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Kriegsgräber : Wo Leid auf Leid trifft

Auf der Kriegsgräberstätte im böhmischen Eger Bild: dpa

Im böhmischen Eger endete an diesem Wochenende ein Skandal mit einem Akt der Versöhnung: 65 Jahre nach dem Krieg fanden dort mehrere tausend tote deutsche Soldaten die letzte Ruhe. Jahrelang waren ihre Gebeine hin- und hergeschoben worden - weil keine Gemeinde sie bestatten wollte.

          Es ist noch nicht viel Gras über den Gräbern gewachsen. Die Erde zwischen den Reihen gibt noch leicht nach, wenn man sie betritt. Auf den Kreuzen aus hellem Granit, von Deutschen und Tschechen, Soldaten wie freiwilligen Helfern in die böhmische Erde gesetzt, haben sich noch keine Flechten niedergelassen, obwohl die meisten der Grabsteine das Todesjahr 1945 zeigen. Hunderte von ihnen stehen hier wie auf dem Schachbrett, und dieses Bild führt in diesem Fall nicht vollkommen in die Irre. Umringt wird das Gräberfeld von alten Bäumen, einer neuen Mauer und, an diesem strahlend schönen Spätsommertag, von einem Spalier aus Fahnen, die deutsche Kameradschafts- und Kriegervereine über die Grenze gebracht haben. So sieht in der beschaulichen Hügellandschaft des Egerlandes das Ende einer Odyssee aus - einer Odyssee der Toten. Fünfeinhalbtausend Menschen liegen hier auf dem alten Egerer Friedhof begraben, an der Straße nach Karlsbad und nur eine Handvoll Kilometer vom Grenzübergang zu Bayern entfernt, der eigentlich keiner mehr ist. 2734 der Toten konnte wieder ein Name gegeben werden.

          Es handelt sich hauptsächlich um die sterblichen Überreste von Wehrmachtssoldaten, aber auch von mehr als vierhundert Zivilisten, die gegen und auch noch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf tschechischem Boden umgekommen sind. Jahrelang wurden die vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge an 145 Orten geborgenen Gebeine zwischen tschechischen Lagerhäusern und alten Bunkern der Armee hin- und hergeschoben. Keine tschechische Gemeinde hatte sich danach gedrängt, die ehemaligen Okkupanten, mitunter aber auch nur ehemalige Mitbürger, in ihren Grenzen zu bestatten. Auf dem alten Egerer Gottesacker, auf dem über Jahrhunderte hinweg die deutschen Bewohner der ehemaligen Reichsstadt beerdigt worden waren, sollen sie jetzt endlich die ewige Ruhe finden. Unter den dreitausend Menschen, die zur Einweihung dieser elften und voraussichtlich letzten deutschen Kriegsgräberstätte in der Tschechischen Republik kamen, sind nicht wenige, die zum ersten Mal am Grab eines Angehörigen stehen, den sie schon vor 65 Jahren verloren haben.

          Mitte der neunziger Jahre sollten schon einmal die sterblichen Überreste von 1750 im Zweiten Weltkrieg in Böhmen gefallenen deutschen Soldaten in Cheb, wie Eger auf Tschechisch heißt, bestattet werden. Der Friedhof bot damals noch ein Bild der Verwüstung. Nach der Vertreibung der Deutschen hatten die in das entleerte Egerland einziehenden Tschechen ihren Hass auch an den Gräbern, Gruften und Särgen der einstigen Bewohner ausgelassen - „ewige Ruhe“ war an diesem Ort ein relativer Begriff. Aber auch nach dem Fall des kommunistischen Regimes wollte man hier keine Deutschen mehr haben, nicht einmal tote. Rechts- und Linksextremisten verbreiteten Schauergeschichten über einen „Nazi-Heldenfriedhof“. Auch weniger radikale Zeitgenossen schlugen vor, die alten Knochen doch lieber gleich nach Deutschland zu schaffen. Schließlich wurden die Pappsärge mit den Gebeinen mitunter blutjunger Soldaten, die in Eger in einer alten Lagerhalle aufbewahrt wurden, im nahegelegenen Marienbad beigesetzt.

          Fast 3000 Gäste aus Deutschland nahmen an der Einweihung der Kriegsgräberstätte teil
          Fast 3000 Gäste aus Deutschland nahmen an der Einweihung der Kriegsgräberstätte teil : Bild: dpa

          Immer wieder mussten die Gebeine zwischengelagert werden

          Doch der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge fand und findet weiter sterbliche Überreste von deutschen Soldaten in tschechischer Erde. 180 000 Mann, hauptsächlich zur Heeresgruppe Mitte gehörend, sollen in Böhmen und Mähren gefallen sein, viele erst zum Ende des Krieges hin. Gut fünftausend „Grablageorte“ sind dem Volksbund bekannt. Viele der Toten wurden nicht einmal am Rande eines Friedhofs verscharrt. Gefunden werden können sie nur noch, solange die „Erlebnisgeneration“ noch Ort und Stunde benennen kann. Verhandlungen über die Nutzung eines alten deutschen Friedhofs in Prag als Sammelgrabstätte scheiterten am „Denkmalschutz“ und den, damit kommt man den wahren Gründen schon näher, hohen Kosten, finanzieller wie politischer Art.

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