Kurt Beck hat am Tag der Deutschen Einheit die Beherrschung verloren – oder zu sich selbst gefunden. Als er dem SWR am Rande eines Festakts in München ein Interview gab, rief ein junger Mann dazwischen, die Bayern zahlten den Nürburgring. Hatte der Mann recht? Womöglich. Hatte er das Recht dazu? Vielleicht. Heute glauben ja auch Fußballfans, sie dürften die Spieler als Hurensöhne beleidigen. War es mutig, was der junge Mann getan hat? Eher nicht.
Er sonderte seinen Kommentar nämlich im Vorbeigehen ab, war also jederzeit in der Lage, sich in der Masse der Umstehenden wegzuducken. Es ist auch nicht mutig, in Bayern zu sagen, Bayern zahle sowieso alles. Das sagen in Bayern nämlich alle. Genauso wie überall alle behaupten, für den Nürburgring bezahlen zu müssen. Feige war die Aktion des Mannes aber vor allem deshalb, weil er eigentlich sicher sein durfte, dass sich ein Politiker vom Range Kurt Becks nicht leisten kann, was ein Kiez-König einst mit einem Passanten auf der Reeperbahn gemacht hat, der ebenfalls beim Interview störte: „Hast du ’n Problem? Geh weiter!“ Knapp eine Sekunde Bedenkzeit, dann: Wumms! Zugeschlagen hat Beck nicht, und auf dem SWR-Video sieht man auch, dass er nicht wirklich wütend war. Er hat das mit dem Nürburgring sogar geschluckt, ohne zu mucken.
Die Rechnung des jungen Mannes ging trotzdem nicht auf, weil er zum Satz „Die Bayern bezahlen den Nürburgring“ noch hinzufügte: „Und den Betzenberg“, also den 1. FC Kaiserslautern. Erst nach diesem Frevel wollte Beck nicht mehr an sich halten und rief: „Können Sie mal Smaul halten Nmoment, einfach Smaul halten.“ Darf ein Politiker das? Gegenfrage: Warum nicht? Er muss es nur können. Wenn Steinmeier so etwas sagen würde, nähme es ihm kaum jemand ab. Käme es von Steinbrück, dann würde es aggressiv wirken. Und bei Gabriel würde man sagen: nicht seriös, der Mann. Beck hingegen, der letzte unter den Ministerpräsidenten, der kein Akademiker ist, kann es so sagen, dass die Leute darüber selbst das Nürburgring-Desaster vergessen. Wie ihm Smaul gewachsen ist.
Der LETZTE Akademiker
Josef Bujtor (Mramorak)
- 07.10.2012, 12:38 Uhr
Bitte mehr etwas mehr kritische Distanz
Carlos Anton (carlosanton)
- 07.10.2012, 12:00 Uhr
Äußerst merkwürdige Sympathie des Autors mit Beck
Peter Wösner (Lentiano)
- 07.10.2012, 11:48 Uhr
"Smaul"
Dietmar Fleischhauer (dfleischhauer)
- 07.10.2012, 11:23 Uhr
So ganz Unrecht hat der man ja auch wieder nicht.
Amal Younis (amalyounis)
- 07.10.2012, 09:14 Uhr