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Kurt Beck Der Rheinland-Pfälzer

15.03.2006 ·  Dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsident Kurt Beck gelingt es im Wahlkampf, glaubwürdig die Rolle des bodenständigen Landesvaters auszufüllen. Popularität, Kennen und Gekanntwerden sind bei ihm Programm.

Von Bernd Heptner, Mainz
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„Grüß' dich, Hans! Grüß' dich, Ernst!“ Wenn Kurt Beck bei einer Wahlkampfveranstaltung das Podium betritt, dann begrüßt er erst einmal mit Vornamen die Personen, die er auf den ersten Blick unter seinen Zuhörern wiedererkennt, und das können recht viele sein.

Nach Möglichkeit fügt er für das Publikum auch noch ein paar Worte über die persönlichen Lebensumstände des Angesprochenen hinzu: „Karl, du siehst gut aus. Der Ruhestand scheint dir zu bekommen.“ Es kommt sogar vor, daß Beck auch später seine Wahlkampfrede kurz unterbricht, wenn er noch jemanden erkennt, den er anfangs übersehen hat. Dann entschuldigt er sich sogar, daß er den Angesprochenen nicht gleich begrüßt hat.

Wuchern mit der Popularität

Popularität, Kennen und Gekanntwerden wird beim Wahlkämpfer Beck zum Programm, ja, fast zur Masche. Der Regierungschef, der seit Oktober 1994 als Nachfolger des in den Bundestag gewechselten Rudolf Scharping in Rheinland-Pfalz regiert, kennt jeden in Rheinland-Pfalz, und jeder dort kennt ihn. So kommt es zumindest beim Publikum rüber, und so soll es nach Ansicht von Beck und seinen Wahlkampfberatern auch sein.

„Ich wäre ja töricht“, so gibt der Regierungschef offen zu, „wenn ich mit dem großen Vorsprung meiner Popularität gegenüber meinem CDU-Herausforderer Christoph Böhr nicht wuchern würde.“ Und zu diesem Konzept gehört natürlich auch, daß Beck ein Fernseh-Duell mit Böhr ablehnt, um diesem nicht zu einem Zuwachs an Popularität zu verhelfen.

Als vor einigen Wochen zu Beginn des Wahlkampfs für die Landtagswahl am 26. März auf einem Landesparteitag der SPD-Bundesvorsitzende Matthias Platzeck ein Grußwort sprach, erzählte er zur Charakterisierung von Beck eine kleine Geschichte.

Gutes Gespür

Diesen habe ein Bürger wegen irgendeines persönlichen Problems aufgesucht, und beim Abschied habe der Ministerpräsident dem Besucher aufgetragen, zu Hause dem Nachbarn zur Rechten Genesungswünsche auszurichten und den Nachbarn zur Linken mit einem Gruß vom Ministerpräsidenten aufzufordern, es mit dem Schneeräumen ernster zu nehmen.

Die Delegierten lachten und klatschten zustimmend: Ja, so ist Beck, er kümmert sich, er nimmt Anteil, er kennt sein Land und seine Bewohner. Die Anekdote, die Platzeck erzählte, haben ihm natürlich Becks Leute aufgeschrieben, weil es so schön zum Popularitätsnimbus des Ministerpräsidenten paßt.

Man muß es dem Wahlkämpfer Beck lassen: Er und seine Berater haben ein gutes Gespür dafür, was ihm nützt und was beim Publikum ankommt. Wie geschickt war mit Blick auf den anstehenden Wahlkampf doch die Geschichte mit dem angeblich möglichen Bundesvorsitz der SPD eingefädelt.

Publikumswirksame Inszenierung

Als über einen Amtsverzicht Franz Münteferings zum ersten Mal öffentlich debattiert wurde, hatte Beck wortreich dementiert, daß an der Sache überhaupt etwas dran sei und er selbst auch nur eine Spur von Interesse an der Nachfolge habe.

Als der Fall dann eintrat und ein Nachfolger für Müntefering gesucht wurde, trat der stellvertretende Bundesvorsitzende Beck überzeugend und publikumswirksam als der große Vermittler auf den Plan. Die Angelegenheit wurde im Interesse des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten so inszeniert, als sei er selbst ein potentieller heißer Kandidat und als fiele die Entscheidung in einem Gespräch zwischen Beck und Platzeck.

Dabei stand schon vorher fest, daß der künftige Bundesvorsitzende Platzeck heißen würde. Das Gespräch zwischen beiden war denn auch eine Sache von wenigen Minuten. Beck aber konnte anschließend den Eindruck erwecken, als sei er beinahe Bundesvorsitzender geworden, habe darauf aber im Interesse des geliebten Bundeslandes Rheinland-Pfalz verzichtet.

Die Anwälte der Mopsfledermäuse

Solche wahltaktischen Inszenierungen ändern nichts daran, daß Beck tatsächlich mit Leib und Seele Ministerpräsident ist und es „mit unbändiger Lust“ bleiben will. Und auch wenn seine Rolle als volksnaher, umgänglicher „Landesvater“ im Wahlkampf ziemlich übertrieben wird, so bleibt sie doch im Kern glaubwürdig. Dafür bürgt schon seine Biographie.

Beck wurde 1949 im südpfälzischen Bergzabern als Sohn eines Maurers geboren, hat den Realschulabschluß auf dem Zweiten Bildungsweg erworben und nach einer Elektromechanikerlehre als Funkelektroniker gearbeitet.

