kinder an Leukämie erkrankten, wie laut Statistiken normal gewesen wäre, ist das Kraftwerk zum Sinnbild geworden. Der einen Seite wurde es zum Symbol einer schädlichen Industrie, die Menschen krank macht, ja sogar tötet. Krümmel, „der Pannenreaktor“. Das „Krümmel-Monster“. Ein seit dem jüngsten Störfall im Juli 2009 stillstehender Meiler, der am besten nie wieder anfahren sollte. Für die andere Seite zeigt die Geschichte der Leukämiefälle von Krümmel, wie es in Deutschland nach und nach unmöglich wurde, eine sachliche Diskussion über die Atomenergie zu führen. In der Elbmarsch finden sich alle Parteien des Streites wieder, der gerade auf höchster politischer Ebene in Berlin geführt wird. Auch hier sind die Lager deutlich voneinander getrennt: die Gegner, die Befürworter und die Gleichmütigen. Die Befürworter allerdings wurden im Laufe der Jahre immer weniger.

          Nicht nur ihre Einstellungen, auch der Fluss trennt die Lager. Von der Bank am „Fährhaus Tespe“, sagt Uwe Harden, habe man den besten Blick auf das Kraftwerk. Hier, in der niedersächsischen Elbmarsch, lehnten neunzig Prozent der Bewohner das Kraftwerk ab. Drüben, im schleswig-holsteinischen Geesthacht, seien es weniger. Von da aus sehe man es ja kaum, so geschickt hätten sie es in den Geesthang hineingebaut. Also würden die Leute auch nicht ständig an die Leukämiefälle erinnert.

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