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Kriminalität Wir sind Jonny

Die Kriminalstatistik sagt: Die Gewalt nimmt ab. Aber über die Angst spricht niemand. Im öffentlichen Raum wurden jeden Tag etwa 175 Menschen geschlagen und getreten.

Beginnen wir mit Zahlen: In dieser Woche ist die Polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2012 erschienen. „Deutschland zählt international zu den sichersten Ländern“, sagte Bundesinnenminister Friedrich. 2012 gab es 195 143 Fälle von Gewaltkriminalität. Das heißt: Mord, Totschlag, Raub, Vergewaltigung, Körperverletzung. 2011 waren es 197.030 Fälle. Bei der Gewaltkriminalität Jugendlicher gab es 2012 einen Rückgang von 14,6 Prozent (27 095 Tatverdächtige) und bei der gefährlichen und schweren Körperverletzung sogar einen Rückgang um 16,5 Prozent auf 21 066 Tatverdächtige. Auch bei Heranwachsenden zwischen 18 und 21 Jahren sind die Zahlen rückläufig. Im öffentlichen Raum, sprich auf Straßen, Wegen und Plätzen, gab es 63 978 Fälle von gefährlicher und schwerer Körperverletzung (im Vorjahr waren es noch 67 398). Klingt doch alles toll. Oder wie Friedrich es ausdrückte: „Der erneute Rückgang der Fallzahlen zeigt, dass die vielfältigen Bemühungen zur Bekämpfung von Gewaltkriminalität Früchte tragen.“ Einfacher gesagt: Die Gewalt in Deutschland nimmt laut Statistik ab.

Philip Eppelsheim Folgen:  

Drücken wir die Zahlen mal anders aus: 2012 wurden in Deutschland an jedem einzelnen Tag ungefähr 535 Menschen ermordet, totgeschlagen, vergewaltigt, zusammengeschlagen oder ausgeraubt. Und im öffentlichen Raum wurden jeden Tag etwa 175 Menschen zusammengeschlagen und zusammengetreten. Klingt jetzt nicht mehr so toll. Ach ja, noch zwei Zahlen: 81 Menschen wurden im vergangenen Jahr totgeprügelt. Körperverletzung mit Todesfolge heißt das in der Statistik. 2011 waren es 75. Das klingt jetzt ziemlich niederschmetternd.

Aber genug von Zahlen. In Berlin stehen derzeit sechs junge Männer vor Gericht. Sie sollen im Oktober 2012 Jonny K. totgeprügelt haben. Jonny K. war 20 Jahre alt. Er starb an Gehirnblutungen. Die Täter sollen ihn laut Staatsanwaltschaft völlig grundlos geschlagen und getreten haben, mehrmals gegen den Kopf - hätte es einen Grund gegeben, hätte das die Tat allerdings auch nicht besser gemacht. Die Schwester von Jonny K. war im Krankenhaus bei ihrem Bruder. Auf der Internetseite des Vereins „I Am Jonny“ schreibt sie über den Moment, in dem ihr Bruder starb: „Ich glaube, ich habe mich in diesem Moment schon entschieden, etwas tun zu wollen, tun zu müssen. Ich hatte das Bedürfnis, mich zu bewegen, aufzustehen, den Menschen zu sagen oder auch zu zeigen, dass man mir meinen Bruder genommen hat. Dass man mir mein schlagendes Herz aus der Brust gerissen hat. Einfach so, ohne Vorwarnung, ohne Grund.“ Weiter schreibt sie: „Wir sind davon überzeugt, dass sich etwas an unserer immer skrupelloser werdenden Gesellschaft verändern muss. Wir sind Menschen, die sich einsetzen möchten für ein sichereres Berlin, in dem wir keine Angst haben müssen wenn Freunde, Familie oder Kinder draußen sind.“ Ein Ort, an dem man keine Angst haben muss - um Freunde, Familie oder Kinder. Wann muss man keine Angst haben? International zählt Deutschland zu den sichersten Ländern. Deutschland ist nicht Afghanistan und auch nicht Somalia. Aber muss man deshalb keine Angst haben? Darf man keine Angst haben? Kann das eine Statistik ausdrücken? 67.398 oder 63.978 Fälle im Jahr, 75 oder 81 Totgeprügelte?

Jeder Name zählt

In Frankfurt ist am vergangenen Wochenende ein sechzehn Jahre alter Junge von einer Gruppe Jugendlicher und junger Männer fast totgeschlagen worden. Als der Junge am Boden lag, schlugen und traten die Angreifer einfach weiter. Der Sechzehnjährige erlitt einen Schädelbruch und Hirnblutungen. Es ging bei dem Überfall übrigens um ein Mädchen, so zumindest der bisherige Ermittlungsstand. Manchmal geht es auch um ein falsches Wort oder um einen falschen Blick, oder es erwischt einen, weil er einfach zur falschen Zeit am falschen Ort ist. So war es bei Jonny K. „I Am Jonny“ - jedem kann es wie ihm ergehen. Und jeder kann zu einer Zahl in der Kriminalstatistik werden.

Amadeu Antonio, Darius Ekbatani, Giuseppe Marcone, Fabian Salar Saremi, Luca Barbarotto, Aziz Güler, Daniel Siefert, Dominik Brunner, Jonny K.

Das sind Namen von Menschen, die sich hinter den Statistiken verbergen, und mit diesen Namen beginnt ein Video des Vereins „I Am Jonny“. „Wir fordern Veränderung“ heißt das Video. Prominente wie Sibel Kekilli und Jürgen Vogel haben darin mitgewirkt. Nun doch noch eine Zahl: Mehr als 71.000 Videoaufrufe gab es innerhalb von einem Monat. Ist das viel oder wenig? Sagt das etwas aus darüber, wie viele Leute Angst haben oder wie viele sich sicher fühlen, einen Ort gefunden haben, an dem man keine Angst haben muss - um Freunde, Familie oder Kinder. Die Schwester von Jonny K. schreibt „von unserer immer skrupelloser werdenden Gesellschaft“. Laut Kriminalstatistik stimmt das nicht. Aber die sagt nichts aus über die Angst. Doch die ist es, die zählt. Und jeder Name.

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Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 19.05.2013, 14:51 Uhr