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Kosovo Geschätzt oder zumindest respektiert

23.03.2005 ·  Im Zuge seiner zweitägigen Balkan-Reise besuchte Verteidigungsminister Peter Struck die deutschen Bundeswehrsoldaten im Kosovo. 3200 deutsche Soldaten der internationalen Schutztruppe der KFOR sind in Prizren im Einsatz.

Von Stephan Löwenstein, Prizren
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„Das ist eine Festung hier!“ Verteidigungsminister Struck verbirgt sein Staunen nicht, als er sich die Sicherungen für das Erzengelkloster im Süden des Kosovos zeigen und erläutern läßt. Vor einem Jahr hat hier ein wohlorganisierter Mob von Kosovo-Albanern die serbisch-orthodoxen Mönche und neun Bundeswehrsoldaten, die sie schützen sollten, bedrängt und bedroht, bis die Soldaten die Mönche in Sicherheit brachten und auch selbst abzogen, so daß die Albaner das Wohngebäude niederbrennen konnten.

Nun ist das Klostergelände in der schmalen Schlucht mit Sandsäcken und Kiesverschanzungen umgeben, die Brücke über den Gebirgsbach ist fast rundum mit Stacheldraht umwickelt, zwei Wachtürme wurden errichtet, Kontrollpunkte auf der Straße und zwei Hubschrauberlandeplätze sind eingerichtet worden. Hoch oben, in der mittelalterlichen Burgruine auf dem Fels über der Schlucht, späht ein Ausguck Tag und Nacht ins Tal hinunter, in Richtung Prizren, von wo damals die „Demonstranten“ mit Bussen herangebracht wurden.

Historisch-politische Bedeutung

Zwanzig Mann schützen nun die sechs oder acht Mönche, die wieder hier wohnen. In dem Kloster, das schon seit Jahrhunderten in Trümmern lag und in den neunziger Jahren wieder besiedelt wurde, ist ein Teil wieder bewohnbar gemacht worden, mit Geld aus Belgrad, wie einer der Mönche sagt. Die Stätte hat religiöse, damit verwoben derzeit aber vor allem historisch-politische Bedeutung. Ein ähnlicher Angriff auf das Kloster - davon konnte sich Struck überzeugen - wird vorerst nicht wieder vorkommen

Das liegt an der Sicherung, aber auch daran, daß den Kosovaren bewußt sein dürfte, wie schädlich das ihren Unabhängigkeitsbestrebungen wäre. Der Präsident der formal zu Serbien gehörenden Provinz, Ibrahim Rugova, machte den Wunsch nach voller Unabhängigkeit in seinem Gespräch mit dem deutschen Minister noch einmal deutlich. Daß Strucks Antwort seinen Vorstellungen nicht vollständig entsprach, darauf deutet Rugovas Hinweis in der anschließenden Stellungnahme hin, daß er vor allem auf die Unterstützung der Vereinigten Staaten rechne.

Struck hingegen mahnte, die Statusverhandlungen nicht „auf dem Rücken der Soldaten“ in die Länge zu ziehen. Er ist sich darüber im klaren, daß auch nach beendeten Statusverhandlungen die Soldaten nicht gleich abgezogen werden können.

Ruhig, aber labil

Noch vor einem Jahr - vor den Märzunruhen - hatte die Kfor-Stärke auf 7000 Mann verringert werden sollen. Jetzt stehen fast 19000 im Kosovo, davon 3250 Bundeswehrsoldaten. Die Lage wird von Soldaten als ruhig, aber labil eingeschätzt. Auf das Risiko wirken nicht nur die Ungewißheiten der Statusfrage, sondern auch die Bemühungen zur „Rücksiedlung“ von Minderheiten, also vor allem Serben, die organisierte Kriminalität, die das Kosovo fest im Griff hat, und die Tätigkeit des UN-Kriegsverbrechertribunals ein, wie General Roßmanith berichtet, der Befehlshaber des deutschen Kontingents und der multinationalen Brigade Südwest.

Als sich zuletzt der kosovarische Ministerpräsident Haradinaj dem Tribunal stellte und zudem der Jahrestag der Märzunruhen bevorstand, wurde „alles hochgefahren“, wie Soldaten berichten. Daß nichts geschehen sei, sei dem zu verdanken, aber auch der Tatsache, daß Haradinaj, der im Kosovo als Held verehrt werde, selbst zur Ruhe aufgerufen habe; doch könne die Lage schnell „kippen“, wenn Haradinaj nicht rasch, wie es sich die Albaner vorstellten, freigesprochen werde.

Verheerende Kommunikationsprobleme

Dabei fühlen sich die Soldaten der multinationalen Brigade - neben den Führungsnationen Deutschland und Italien sind mit wesentlichen Kontingenten Spanier, Österreicher, Türken, Schweizer, Georgier beteiligt - von der Bevölkerung insgesamt geschätzt oder zumindest respektiert. Schwieriger verhält es sich offenbar mit Angehörigen der Unmic-Polizei, die öfter auch Ziel von Anschlägen sei. Das Problem wird - auch von Unmic-Polizisten - mit „Mentalitätsfragen“ umschrieben, die sich etwa ergäben, wenn Polizisten aus Bangladesh oder Nigeria hochmütig gegenüber Kosovaren aufträten. Kommunikationsprobleme zwischen Kfor und Unmic sind als eine der Hauptursachen für das Desaster bei den Märzunruhen vor einem Jahr ausgemacht worden, als in der ganzen Provinz Kirchen und Klöster zerstört und auch Serben getötet wurden.

Ein wesentliches Stück weiter sind die Befriedungsbemühungen in Bosnien-Hercegovina, das Struck zuvor besucht hatte. Auch hier ist die Bundeswehr, was in der Wahrnehmung in Deutschland weit nach hinten gerückt ist, noch stark engagiert mit knapp 1100 Soldaten. Bis Ende dieses Jahres rechnet Struck damit, die Stärke um bis zu 200 Mann zu verringern. Im vergangenen Jahr trat an die Stelle der Nato-Mission Sfor die „European Force“ Eufor, die ihren Auftrag darin begreift, von der Stabilisierung zur Integration überzugehen.

Waffen-“Ernten“

Die anfängliche Befürchtung für die Akzeptanz in dem Land, die der scheidende deutsche Kommandeur Göbel mit den Gleichungen „EU = Unprofor = Srebrenica“ und „Nato = USA = Stärke und Beendigung des Krieges“ beschrieb, habe sich nicht bewahrheitet. Doch mag es nicht zuletzt diesem Umstand geschuldet sein, daß die Nato weiterhin mit einem eigenen Hauptquartier in dem Land vertreten ist, was Doppelstrukturen und Ineffizienzen mit sich bringt.

Zwar berichten die Eufor-Soldaten zufrieden von erfolgreichen Waffen-“Ernten“. Doch wird es als wichtigste Funktion angesehen, durch Präsenz Sicherheit zu vermitteln. Dem dient auch das seit vergangenem Sommer eingeführte „Lot“-System, wonach Gruppen von fünf bis zehn Soldaten inmitten der Bevölkerung „in der Fläche“ leben: Anwesenheit zeigen und Informationen gewinnen. Daß hier die Grenzen verschwimmen, die die Aufgaben von Soldaten bestimmen, scheint auch Struck klar zu sein.

Quelle: F.A.Z., 24.03.2005, Nr. 70 / Seite 4
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Jahrgang 1968, politischer Korrespondent in Berlin.

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