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Koranverteilungen in deutschen Städten Die Sache mit der Wahrheit

 ·  Kritik an den Absichten kommt bei ihnen nicht gut an: Salafisten verteilen Koran-Ausgaben in deutschen Städten - weil Allahs Wort die Wahrheit sei. Was sie wirklich wollen, verschleiern sie jedoch.

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© REUTERS Ein paar junge Männer, viele Korane: In mehreren deutschen Städten wurden am Samstag deutschsprachige Koran-Ausgaben verteilt

Es läuft gerade gut für die Männer mit den Koranen, als sich einer von ihnen einen Spaß erlaubt. Er nimmt ein Buch vom Tisch vor sich, ein schön gebundenes, dunkelblaues mit goldener Schrift darauf, es ist der Koran. Der Mann hält sich das Buch unter die Nase und sagt: „Riecht gut!“ Dann nimmt er ein anderes Buch in die Hand: das Neue Testament in einer billigen Taschenbuchausgabe. Er tut so, als schnuppere er auch daran, und stellt dann fest: „Nix!“ Die zwei jungen Männer hinter ihm kichern. „Stinkt noch nicht mal“, sagt einer von ihnen, alle drei lachen. Später wird ein Freund, der die Szene gefilmt hat, sein Video ins Internet stellen. Damit alle wissen, an welches Buch sie sich zu halten haben.

Ihren Stand, an dem sie im März in der Frankfurter Fußgängerzone Korane verteilten, hatten die Männer allerdings mit ganz anderen Worten angemeldet. Das „Aufzeigen von Gemeinsamkeiten der drei semitischen Religionen“ sei ihr Anliegen, hatten sie dem Ordnungsamt geschrieben. Auch über die „Gemeinsamkeiten der Heiligen Bücher (Bibel, Thora und Quran)“ wollten sie mit Passanten sprechen. Und „außerdem“, so stand da, sollten Korane verschenkt werden. Weil die Männer wussten, dass da, wo sie stehen wollten - vor dem größten Einkaufszentrum der größten Einkaufsstraße der Stadt - keine Infostände erlaubt waren, meldeten sie ihren Büchertisch einfach als Versammlung an, Teilnehmerzahl: vier. Das Ordnungsamt genehmigte den ersten Antrag, es genehmigte noch ein paar weitere, doch als klar war, dass da immer nur ein Infostand kommen würde und nie eine Versammlung, verbot es den Männern, ihren Büchertisch vor dem Kaufhaus aufzustellen. Die Männer kommen jetzt mit Umhängetaschen, in denen sie die Korane mitbringen.

300.000 Korane sind schon gedruckt worden

25 Millionen davon will der Initiator der bundesweiten Aktion, der Kölner Ibrahim Abu Nagie, an die Deutschen verteilen lassen. In Videobotschaften hat er alle Muslime aufgefordert, sich an seinem Projekt zu beteiligen, mit Geldspenden oder persönlichem Einsatz. Und viele Gläubige folgen ihm, denn sie verehren Abu Nagie, er ist ein bekannter Prediger. Wer ihn nicht verehrt, könnte auch sagen: ein Hassprediger.

Abu Nagie, der palästinensischer Herkunft ist und vor etwa 30 Jahren nach Deutschland kam, gilt als einer der obersten Salafisten in Deutschland, als wichtiges Mitglied eines riesigen Islamisten-Netzes, das weit über die Grenzen Deutschlands hinausreicht. Abu Nagie befürworte die „Vernichtung Andersgläubiger“, meint der Verfassungsschutz, der ihn genau beobachtet. Und er missioniere. Möglichst viele Deutsche versuche er für den Salafismus zu gewinnen, um den Extremismus zu verbreiten. In den Koranen, die seit einem halben Jahr Samstag für Samstag in deutschen Städten verschenkt werden, steht als Herausgeber Ibrahim Abu Nagie, 50765 Köln. 300.000 Stück sind schon gedruckt worden.

Wer möchte und ein bisschen Glück hat, kann mit Abu Nagie persönlich über den Koran sprechen. Man muss dafür nur die Telefonnummer wählen, die auf seiner Internetseite „Die wahre Religion“ angegeben ist. Dann meldet sich nach langem Klingeln manchmal eine leise, freundliche Stimme mit „Abu Nagie“. Die Stimme hört man auch in vielen Videos auf der Seite, die „Andrea und Francesco nehmen den Islam an“ heißen, „1/3 der Europäer sind psychisch krank“ oder „Die Allianz der Irreführung“, und in denen der Prediger seinen Anhängern die Welt, wie er sie sieht, erklärt. Gern erzählt er am Telefon, wie er auf die Idee kam, jeden Haushalt in Deutschland mit einem Koran auszustatten. „Wir haben festgestellt, dass in vielen Bibliotheken gefälschte Übersetzungen des Korans sind“, sagt er. Als jemand, der seine Religion liebe, sei er verpflichtet, sie zu verteidigen. Außerdem sei Allahs Wort für alle Menschen das beste Geschenk ihres Lebens.

