Die Erlösung kommt um kurz nach sechs. Eben noch hatten sie hinten getuschelt, „ob der wirklich kommt?“, man weiß das ja nie bei ihm. Doch als der erste ihn erblickt hat und zu klatschen beginnt, brandet der Beifall so urplötzlich hoch, als löse sich ein lange angestauter Krampf. Er erklimmt die zwei Stufen hoch zum Podium, strahlt in die Menge, reißt die Arme in die Höhe. Eine, vielleicht zwei Minuten verharrt er dort und lässt sich feiern, dann steigt er vorerst wieder hinunter. So als wolle er lediglich bewiesen haben, dass er wirklich da ist. „Der sieht aber gut aus“, entfährt es einem, und wirklich: Dieser 67-Jährige, dunkler Anzug, helles Hemd, wirkt vital, fast braungebrannt. Zwei Monate nach seiner Prostata-Operation, die seine Anhänger hier im Saarland regelrecht in Agonie versetzt hat, ist Oskar Lafontaine wieder zurück. Es ist wie die Rückkehr des Helden für sie.
Allein dieser erster öffentliche politische Auftritt nach einer schweren Erkrankung wäre Grund genug gewesen, zu diesem Neujahrsempfang der saarländischen Linken nach Saarbrücken zu kommen. In normalen Zeiten. Weil da aber eben noch diese Führungskrise der Partei ist, die sich bis aufs Blut zerstritten hat und nun, endlich, auf ein klärendes Wort Lafontaines wartet, ist der Medienaufruhr in der kleinen Halle so groß wie sonst nur an Wahlabenden. Alle, die 500 Gäste wie die 50 Journalisten, die aus ganz Deutschland angereist sind, warten auf diese eine Aussage, ob Lafontaine beim Bundesparteitag im Mai abermals als Parteivorsitzender kandidieren wird; jetzt, wo diese Sache mit Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch „geklärt“ ist. Darum geht es derzeit, auch an diesem Dienstagabend in Saarbrücken: Um die künftige Gestalt der Partei und die Frage, ob Lafontaine, den sie im Osten zwar als Zugpferd akzeptieren, nie aber so geliebt haben wie im tiefen Westen, ob er also weiter der Pate der Linken sein soll. Braucht die Partei ihren Übervater noch dringend oder wird sie längst von ihm erdrückt? Gregor Gysi hat diese Frage unlängst für seine ostdeutschen Parteikollegen beantwortet und seinem „Freund“ Bartsch das Vertrauen entzogen, weil der Details über Lafontaines Privatleben an die Presse gegeben haben soll und dessen Führungsanspruch schon infrage stellte, als Lafontaine noch nicht einmal auf dem OP-Tisch lag. West gegen Ost, Regierungswillige gegen Radikalere, PDS gegen WASG, darum geht es, und der Keil, den Lafontaine, Gysi und Bartsch in die Partei hineingetrieben haben, war womöglich schon immer da. Bislang ging diese Zweckehe gut, weil die gemeinsame Mission zusammenhielt, was vielleicht nicht zusammen gehört. Nun aber drohen die alten ungelösten Konflikte die Zweckgemeinschaft zu spalten. Viel steht auf dem Spiel, auch für Lafontaine. Sein Lebenswerk, wenn man so will.
Zurück in alter Form
Die Spannung könnte deshalb kaum größer sein, als Lafontaine an diesem Dienstagabend wieder auf das Podium tritt - doch wer sich Antworten erhofft hat, klare zumindest, wird enttäuscht. Von der Rente mit 67 spricht der Rekonvaleszente, die weg müsse, von Hartz IV, dieser Geißel, vom unrechtmäßigen Krieg in Afghanistan und dem „Kampagnenjournalismus“, der die Linkspartei immerzu herunterschreibe. Auch die saarländische Landespolitik seziert Lafontaine, boshaft wie eh und je. Die Jamaika-Koalition: käuflich und vom Saarbrücker Unternehmer Ostermann in Hinterzimmern zusammengezimmert. Die Grünen: Verräter, allesamt. Ministerpräsident Müller: ratlos und schwach. Lafontaine spricht frei; eine Rede wie diese hat er schon hunderte, vielleicht tausende Male gehalten. Eine Routineübung, die keine der drängenden Fragen beantwortet. Außer vielleicht die, ob Lafontaine schon wieder in alter Form ist.
