05.03.2004 · Die Kultusminister der deutschen Länder haben den vierten Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission zur Rechtschreibreform nicht verabschiedet. Dieser Schritt kommt einer Entmachtung des Gremiums gleich.
Von Heike Schmoll, BerlinDie Konferenz der Kultusminister (KMK) hat in Berlin den vierten Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission zur Rechtschreibreform nicht verabschiedet. Diesen Schritt hatte ursprünglich eine Arbeitsgrundlage der Amtschefkommission vorgesehen.
Statt dessen haben die baden-württembergische Kultusministerin Schavan (CDU) und der brandenburgische Kultusminister Reiche (SPD) ein Gespräch mit Vertretern der Zwischenstaatlichen Kommission und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung geführt, das in "konstruktiver Atmosphäre" verlaufen sei. Es habe sich gezeigt, daß der Bericht der Kommission auch einige Reformvorschläge der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung aufnehme.
Teile der Kritik aufgenommen
Es sind indes nur die Teile der Kritik aufgenommen worden, die von der Akademie eher unspezifisch geäußert, aber in der Öffentlichkeit zuvor schon erörtert worden waren. Vielmehr hat die Zwischenstaatliche Kommission den Reformvorschlag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung bisher immer massiv kritisiert. Ihm liege kein erkennbares und nachvollziehbares Konzept zugrunde, denn er sei nichts anderes als eine Addition zahlloser, zum Teil auch widersprüchlicher Einzellösungen und enthalte nicht eine einzige ausformulierte Regel. "Die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung kann sich nur erstaunt zeigen über derartig krasse Fehlleistungen der Darmstädter Akademie", hieß es kurze Zeit später. Selbst im vierten Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission hält diese noch einmal fest, daß dieser Vorschlag "nicht als eine Ergänzung oder Modifizierung des amtlichen Regelwerks angesehen werden kann". Ganz unbegründet, so geben selbst die Reformgegner zu, war die Kritik der Zwischenstaatlichen Kommission an der Akademie nicht.
Auch ist nach der Berliner Konferenz nicht mehr die Rede davon, der Zwischenstaatlichen Kommission künftig die alleinige Entscheidungsgewalt über Neuerungen zuzubilligen. Vielmehr soll es nun zwei weitere Gespräche über fachliche Fragen der Neuregelung mit Vertretern der Zwischenstaatlichen Kommission und Mitgliedern der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung geben. Es ist nicht auszuschließen, daß dabei die am heftigsten umstrittenen Kapitel der Getrennt- und Zusammenschreibung völlig neu aufgerollt werden. Schließlich dürfe nicht die Vereinfachung der Rechtschreibung entscheidend sein - das war von den Verfechtern der Reform lange behauptet worden -, Leitprinzip müsse vielmehr sein, die Präzision der deutschen Sprache und ihren Nuancenreichtum zu erhalten. Die Schule könne nicht abgetrennt werden vom übrigen Leben, die gesellschaftliche Akzeptanz der Reform müsse eine gewichtige Rolle spielen, sagte Frau Schavan.
PIRLS/IGLU 2006
Sobald die fachlichen Fragen gelöst sind, wird gemeinsam überlegt, wie die Entwicklung der Rechtschreibung künftig begleitet wird. Dabei sollen auch neue Mitglieder in die Zwischenstaatliche Kommission aufgenommen werden, zumal die Amtszeit einiger ohnehin ausgelaufen ist. Im Juni wollen die Kultusminister dann über die Neuregelung der Rechtschreibung entscheiden. Auch an der nächsten Internationalen-Grundschul-Lese-Untersuchung (PIRLS/IGLU 2006) wird Deutschland teilnehmen. Getestet wird dabei das Leseverständnis von Viertkläßlern, die Ergebnisse sollen Ende 2007 veröffentlicht werden. Die Kultusminister prüfen noch, ob sie auch eine Überprüfung der Bildungsstandards für Deutsch und Mathematik im Primarbereich einbeziehen könnten. Das entspräche der bisherigen Praxis, eine vertiefte Zusatzstudie für Deutschland mit der internationalen Erhebung zu verbinden.
Welche Reformvorhaben die einzelnen Länder auch nach Pisa begonnen haben, soll der Öffentlichkeit bei einem Kongreß im Herbst 2004 vorgestellt werden. Von der Veröffentlichung besonders gelungener Verbesserungen im Schulsystem versprechen sich die Kultusminister positive Impulse für die weitere Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. Zu den wichtigsten Neuerungen nach Pisa gehört jedoch das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. Dieses Institut soll an der Berliner Humboldt-Universität gegründet werden - die Verträge stehen kurz vor dem Abschluß, so daß das Institut als wissenschaftliche Einrichtung der Länder schon in diesem Jahr seine Arbeit beginnen könnte. Die Ausschreibung für die Institutsleitung wird in Kürze folgen - zu den Kandidaten zählt der Berliner Erziehungswissenschaftler und Bildungsforscher Tenorth.
Da auch der jährliche Bildungsbericht zum Zankapfel zwischen Kultusministerkonferenz und Bundesbildungsministerium geworden war, will die KMK mit Bundesbildungsministerin Bulmahn (SPD) über ein gemeinsames Konzept für die Bildungsberichterstattung, methodische Grundlagen und geeignete Indikatoren Gespräche führen. Entscheidend dabei ist, daß die Zuständigkeiten von Bund und Ländern klar kenntlich gemacht werden und auch von denen diskutiert werden, die dafür die Verantwortung tragen. Über die schulische Entwicklung wollen die Länder berichten, über die Forschungsprojekte, die in seiner Verantwortung liegen, der Bund.
Große Übereinstimmung indes sehen die Kultusminister mit den Vorschlägen des Bundesbildungsministeriums zur Reform der Berufsausbildung in einem Eckwertepapier. Die KMK begrüße den Willen zu einer vertrauensvollen Zusammenarbeit von Bund und Ländern bei der dualen Ausbildung zur besseren Zusammenarbeit zwischen Schule und Betrieben. Zu Recht habe das Bundesbildungsministerium den berufsbildenden Schulen die verdiente Wertschätzung entgegengebracht, sagte die Präsidentin der KMK, die rheinland-pfälzische Kultusministerin Ahnen (SPD). Auch sei es notwendig, Absolventen einschlägiger vollzeitschulischer Bildungsgänge unter bestimmten Voraussetzungen zur Kammerprüfung zuzulassen. Teilqualifikationen, die in der Berufsausbildungsvorbereitung erworben worden seien, müßten für die Berufsausbildung angerechnet werden können. Besonders wichtig ist der KMK, die Leistungen aus der Berufsschule in das Gesamtergebnis der Berufsabschlußprüfungen mit einzubeziehen. Die berufliche Kernqualifizierung muß nach Auffassung der Minister möglichst breit angelegt sein - die zunehmende Spezialisierung in der jüngsten Vergangenheit hatten sie immer wieder bemängelt. Über das Eckwertepapier wird die KMK mit dem Bundesbildungsministerium verhandeln.
Heftig kritisiert hat die KMK die Einführung eines neuen Entgeltsystems für die stationäre Krankenversorgung, die für die Universitätskliniken ruinöse Auswirkungen hat. Sie tritt daher für geeignete Veränderungen am Katalog und System der Fallpauschalen ein und will sich mit ihren Forderungen an die Spitzenverbände der Selbstverwaltung, die Bundesgesundheitsministerin und den Vorsitzenden der Gesundheitsministerkonferenz wenden.
Heike Schmoll Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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