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Kritik an Bischof Müller „Tragweite der Situation nicht erkannt“

22.03.2010 ·  Es sei eine „Kampagne gegen die Kirche“ im Gange - „mit Schalmeien wie 1941“, predigt der Regensburger Bischof Müller. Der Erzbischof von München und Freising, Marx, setzt andere Akzente: Es sei „nicht die Stunde, andere zu beschuldigen und Kampagnen der Medien zu beklagen“.

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Der Bischof von Regensburg, Gerhard Ludwig Müller, sieht die katholische Kirche in Deutschland in einer Situation, die der des Jahres 1941 vergleichbar ist. „Auch jetzt erleben wir eine Kampagne gegen die Kirche“, sagte Müller nach einer am Montag veröffentlichten Mitschrift einer Predigt, die er am Samstagabend im Regensburger Dom gehalten hatte.

„So viele Medien“ seien bestrebt, „durch zurechtgestutzte und verkürzte Berichte, durch ständige Wiederholungen von Vorgängen aus alter Zeit“ die Öffentlichkeit zu manipulieren. Einen äußeren Anlass der „Kampagne“, etwa sexuelle Übergriffe von Geistlichen auf Kinder und Jugendliche, nannte Müller nicht.

„Nicht auf all diese Schalmeien wie 1941 hereinfallen“

An die Gläubigen wandte sich der Bischof mit den Worten, es komme „darauf an, Reife des Glaubens zu haben, nicht auf all diese Schalmeien wie 1941 hereinzufallen, so auch heute nicht“. Damals habe der Katholische Deutsche Frauenbund im Bistum Regensburg öffentlich gegen „die damals triumphierende, nationalsozialistische Bewegung, diese neuheidnische Ideologie, christentumsfeindliche, menschenfeindliche Ideologie“ demonstriert, sagte der Bischof.

Video: Papst entschuldigt sich bei irischen Missbrauchsopfern

Müllers Äußerungen stießen auf Kritik. Bayerns Justizministerin Merk (CSU) sagte, sie habe den Verdacht, der Bischof habe „die Tragweite der Situation nicht erkannt“. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Glück (CSU), sagte dem Bayerischen Rundfunk, Müllers Äußerungen könnten den Eindruck erwecken, „dass es in der Kirche Kräfte gibt, die letztlich keine Aufklärung wollen“.

Bischof Marx: „Nicht die Stunde, andere zu beschuldigen“

Das Hauptproblem sei nicht die Medienberichterstattung, sondern „was an Fakten aus der Kirche selbst heraus offenbar geworden ist“. Der Erzbischof von München und Freising, Marx, ließ am Sonntag einen länger vorbereiteten Brief in seiner Diözese verlesen, in dem er andere Akzente setzte als Müller: „Natürlich gibt es auch viele, die angesichts dieser Nachrichten die Kirche und ihre Priester unter Generalverdacht stellen.“

Dennoch sei nun „nicht die Stunde, andere zu beschuldigen und Kampagnen der Medien zu beklagen, sondern mutig und offen im eigenen Bereich aufzuklären“.

Bundeskanzlerin begrüßt Hirtenbrief von Papst Benedikt XVI.

Das Bundeskabinett wird am Mittwoch einen Runden Tisch zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in katholischen und anderen Einrichtungen beschließen. Dies kündigte Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) an.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lobte unterdessen den Hirtenbrief von Papst Benedikt XVI. Ihr Sprecher Ulrich Wilhelm sagte am Montag in Berlin: „Die Bundeskanzlerin begrüßt, dass der Papst sowohl die Wiedergutmachung geschehenen Unrechts als auch die Notwendigkeit besserer Prävention für die Zukunft offen anspricht.“ (Siehe auch: Dokumentation: Der Hirtenbrief von Papst Benedikt XVI.)

Für die Kanzlerin gelte unverändert das, was sie in der vergangenen Woche im Bundestag gesagt habe. „Klarheit und Wahrheit sind das, was die Opfer, aber auch die Gesellschaft als Ganzes brauchen“, sagte Wilhelm. In dem am Samstag veröffentlichen Schreiben an die Katholiken in Irland hatte der Papst den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche „aufrichtig bedauert“.

Am 23. April wollen Frau Leutheusser-Schnarrenberger und die Ministerinnen für Familie und für Bildung, Kristina Schröder und Annette Schavan (beide CDU), einen Runden Tisch der Regierung zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle starten. Kanzlerin Merkel hatte sich für ein einheitliches Vorgehen eingesetzt, nachdem es längere Debatten zwischen den drei Ministerien über den richtigen Ansatz gegeben hatte. Der gemeinsame Runde Tisch soll sich sowohl mit dem Thema Prävention als auch mit den justizpolitischen Folgerungen wie zum Beispiel Verjährungsfristen befassen.

Nach Angaben von Wilhelm begrüßt die Kanzlerin die Erklärung der bayerischen katholischen Bischöfe aus der vergangenen Woche zum Umgang mit Missbrauchsfällen. Sie habe „unmissverständlich deutlich gemacht, dass die innerkirchliche Behandlung von bekanntwerdenden Missbrauchsfällen“, verändert werden müsse. Die Erklärung sei „sehr wichtig“ - auch mit Blick auf die Überarbeitung der entsprechenden Leitlinien innerhalb der deutschen Bischofskonferenz, sagte Wilhelm.

Leutheusser-Schnarrenberger hält das Vorgehen der bayerischen Bischöfe zur Aufklärung von Missbrauchsfällen für beispielhaft. „Der Beschluss der bayerischen Bischofskonferenz eröffnet allen deutschen Diözesen einen neuen Weg“, sagte sie der „Berliner Zeitung“.

Die katholischen Bischöfe in Bayern fordern eine juristische Meldepflicht bei jedem Verdacht auf sexuellen Missbrauch in der Kirche. Die Leitlinien der deutschen Bischofskonferenz verpflichten die Kirche bisher nur bei einem erhärteten Verdacht und bei nicht verjährten Fällen, die Staatsanwaltschaft einzuschalten.

Leutheusser-Schnarrenberger sagte in der „Frankfurter Rundschau“, für sie sei entscheidend, dass die katholische Kirche bereit sei, künftig bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch ganz eng mit der Staatsanwaltschaft zusammenzuarbeiten. „Diese Erwartung habe ich im Übrigen nicht allein der katholischen Kirche, sondern allen Institutionen gegenüber“, sagte sie. Das Thema solle auch bei ihrem Treffen mit dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, am 15. April angesprochen werden.

Die Bundesvorsitzende von Bündnis 90 / Die Grünen, Claudia Roth, zeigte sich enttäuscht, dass der Papst in seinem Hirtenbrief nicht ausdrücklich die Straftaten katholischer Geistlicher in Deutschland erwähnt habe: „Das ist ein schwerer Fehler, den das Oberhaupt der katholischen Kirche begeht.“

Quelle: FAZ.NET mit D.D. sowie dpa
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