Dann aber, nach viel bekanntem Geplänkel, kommen doch noch die entscheidenden Stellen der Rede, zumindest in Bezug auf Dietmar Bartsch. Lafontaine liest sie ab, er weiß um die Bedeutung jedes einzelnen Wortes: „Überflüssig“ seien die Personalquerelen (mit Dietmar Bartsch), zu denen Gregor Gysi und Klaus Ernst längst „das Notwendige“ gesagt hätten. „Dort, wo Menschen zusammenarbeiten, gibt es Eitelkeiten, Rivalitäten und persönliche Befindlichkeiten“, ruft Lafontaine. Und da nun einmal nicht alle Akteure einander in tiefer Sympathie und Zuneigung verbunden seien, müsse man sich wie im Alltag an Regeln halten, die ein „solidarisches Miteinander“ ermöglichen. Kurze, schnelle Tiefschläge sind das, natürlich an die Adresse von Bartsch. Gegen eine Regierungsbeteiligung um jeden Preis ketzt Lafontaine, und wer behaupte, Wahlerfolge seien nur dann etwas wert, wenn sie auch in eine solche führten, liege vollkommen daneben: „Einfache Gemüter kleiden diese Überzeugung in die Formel: Opposition ist Mist. Dass auch Regierung Mist sein kann, hat die SPD bei den letzten Wahlen schmerzhaft erfahren.“ Das zielt wieder auf die Pragmatiker wie Bartsch, der lieber heute als morgen mit den Sozialdemokraten koalieren würde und sich deshalb neulich heimlich mit Sigmar Gabriel getroffen hat. Dann der letzte Hieb: „Auch für die Linke gilt: Niemand ist unersetzlich.“ Selbstredend, dass Lafontaine damit kaum sich selbst meint.
Viele Nebelkerzen, einige Hinweise
Zum Parteivorsitz sagt Lafontaine indes kein Wort, bis es, gegen Ende der Rede, auch in dieser Hinsicht noch interessant wird: Als die Zuhörer sich schon fast am Ende wähnen, beginnt er wie nebenbei 11 Punkte zu referieren, die er in einem künftigen Grundsatzprogramm der Linken enthalten sehen will. Die Punkte, darunter ein Bekenntnis zu Volksentscheiden, einem sozialen Rechtsstaat und dem Verbleib der sozialen Sicherungssysteme in staatlicher Regie, finden sich auch in einem zehnseitigen „Strategiepapier“, das seine Mitarbeiter kurz vor der Rede an die Journalisten verteilt haben. Der Autor: „Oskar Lafontaine“. Die Botschaft dahinter ist eindeutig: Wer so dezidiert seine Vorstellungen von der künftigen Gestalt seiner Partei öffentlich macht, der will weiter mitmischen. Und so wird Lafontaines Auftritt bei vielen im Saal als Zeichen dafür interpretiert, dass Lafontaine im Mai in Rostock wirklich noch einmal kandidieren könnte.
Als sich die Journalisten nach der Rede in Lafontaines Schlepptau einmal quer durch den Saal ins Foyer schieben, weil seine Mitarbeiter gestreut haben, er werde doch noch „ein Statement“ abgeben, ist das Gedränge deshalb fast so groß wie auf der Fraktionsebene kurz nach der Bundestagswahl. Die Kameras sind bereit, die Mikrofone ausgerichtet - und Lafontaine? Spricht von der dringend notwendigen Bankenregulierung. Zu seiner politischen Zukunft: kein Wort. Nachfragen? Bitte keine. Stattdessen lässt er sich von seinen Mitarbeitern Bier bringen, plaudert hier ein wenig mit alten Bekannten und klopft dort ein bisschen Schultern. Lafontaine genießt seine Rückkehr, er hat alles gesagt. Der Zeichen waren genug.
Dass Oskar Lafontaine auf dem Weg der Besserung ist, daran kann nach diesem Abend nur noch wenig Zweifel bestehen. Dass er gewillt ist, auch über 2010 hinaus eine entscheidende Rolle in der Linkspartei zu spielen, daran auch nicht. Lafontaine ist zurück, vorerst zumindest. Ob seine Partei will oder nicht.
Mal angenommen...
Jörg Kruse (satellit)
- 20.01.2010, 16:56 Uhr