07.08.2008 · Trotz langer Anlaufzeit hat das Kommando Spezialkräfte seine Sollstärke noch nicht erreicht. Brigadegeneral Hans-Christoph Ammon über das Attraktivitätsprogramm, Frauen bei den Spezialkräften, die Kurnaz-Affäre und die Frage, ob die Politik eigentlich hinter dem KSK steht.
Trotz langer Anlaufzeit hat das Kommando Spezialkräfte seine Sollstärke noch nicht erreicht. Brigadegeneral Hans-Christoph Ammon über das Attraktivitätsprogramm, Frauen bei den Spezialkräften, die Kurnaz-Affäre und die Frage, ob die Politik eigentlich hinter dem KSK steht.
Herr General, welche Aufgaben hat das KSK?
Das sind offensive Maßnahmen, die wir mit dem englischen Wort als „Direct Action“ bezeichnen, sowie Spezialaufklärung, Ausbildung von Spezialkräften anderer Nationen und Retten und Befreien von Deutschen - oder Angehörigen anderer Nationen - aus Geiselnahmen in einem feindlichen Umfeld.
Hat das Kommando dazu die Kräfte und Einsatzregeln, die es braucht?
Ja, wir haben eine hinreichende personelle Stärke, und wir haben die entsprechenden Einsatzregeln.
Die Sollstärke ist aber bei weitem noch nicht erreicht trotz langer Anlaufzeit. Ein Attraktivitätsprogramm wurde beschlossen. Können Sie schon absehen, ob das fruchtet?
Dass wir, das KSK, nach zwölf Jahren Bestehen nach wie vor unsere personelle Stärke im Bereich der Kommandosoldaten noch nicht erreicht haben, ist Fakt. Das liegt zum einen daran, dass die Auswahlkriterien für die Kommandosoldaten sehr streng sind. Nur wenige Bewerber haben sie erfolgreich bestehen können. Aber die Einsatzerfordernisse und die daraus resultierenden hohen physischen und psychischen Anforderungen sowie unsere Fürsorgeverpflichtung verbieten uns, von diesen strengen Auswahlkriterien abzuweichen. Daher ist es erforderlich, dass wir unsere Anstrengungen zur Nachwuchsgewinnung fortsetzen. Dazu dient einmal das Attraktivitätsprogramm. Wir befördern in Minimalzeiten und haben die Übernahmechancen zum Berufssoldaten erheblich verbessert. Zudem setzen wir finanzielle Anreize. Das gilt denen, die zu uns kommen wollen, um hier eine Zunahme oder zumindest kein Abfallen der Bewerberzahlen zu erzielen. Das gilt aber auch den Soldaten, die bereits bei uns Dienst leisten, um ihnen eine entsprechende Würdigung ihrer Arbeit zukommen zu lassen. Außerdem bereiten wir Bewerber jetzt auf die Aufnahmeprüfungen vor.
Gibt es auch Frauen bei den Spezialkräften?
Es steht natürlich grundsätzlich jeder Frau der Weg in dieses Kommando offen - aber sie muss dann auch in der Lage sein, die physischen und psychischen Anforderungen zu erfüllen. Wir haben derzeit 47 weibliche Soldaten, aber keine als Kommandofeldwebel oder Kommandooffizier. Die bereits angesprochenen strengen Kriterien für die Auswahl zum Kommandosoldaten gelten selbstverständlich auch für Frauen. Bislang konnte keine Frau sie erfüllen.
Kritiker werfen dem KSK vor, eine abgeschottete, verschworene Gemeinschaft zu sein. Sie verweisen etwa auf den ehemaligen Kommandeur Günzel, der Traditionslinien zu einer Wehrmacht-Eliteeinheit zieht, oder auf die Kurnaz-Affäre. Wirft das nicht ein trübes Licht auf das Kommando?
Unsere Soldaten sind im Einsatz einer ausgesprochen großen Gefahr für Leib und Leben ausgesetzt. Deswegen ist unsere ganze Ausbildung darauf ausgerichtet, dass sie ihr Handwerk perfekt beherrschen und sich, da sie immer im Team eingesetzt sind, aufeinander in jeder Hinsicht verlassen können. Das setzt ein ganz besonderes Aufeinanderzugehen voraus. Wenn das von außerhalb als „verschworene Gemeinschaft“ negativ verstanden wird, dann geht das völlig in die falsche Richtung. Unsere Männer brauchen genau dieses gegenseitige Kennen und Aufeinanderverlassenkönnen, aber das ist für mich nichts Negatives. Dinge, die von außen an uns herangetragen werden, wie Ableitung von Traditionslinien aus der Vergangenheit, sind für mich nicht maßgebend, sind auch für die Frauen und Männer hier nicht maßgebend. Deswegen habe ich auch keinen Anlass, irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen, um solchen angeblichen Tendenzen zu begegnen. Ich kann nur sagen, die Soldaten, die hier sind, sind so vernünftig, weil sie ihr Leben riskieren, wenn sie in den Einsatz gehen, dass sie sich solcher politischer Verblendung nicht hinzugeben brauchen.
In der Kurnaz-Affäre hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingestellt. Der Untersuchungsausschuss arbeitet am Abschlussbericht. Halten Sie die Sache für abgeschlossen und - auch innerhalb des Kommandos - verarbeitet?
Innerhalb des Kommandos ist sie sicherlich verarbeitet. Was die Dinge außerhalb betrifft, kann ich nicht voraussehen, wie sie sich weiterentwickeln. Wenn die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingestellt hat, heißt das ja noch nicht, dass die Gegenseite, der Anwalt von Herrn Kurnaz und Herr Kurnaz selber, Ruhe geben. Wir werden die Dinge weiterhin beobachten und entsprechend gelassen bleiben.
Wirkt sich so etwas auf die Motivation aus? Gibt es Diskussionen nach dem Motto, steht die Politik, die uns in gefährliche Einsätze schickt, eigentlich hinter uns?
Selbstverständlich hat es innerhalb des Kommandos und bei Soldaten, die davon direkt oder auch nur indirekt betroffen waren, erhebliche Diskussionen gegeben um die Frage, ob die Politik, aber auch die militärische Führung sich in ausreichendem Maße vor die Soldaten stellen, die im Einsatz sind. Und die Antwort ist - allen Diskussionen zum Trotz - ja. Wir sind der Auffassung, dass die Politik sich nicht mehr vor uns stellen kann, als sie es getan hat, bedenkt man die Rolle von Politikern. Wir haben von ihnen, auch von unserem Dienstherrn, jegliche Unterstützung bekommen, die wir brauchten in dieser Angelegenheit.
Brauchen Sie mehr eigene Unterstützungsfähigkeiten: Lufttransport, Aufklärungsmittel und dergleichen? Die Spezialkräfte anderer Nationen sind da ja etwas autarker aufgestellt.
Da sprechen Sie natürlich den General Spezialkräfte in einer Weise an, die das Herz höher schlagen lässt. Ja, andere Nationen sind mit ihren Spezialkräften weitaus autarker im Hinblick auf Lufttransporte und Aufklärungssysteme, die nur den Spezialkräften zur Verfügung stehen. Das KSK kann aber für den Einsatz auf alle erforderlichen Fähigkeiten der Streitkräfte zurückgreifen. Eine alleinige Verfügbarkeit dieser Kräfte für das KSK haben wir derzeit noch nicht, aber wir sind konzeptionell auf dem Wege zu einer Optimierung, und wir werden es über kurz oder lang auch für uns einsetzen können - davon bin ich fest überzeugt.