„Ehrliche Menschen, die nach der Wahrheit suchen“

Abu Nagie redet sich in Fahrt. Wer nicht Allah diene, sei ein Tier „und kann sich gleich einen Psychiater suchen“. Muslime, die Deutschen schmeicheln wollten, indem sie deren Religionen als gleichwertig bezeichneten, seien Verräter. „Christen, Juden kommen in die Hölle, wenn sie den Islam nicht annehmen! Wenn wir uns am Jüngsten Tag treffen, werden Sie sehen, dass ich recht habe.“ Ein Hassprediger sei er natürlich nicht, sagt der Salafist, denn dann würde er ja nicht den Koran kostenlos an die Kuffar - die „Ungläubigen“ - verteilen, um sie zu retten. Allerdings gibt er zu, das nicht etwa aus Nächstenliebe zu tun. Allah habe es befohlen und werde am Jüngsten Tag fragen: Warum habt ihr den Menschen nicht die Wahrheit gesagt? So sage er ihnen jetzt eben die Wahrheit.

Von seinem Erfolg ist der Islamist überzeugt - trotz der „Falschmeldungen“ in der Presse, die ihm oft nur schaden wolle. „Ich war bei mehr als zwanzig Infoständen. Das Lächeln in den Gesichtern der Menschen werde ich nicht vergessen“, sagt Abu Nagie, er macht eine Kunstpause. „Da sind viele ehrliche Menschen, die nach der Wahrheit suchen.“ So sehr sei er schon seit Jahren um diese Menschen bemüht, dass er darüber nicht einmal mehr Zeit finde, seinen eigenen Kindern Arabisch beizubringen. Ein großer Einsatz für die Rettung der Ungläubigen, soll das wohl bedeuten. Dann verabschiedet sich Abu Nagie. Er habe 30.000 Menschen in Deutschland zu „betreuen“, sein Telefon klingele Tag und Nacht.

Auf jedem Plakat, Tasche und Flyer steht eine Internetadresse

Viele Muslime lieben Abu Nagie - sogar, wenn sie selbst sich nicht zu den Salafisten zählen. Die meisten von denen, die für ihn Korane in den Städten verteilen, kennen den Prediger gar nicht persönlich. Sie haben bloß die Bücher und den 2,20 Meter großen Tisch abgeholt, die weiße Tischdecke, die Plakate und die Aufsteller dafür. All das hält der Verein „Die wahre Religion“ für sie bereit, denn es soll möglichst einfach und billig sein zu helfen. Sogar einen Brief für die Anmeldung eines Infostandes kann jeder herunterladen. „Für ein besseres Miteinander“, steht da ganz oben. Und alle Aktivisten sagen, es sei doch nichts dabei, ein paar Korane zu verschenken an die, die welche haben wollten.

Der Verfassungsschutz ist aber im Internet auf Videos gestoßen, die mehr zeigen. An Infoständen würden auch direkt Konversionen zum Islam durchgeführt, heißt es in einem Bericht. Und auf jedem Plakat, jeder Tasche, jedem T-Shirt, jedem Flyer zur Koran-Verteilaktion steht eine Internetadresse. Wer sie aufruft und auf den Facebook-Button klickt, landet direkt beim Auftritt von „Die wahre Religion“. Und damit bei Ibrahim Abu Nagie. Für alle, die sich genug seiner Missionierungsvideos angesehen haben, steht auf der Startseite auch die Nummer des „Konversion-Telefons“.

Kritik an den Absichten hinter der Koran-Verteilung kommt beim Initiator und seinen Aktivisten nicht gut an. Ein Deutsch-Tunesier veröffentlichte in dieser Woche ein Drohvideo gegen zwei Journalisten, die namentlich genannt und als „Affen“ und „Schweine“ bezeichnet wurden. Und eine Offenbacher SPD-Politikerin, die am Karsamstag in der Nähe eines Infostandes Flugblätter verteilt hatte, um auf die Gefahren des Islamismus hinzuweisen, wurde von Salafisten auf der Straße als „Tier“, „Zecke“, „schlimmer als Adolf Hitler“ beschimpft. Andere Einschüchterungsversuche folgten. Am vergangenen Samstag stand die Politikerin wieder da - und brachte noch ein paar Genossen mit.

„Dem Fundamentalismus keine Chance“

Sigrid Herrmann-Marschall ist eine hochgewachsene Frau mit langen, roten Haaren, die langen Fingernägel trägt sie gerade hellblau lackiert, und falls sie Angst vor den Islamisten hat, lässt sie sich das nicht anmerken. „Ich hatte auch schon Nazis vorm Haus stehen“, sagt Herrmann-Marschall; es ist nicht das erste Mal, dass sie sich gegen Extremisten engagiert.

