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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Landwirtschaft Wende ohne Bauern

Die Agrarwende soll in Niedersachsen beginnen. Grüne und die Städter wollen sie. Bauern nicht. Ein Kommentar.

© dpa Vergrößern „Bio, Baby“: Das glückliche Schwein, ein Abbild wie geschaffen für die Landliebe der urbanen Wähler.

Wenn man mit Bürgermeistern durch die Millionen-Schweine-Dörfer Westniedersachsens fährt, demonstrieren sie den Wohlstand ihrer Region gern anhand einer Anekdote. Sie erzählen vom Besuch eines amerikanischen Reporters. Der habe nach einer Weile gefragt: „Hier leben ja nur Millionäre, habt ihr denn gar keine Arbeiter?“ Die Bauernfamilien in dieser Gegend, es sind viele tausend, haben es in der Tat zu eindrucksvollen Villen und Limousinen gebracht. Vielleicht ändert sich all das nun mit der Regierungsbildung in Niedersachsen. So jedenfalls hatten es die Grünen im Wahlkampf versprochen.

Jan Grossarth Folgen:  

Ein Experiment beginnt. Ausgerechnet in dem Land, das die meisten Lebensmittel in Deutschland erzeugt und in dem Hunderttausende von Arbeitsplätzen daran hängen, ist nun ein Agrarminister im Amt, der die Branche radikal umgestalten will. Der Grüne Christian Meyer, mutiger Hähnchenfleisch-Boykotteur und McDonald’s-Kritiker, wird Verordnungen erlassen, die es konventionell wirtschaftenden Bauern vermiesen, neue Ställe zu bauen. Sie werden teurere Filter einbauen müssen, mehr Formulare ausfüllen. Und Kommunen und Tierschutzverbände werden neue Möglichkeiten bekommen, Ställe zu verhindern. Den schon weit reichenden Tierschutzplan seines Vorgängers Gert Lindemann (CDU) will Christian Meyer noch verschärfen. Der neue Minister wird auf die Bremse treten. Aber er hat nicht die Macht, das Steuer herumzureißen. Das wäre aber nötig für eine Wende, die den Namen verdient.

Meyer gibt sich nach seiner Benennung als Minister plötzlich so zahm, wie seit Jahren nicht. Im Wahlkampf war noch von der Fleischtheke als Sondermülldeponie die Rede, von Gestank, Keimen und: „Tierqual ist die Regel“. Jetzt sagt Meyer: Niedersachsen werde „Agrarland Nummer eins“ bleiben - denn er kann das sowieso nicht ändern. Er darf genehmigte Ställe nicht so einfach schließen lassen.

Grüne erobern die Deutungshoheit

Aber die Agrarwende ist langfristig angelegt. Wo führt sie hin? Eines steht jetzt schon fest: Das Versprechen einer Ernährungs- und Agrarwende führt Grüne an die Macht. Es kommt beim Wähler an. Die Agrarkritik ist in Teilen durchaus zutreffend, der Verbraucher hat Grund zur Verunsicherung - nach jahrzehntelanger irrwitziger Tierzucht oder mangelnder Deklarationspflichten für Fleischprodukte. Für Wahlkampf- und Talkshow-Zwecke aber wird die Agrarkritik wie Hackfleisch zusammengerührt. Dann geht es leicht in einer Satzgirlande um Käfighaltung, Pestizide, Afrika, Lasagne und die Mafia - und hinter allem Übel der Welt: die „Agroindustrie“. Das ist massentauglich, nach jeder Pferdefleischverirrung mehr als zuvor.

Der Anti-Agrar-Populismus ist aber selbst ein Grund für die Verunsicherung. Die teils hysterische Kritik und übertriebene Skandalisierung scheint zum Selbstzweck zu werden. Das nützt wiederum vor allem den Grünen. Sie erobern sich so die Deutungshoheit. Mehr Wähler halten die Partei nun für kompetenter in Sachen Landwirtschaft als CDU und CSU, die Bauernparteien.

Es ist kein Wunder, dass die Grünen in diesem Feld „konservative“ Parteien abgelöst haben. Anders als etwa in der Europapolitik geben sie sich in der Agrarfrage ganz beim Volk. Ihre Wahlkampfstrategie ist darauf ausgerichtet, auf ihren Plakaten ist zu lesen: „Volle Kanne Heimat“ (bebildert mit Regio-Lebensmitteln), „Bio, Baby“ (Säugling nuckelt an Tomate), „Ernährung ist eine Frage der Haltung“ (mit Glückshuhn) oder: „Jobs Made By Mutter Natur“. Mit Heimat, Hühnern und Haltung warb früher nur die CDU. Die kann aber den Wunsch nach einer nachvollziehbaren, irgendwie bäuerlicheren Landwirtschaft, der von einer breiten Gesellschaftsschicht getragen wird, nicht mehr befriedigen. Denn die grüne Bewegung ist so mächtig, weil sie die idealisierte Landliebe der urbanen Wähler bedient. Sie romantisieren Öko-Scholle und eine „Mutter Natur“, die es nicht gibt.

Immer mehr Höfe machen dicht

Die meisten Bauern können mit dieser Romantik nichts anfangen. Die große Mehrheit will keine Wende. Wie aber soll das Experiment ohne sie funktionieren? Nur acht Prozent der Bauern wirtschaften ökologisch, weniger als die Hälfte nach strengen Demeter- und Bioland-Kriterien, nur ein Bruchteil davon in Niedersachsen. Die Produkte sind viel teurer, brauchen doppelt so große Anbauflächen und städtische Absatzmärkte. Man müsste die EU-Subventionen, die den Bauern fast die Hälfte der Einnahmen sind, massiv zugunsten der Öko-Produktion umleiten, um das zu ändern. Dafür gibt es in Brüssel aber keine Mehrheit.

Ein zweites Problem, von Grünen ausgeblendet, um das gute Gefühl nicht zu trüben: Immer weniger Leute wollen Bauer sein. In zehn Jahren hat ein Drittel aller Höfe dicht gemacht, und die Bauern, die bleiben, unter ihnen gerade die mit den kleineren Höfen, in denen die Grünen die Zukunft sehen, haben Nachwuchssorgen. Junge Bauern verlassen die Agrarfakultäten der Universitäten als spezialisierte Betriebsmanager. Sie lieben große Traktoren, steuern Melk-Roboter mit dem iPhone und wollen so viel verdienen, dass sie ja nicht leben müssen wie die Bauern, die Grüne verherrlichen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 19.02.2013, 16:58 Uhr