Home
http://www.faz.net/-gpf-75ghc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Leipzig Staatsanwaltschaft ermittelt wegen manipulierter Transplantationen

Am Universitätsklinikum Leipzig sind offenbar Krankenakten gefälscht worden, in deren Folge einige Patienten auf der Warteliste für Spenderlebern bevorzugt wurden. Der Direktor des Transplantationszentrums und zwei Oberärzte wurden beurlaubt.

© dpa Organtransplantation: Manipulationsvorwürfe nun auch in Leipzig

In dem neuen Fall um manipulierte Organtransplantationen in Leipzig hat die Staatsanwaltschaft Leipzig Ermittlungen aufgenommen. Man wolle herausfinden, ob genügend Hinweise auf eine Straftat und damit Gründe für reguläre Ermittlungen vorlägen, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Zuvor hatte das Leipziger Universitätsklinikum bekannt gegeben, dass es in den Jahren 2010 bis 2012 im Transplantationszentrum zu Manipulationen gekommen sei, in deren Folge einige Patienten auf der Warteliste für Spenderlebern bevorzugt worden seien. Der Leiter der Uniklinik, Wolfgang Fleig, sagte am Mittwoch dazu: „Ich kann im Moment Absicht weder ausschließen noch nachweisen.“

Die Universitätsklinik hatte am Neujahrstag bekanntgegeben, dass bei Patienten, die auf ein Spenderorgan warteten, die Krankenakte gefälscht worden seien. Damit wurden sie in der Warteliste für Organempfänger höher gestuft. Der Direktor der Transplantationschirurgie und zwei Oberärzte waren Ende Dezember beurlaubt worden, nachdem die Klinik selbst Mitte Dezember eine Revision angeordnet hatte. Fleig äußerte, er wisse nicht, ob Geld geflossen sei. Bei den betroffenen Ärzten könne er sich das nicht vorstellen.

Ähnliche Vorwürfe, die teils von der Staatsanwaltschaft untersucht werden, gibt es auch bereits gegen Transplantationszentren in Regensburg, Göttingen und München. Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, hält es für möglich, dass im Zuge der laufenden Nachkontrolle aller Zentren weitere Manipulationen aufgedeckt werden. „Wir haben zwar schon ein knappes Viertel der 47 Transplantationszentren überprüft und bei drei Zentren in den Jahren 2010/2011 erhebliche Auffälligkeiten entdeckt, aber wir können weitere Fälle derzeit nicht ausschließen, auch wenn es im letzten Jahr kaum noch Auffälligkeiten gab“, sagte Montgomery dieser Zeitung. Nach Bekanntwerden der ersten Fälle im vergangenen Jahr hatte der Verband der Krankenkassen, die Deutsche Krankenhausgesellschaft und die Bundesärztekammer zwei Prüfkommissionen eingesetzt, die alle Transplantationszentren kontrollieren sollen.

Als Dialysepatienten ausgegeben

Bei den Überprüfungen sei festgestellt worden, dass Organempfänger in Leipzig als Dialysepatienten ausgegeben wurden, obwohl sie es nicht waren, teilten die Institutionen mit. Nur deswegen seien sie aber auf der Warteliste für eine Ersatzleber nach oben gerückt. Derzeit werden bundesweit alle Lebertransplantationsprogramme untersucht, später sollen auch die für Nieren und Herztransplantationen kontrolliert werden. Abgeschlossen sind die Prüfungen in Göttingen Hamburg, München rechts der Isar, Berlin, Heidelberg, Essen, Regensburg, Kiel, Hannover und Leipzig. In vielen Fällen prüfen auch die Krankenhäuser selbst die Abläufe und Vorgänge der vergangene Jahre.

In Leipzig waren bei knapp 40 Patienten Dialyseverfahren an die für die Vergab der Spenderorgane zuständige Einrichtung Eurotransplant gemeldet worden, die es nie gegeben habe, berichtete Klinikchef Fleig. Werde ein Patient mit einer fortgeschrittenen Lebererkrankung wegen Beeinträchtigung der Nierenfunktion einer Dialyse unterzogen, gelte dies als zusätzlicher Hinweis auf die Dringlichkeit einer Lebertransplantation, erläuterte Fleig. Nach derzeitigem Kenntnisstand seien in den Jahren 2010/2011 für 54 Patienten Dialysen gemeldet worden. Bei 37 von ihnen habe es nie Dialysen gegeben. 2012 betraf das einen von 10 Patienten.

Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation ist die Bereitschaft zur Organspende seit Bekanntwerden der Skandale gesunken. Im Oktober sei mit 60 Spenden ein Tiefpunkt erreicht worden, normal seien 100 Spenden im Monat.

Verschlungene Wege zum rettenden Organ Interaktiv: Verschlungene Wege zum rettenden Organ © F.A.Z. Interaktiv 

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z./ami.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Reizdarmsyndrom Eine Krankheit - viele Erklärungen

Reizdarmsyndrom ist ein Begriff für ein schweres Krankheitsbild, dessen Ursache noch nicht vollständig geklärt ist. In die Psychoecke stellt man die Betroffenen aber heute nicht mehr. Mehr Von Nicola von Lutterotti

26.06.2015, 14:28 Uhr | Wissen
Dresden Toter Asylbewerber: Staatsanwaltschaft ermittelt

Nach der Tötung eines Asylbewerbers in Dresden hat die Staatsanwaltschaft begonnen, in alle Richtungen zu ermitteln. Die Leiche des 20-jährigen Eritreers war von Passanten gefunden worden. Mehr

16.01.2015, 12:25 Uhr | Gesellschaft
Aids-Kongress Mehr Geld, mehr Sex, mehr Positive

Das Thema Heilung ist erst einmal vom Tisch. Doch die Therapie von HIV-Patienten ist mittlerweile so erfolgreich, dass man sich beim Aids-Kongress in Düsseldorf auf den Kampf gegen die Stigmatisierung einigt. Mehr Von Peter-Philipp Schmitt, Düsseldorf

27.06.2015, 08:17 Uhr | Gesellschaft
Peru Ärzte locken Wurm mit Basilikum aus Patienten-Auge

Mit einer ungewöhnlichen Methode haben Ärzte ihren Patienten von einem Parasiten befreit. Mehr

05.06.2015, 14:43 Uhr | Gesellschaft
Fehldiagnosen Niederländischer Skandalarzt überraschend freigesprochen

Der niederländische Skandalarzt Ernst Jansen ist vom Vorwurf der schweren Misshandlung freigesprochen worden. In erster Instanz hatten die Richter ihn wegen fataler Fehldiagnosen noch zu drei Jahren Haft verurteilt. Mehr

18.06.2015, 12:39 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 01.01.2013, 20:06 Uhr

Was wirklich ist

Von Jasper von Altenbockum

Die wichtigste Botschaft der Vorstellung des Verfassungsschutzberichts blieb unausgesprochen: Die Sicherheitsdebatte in Berlin hat sich von der Wirklichkeit weit entfernt. Mehr 45 133