Eigentlich ist die Diplom-Biologin Unterbezirkssprecherin für Umweltschutz in Offenbach - und Atheistin. Aber mit dem Islam beschäftige sie sich schon seit fünfzehn Jahren, sagt sie. Und als sie am Karfreitag nicht einschlafen konnte, im Internet surfte und las, dass die Salafisten aus Frankfurt am nächsten Tag nach Offenbach ausweichen wollten, war die Sache für sie klar. Sie schrieb einen kleinen Text auf ihrem Laptop, Überschrift: „Dem Fundamentalismus keine Chance“, unten klein ihr Name und ihre Adresse, druckte ihn ein paar Dutzend mal auf weißem Papier aus und schloss die Augen. Der nächste Tag könnte Kraft kosten, dachte sie.

So war es auch. Von 15 bis 20 Uhr stand sie in der Fußgängerzone, nur ein paar Meter entfernt vom Stand mit den Koranen. Drei Konvertiten hätten ihn aufgebaut, mit ihnen sei sie noch ins Gespräch gekommen, erinnert sich Herrmann-Marschall. Zwei der drei jungen Männer hätten ihr ein wenig über sich erzählt: dass sie beide ohne Vater aufgewachsen seien, dass sie im Islam Halt und Sinn fänden. Der dritte Mann sei aggressiv gewesen, habe sie aufgefordert zu gehen und sie nachgeäfft.

Harmlos waren die Männer in der Fußgängerzone nicht

Später, als schon acht bis zehn Männer am Stand waren, kam ein Mann von dort zu ihr, forderte ein Flugblatt, und als sie es ihm gab, warf er es demonstrativ in den Müll. Dann verlangte er grinsend das nächste. Ein paar zehnjährigen Jungs, die sich Korane geholt hatten, wollte Herrmann-Marschall auch ihre Zettel geben. „Von Ungläubigen nehmen wir nichts an“, hätten sie voller Verachtung zu ihr gesagt, erinnert sich die Politikerin, „das war super erschreckend, denn das waren ja noch Kinder.“ Ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes, der kam, um sich ein Bild vom Infostand zu machen, habe ihr geraten, bei Gefahr in ein nahegelegenes Geschäft zu flüchten. So weit sei es aber nicht gekommen.

Harmlos waren die Männer in der Fußgängerzone indes nicht. Einige von ihnen erkannte Herrmann-Marschall später in Videos auf Youtube wieder: Es waren Mitglieder des salafistischen Vereins „DawaFFM“ aus Frankfurt, der schon länger vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Er ist einer der Knotenpunkte des islamistischen Netzes in Deutschland. Zu ihm gehören auch die Männer, die im März noch auf der Frankfurter Einkaufsstraße Zeil ihren Infostand aufbauten - und die seit einigen Wochen in andere hessische Städte ziehen, um auch da Koran-Ausgaben zu verteilen.

In Wiesbaden meldeten im März an vier Samstagen vier Männer „aus dem Frankfurter Raum“ einen Infostand an, der auch genehmigt wurde. Als Privatpersonen hätten sie die Anträge gestellt, erinnert sich ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes. Aber alle hätten dieselbe E-Mail-Adresse angegeben, die eines Vereins, allerdings nicht von „DawaFFM“. Und auch sie behaupteten, die „Gemeinsamkeiten der drei semitischen Religionen“ aufzeigen zu wollen - um dann die blauen Koran-Ausgaben von Abu Nagie zu verteilen.

„1500 Bestellungen für den kostenlosen Koran“

Sigrid Herrmann-Marschall ist wütend über diese Tricks. Auf ihrem Flugblatt warnt sie vor den Aktivisten, die „labile junge Menschen in ihren Bann“ ziehen wollten. Bei vielen ist ihnen das schon gelungen: Im Internet feuern sie einander an, trotz der Kritik weiterzumachen. „Möglichkeiten gibt es immer, den Koran zu verteilen, da brauchen wir uns wirklich keine Sorgen zu machen“, schreibt einer auf der Facebook-Seite von „Die wahre Religion“. Schließe sich eine Tür, öffne Allah zehn andere. „Vor sechzig Jahren war Anti-Juden-Propaganda, jetzt Islam“, schreibt ein anderer, und viele loben die „Brüder und Schwestern“ für ihren unermüdlichen Einsatz.

Auch Ibrahim Abu Nagie feuert seine Mitstreiter an. „Liebe Geschwister im Islam, wir haben seit gestern mehr als 1500 Bestellungen für den kostenlosen Koran von Nicht-Muslimen erhalten“, schrieb er am Freitag auf Facebook. Auf den Straßen hielten sich die Salafisten an diesem Samstag allerdings zurück: In mehreren der 35 Städte, in denen sie Infostände angemeldet hatten, bauten sie dann doch keine auf. Nach Offenbach kamen sie. Vier junge Männer, viele Korane - und zwanzig Meter entfernt stand Sigrid Herrmann-Marschall. Sie gehe erst, wenn der Stand wieder abgebaut sei, sagt sie. „Alles andere verbietet mir mein Stolz.“

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