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KZ-Gedenkstätte : Buchenwald soll Unesco-Welterbe werden

  • -Aktualisiert am

Eine Besuchergruppe auf dem Gelände der Gedenkstätte in Buchenwald Bild: dpa

Thüringen schlägt vor, dass das ehemalige Lagergelände des Konzentrationslagers Buchenwald in Weimar als „Zeugnis der nationalsozialistischen Verbrechen und der Geschichte des 20. Jahrhunderts“ in die Welterbeliste aufgenommen wird.

          Das ehemalige Lagergelände des Konzentrationslagers Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar soll „als elementares Zeugnis der nationalsozialistischen Verbrechen und der Geschichte des 20. Jahrhunderts“ in die Welterbeliste aufgenommen werden. Diesen Wunsch hat Thüringens Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Christoph Matschie (SPD), in Weimar geäußert. Der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Volkhard Knigge, übergab am Freitag die Bewerbung an Matschie.

          Das Ministerium wird den Antrag bei der Kultusministerkonferenz einreichen. Diese entscheidet über die Liste, die Deutschland wiederum bei der Unesco einreicht. Die Länder hatten nach Angaben des Thüringer Kulturministeriums vereinbart, dass für die neue Liste von 2017 an bis zu zwei neue Anträge je Bundesland gestellt werden können. Thüringen bewirbt sich für die neue Liste Deutschlands zur Aufnahme in das Unesco-Weltkulturerbe bereits mit dem jüdisch-mittelalterlichen Erbe in Erfurt.

          Nachdem die Stätten der Weimarer Klassik schon zum Weltkulturerbe gehörten, wolle Thüringen mit Buchenwald die Gesamtbedeutung des Doppelortes Weimar-Buchenwald herausstellen, sagte Matschie. So gegensätzlich die Epochen der deutschen Klassik und des Nationalsozialismus seien, so untrennbar seien sie doch in Weimar und Buchenwald miteinander verbunden. „Dieser Verantwortung stellen wir uns mit dem Welterbeantrag“, sagte Matschie. Auf die Verbindung von Weimar und Buchenwald hätten auch Überlebende des ehemaligen Konzentrationslagers eindringlich hingewiesen, etwa die Nobelpreisträger Elie Wiesel und Imre Kertész. Das frühere deutsche Vernichtungs- und Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau wurde bereits als Weltkulturerbe anerkannt.

          Das Lager wurde am 11. April 1945 durch Teile der 3. Armee der amerikanischen Streitkräfte befreit. „Nichts hat mich je so erschüttert wie dieser Anblick“, fasste General Dwight D. Eisenhower, der damalige Oberkommandierender der Alliierten Streitkräfte, später seine Eindrücke zusammen.

          Der Ettersberg ist als Hausberg Weimars eng mit der deutschen Klassik verbunden. Dort, wo 110 Jahre später das Konzentrationslager entstand, hatte Goethe 1827 gesagt: „Ich war sehr oft an dieser Stelle. Hier fühlt man sich groß und frei“. Bis heute ist das 190 Hektar umfassende ehemalige Lagergelände ein Stadtteil von Weimar.

          Innerhalb des Lagers hatten organisierte politische Häftlinge eine führende Rolle. Sie unterstützten nach jüngeren Forschungsergebnissen die Befreiung durch die Alliierten. Der SED-Staat hatte sich auf die Legende von der Selbstbefreiung durch die politischen Häftlinge gegründet. Das gesamte Lagergelände Buchenwald ist heute – einzigartig in Deutschland – erhalten mitsamt dem Torgebäude mit der Inschrift „Jedem das Seine“, mit Wachttürmen, Lagerzaun, dem Krematorium mit seinen Verbrennungsöfen oder dem Stumpf der „Goethe-Eiche“.

          Teile des Lagers hat die sowjetische Besatzungsmacht von 1945 bis 1950 als Internierungs- oder „sowjetisches Speziallager Nr. 2“ genutzt. Davon zeugen nicht zuletzt zwei bis 1989 verheimlichte Grabfelder. „Die Instrumentalisierung Buchenwalds für die Legitimation des SED-Staates fordert wie nirgendwo sonst dazu heraus, sich auch den Fragen einer angemessenen historischen, politischen und ethischen Aufarbeitung menschenfeindlicher Geschichte zu stellen. Fragen, die Menschen in Ländern mit Diktatur-, Verfolgungs- oder Genoziderfahrungen zunehmend bewegen“, heißt es in einem Beitrag der Gedenkstätte Buchenwald.