Beck war Bürgermeister in seinem Wohnort Steinfeld, Mitglied des Kreistages Südliche Weinstraße, Abgeordneter des Landtages und Vorsitzender der SPD-Fraktion, bis er 1994 als Nachfolger Scharpings Regierungschef wurde. Wie sein Vorgänger stützt er sich auf ein sozial-liberales Bündnis, das nach der Koalitionsaussage der FDP vom Februar auch fortgesetzt werden soll - wenn der Wähler dies am 26. März möglich machen sollte.

Und wenn es dazu nicht reicht, weil ein Einzug der Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG) in den Landtag eine Mandatsmehrheit von SPD und FDP verhindert? Bisher hat Beck als Sozialdemokrat eher klassischer Prägung die Grünen als „Anwälte der Mopsfledermäuse“ verspottet, so daß eine rot-gelb-grüne Ampel-Koalition nur schwer vorstellbar ist.

Das permanente Gespräch reicht

Dagegen hat Beck schon lange vor der Bildung der großen Koalition in Berlin davor gewarnt, ein solches Bündnis grundsätzlich zu verteufeln. Derzeit verschwendet Beck allerdings keinen Gedanken auf die Zeit nach der Wahl. Selbst seinen Koalitionspartner FDP erwähnt er in seinen Wahlkampfreden kaum. Allenfalls im kleinen Kreis findet er für die Formation WASG/ Linkspartei böse Worte. Deren Galionsfigur Gregor Gysi, so sagt Beck, habe mit den sogenannten kleinen Leuten, für die die Linken zu kämpfen vorgeben, „so wenig zu tun wie die Kuh mit der Strahlenforschung“.

Beck liebt plastische Formulierungen und Bilder, und er macht davon im Wahlkampf ausgiebig Gebrauch. Wenn er sich etwa eindeutig zum Ausbau des Frankfurter Flughafens bekennt, in dessen Flugschneisen auch Mainz liegt, dann vergißt er nicht, das Thema Lärmbelästigung mit einer eigenen Note zu versehen. „Ich weiß da persönlich, wovon ich rede. Ich mache im Sommer immer beide Fenster meiner kleinen Mainzer Wohnung auf, falls ein Flieger reinkommt, damit er wieder rausfindet.“

Im Mainzer Fasching hätte es für solche Dönkens einen Tusch gegeben. Beck hält sich zugute, „nah bei den Leuten“ zu sein und die Sprache des Volkes zu sprechen. Er käme nicht auf die Idee, öffentlich mit Zitaten von Adorno und Popper glänzen zu wollen. Um zu wissen, wie die Leute denken und fühlen, braucht er keine Umfragen, wie die rheinland-pfälzische CDU sie veranstaltet hat. Ihm reicht das permanente Gespräch mit den Bürgern bei seinen Reisen kreuz und quer durchs Land. Im Grunde ist für ihn immer Wahlkampf, derzeit nur ein wenig intensiver.

Demonstration sozialer Sensibilitäten

Deshalb zeichnet Beck so kurz vor der Landtagswahl auch ein besonders schönes Bild von Rheinland-Pfalz. Er nennt es ein „Aufsteigerland“ und stützt sich dabei auf Erhebungen, die schon älteren Datums sind. Er läßt davon auch nicht ab, als die CDU von „Absteigerland“ spricht und darauf verweist, daß die Arbeitslosenzahlen nur deshalb vergleichsweise niedrig sind, weil viele Arbeitnehmer in die Nachbarländer pendeln. Beck hält daran fest, daß sein Land beim Thema Arbeitslosigkeit „besser dasteht als das reiche Nachbarland Hessen“. Rheinland-Pfalz rücke sogar näher an Bayern heran. „Und ich habe den Ehrgeiz, es noch zu schaffen, Bayern zu überholen.“

Beck legt Wert darauf, seine Regierung als besonders sozial darzustellen. So streicht er die sozialen Hilfsangebote für ältere, schwerbehinderte und pflegebedürftige Menschen heraus. „Denn Menschen sind Menschen, ob hochleistungsfähig oder behindert - wir haben die Pflicht zu helfen“, erläutert er.

Es sei gelungen, mit differenzierten Programmen die Arbeitslosigkeit schwerstbehinderter Menschen um zwanzig Prozent zu senken. „Darauf bin ich stolz. Auf diesem Weg möchte ich weitergehen.“ Seine soziale Sensibilität demonstriert Beck auch, wenn er davon berichtet, daß inzwischen Eltern aus finanziellen Gründen ihre Kinder vom Mittagessen in den Schulen abmelden.

Imposanter Landesvater

Das könne man nicht hinnehmen, „daß die einen ihre Nudeln essen und die anderen davon ausgeschlossen sind“. Hier müsse man „das soziale Empfinden siegen lassen“ und 30 bis 35 Millionen jährlich bereitstellen. Und da Beck, den die CDU den „Schuldenkönig der Republik“ nennt, am besten weiß, wie extrem hoch sein Land inzwischen verschuldet ist, verspricht er schnell, die Summe anderweitig einzusparen.

Welches Thema Beck auch immer anspricht: Er stellt sich als imposanter Landesvater dar, der die Bedürfnisse seines Landes kennt, alle Kümmernisse seiner Landeskinder registriert und schnellstmöglich Abhilfe zu schaffen sucht. Von Matthias Platzeck stammt die Formulierung: „Kurt Beck ist Rheinland-Pfalz, und Rheinland-Pfalz ist Kurt Beck.“

Beck scheint es inzwischen selbst so zu sehen. „Wenn noch ein paar Tage rum sind“, so sagte der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl treffsicher dieser Tage in Trier, „wird Beck behaupten, daß er in seinen Jugendtagen die Porta Nigra gebaut hat.“

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