          Die Kriterien der Unesco zur Auswahl der Welterbestätten

          Die Vereinten Nationen beschlossen 1972 die Einrichtung einer Kommission zur Auswahl von Welterbestätten von „außergewöhnlichem universellem Wert“, um das kulturelle und historische Erbe der Menschheit sowie Landschaften von außergewöhnlicher Schönheit oder Besonderheit zu bewahren. Hintergrund war die Erkenntnis der Staatengemeinschaft, dass viele Denkmäler, Gebäude und historische Natur- und Kulturlandschaften durch politische, soziale und ökonomische Entwicklungen im zwanzigsten Jahrhundert zunehmend gefährdet waren und dass viele der Länder, in denen sich solche Stätten befanden, keine ausreichenden Ressourcen hatten, um ihren Erhalt zu gewährleisten. Nach der Aufnahme in die Welterbeliste erhalten die Länder, in denen sich die Stätten befinden, Unterstützung von der Unesco bei ihrer Erhaltung, etwa in der Form technischer Hilfen oder der Vermittlung von Experten, die helfen, gefährdete Stätten zu erhalten. Auch finanzielle Unterstützung ist möglich. Zudem erhöht der Welterbestatus in der Regel die Attraktivität der betroffenen Regionen für den Tourismus, sodass sich auch in diesem Bereich oft zusätzliche Einnahmemöglichkeiten ergeben.

          Das Welterbe-Komitee der Unesco wurde mit der Auswahl und Verwaltung der Welterbestätten beauftragt; alle Mitgliedsländer dürfen in regelmäßigen Abständen potentielle Stätten vorschlagen. Dabei wird unterschieden zwischen Weltkulturerbe und Weltnaturerbe. Das Weltkulturerbe umfasst sowohl Denkmäler und Gebäude als auch historische, kulturelle und archäologische Stätten, die für die Menschheit insgesamt von Bedeutung sind. Die Unesco hat einen Katalog von Auswahlkriterien erstellt, von denen mindestens eines erfüllt werden muss. Außerdem spielen Schutz und Pflege der Stätten durch das vorschlagende Land eine Rolle.

          Zentral für die Auswahl ist der außergewöhnliche universelle Wert einer Stätte. Dabei kann es sich etwa um ein „Meisterwerk menschlichen kreativen Genies“ handeln, um Zeugnisse eines Wertewandels in der Architektur, Stadt- oder Landschaftsplanung oder um besonders herausragende Zeugnisse einer kulturellen Tradition oder Zivilisation. Aber auch Gebäude, Kulturlandschaften oder archäologische Stätten, die in besonderem Maße repräsentativ sind für eine Lebensweise oder eine bestimmte Stufe historischer Entwicklung, können Eingang in die Liste finden. Außerdem können Stätten, die direkt auf historische Ereignisse oder Traditionen von besonderer allgemeiner Bedeutung Bezug nehmen, unter bestimmten Umständen nominiert werden.

          Auschwitz-Birkenau schon seit 1979 auf der Welterbeliste

          Buchenwald und der Ettersberg würden daher nach dem Willen des Thüringer Bildungsministeriums wegen ihrer historischen Bedeutung als Zeugnisse der nationalsozialistischen Verbrechen unter das Weltkulturerbe fallen. Das ehemalige deutsche Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau steht auf der Grundlage dieses Kriteriums bereits seit 1979 auf der Welterbeliste der Unesco. Auch das Friedensdenkmal in Hiroshima und das Bikini-Atoll, wo im Kalten Krieg Atomraketen getestet wurden, sind als einzigartige Zeugnisse des Nuklearzeitalters, des Zerstörungspotenzials der Atomwaffentechnologie und der damit verbundenen politischen und historischen Entwicklungen Teil des Weltkulturerbes.

          Derzeit gibt es insgesamt 962 Welterbestätten, wovon 745 zum Weltkulturerbe zählen. Westeuropäische Architekturdenkmäler gelten als überrepräsentiert. Die Unesco hat daher in den vergangenen Jahren verstärkt Bewerbungen auf der Grundlage historischer und technischer Kriterien gefördert. In Deutschland gibt es insgesamt 33 Welterbestätten, darunter sowohl Weltkultur- als auch Weltnaturerbe. Das erste Gebäude, das den Titel erhielt, war der Aachener Dom im Jahr 1978. Zuletzt ernannte die Unesco 2009 das norddeutsche Wattenmeer zum Weltnaturerbe. Im gleichen Jahr wurde dem Elbetal in und um Dresden der Welterbestatus als Kulturlandschaft aberkannt, weil die damals im Bau befindliche Waldschlösschenbrücke das Tal nach Ansicht der Unesco irreversibel zerschnitt und somit die Kulturlandschaft zerstörte. (lspr.)

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