28.02.2008 · Der Ölgroßhändler Manfred Seel war einmal Mitglied der SPD, jetzt führt er die Linkspartei in die bayerischen Kommunalwahlen. Links sein bedeute für ihn nicht, arm zu sein, sondern gegen Armut zu kämpfen, sagt er.
Von Timo FraschAls Manfred Seel, Spitzenkandidat der Linkspartei in Asbach-Bäumenheim und im Kreis Donau-Ries, auf dem Podium der Schmutterhalle steht, ist er ganz in seinem Element: Er, der drei Bürgermeisterwahlen verloren hat, darf vor mehreren hundert Leuten Oskar Lafontaine begrüßen, während der CSU-Bürgermeister nicht weit entfernt mit Gewerbetreibenden und Vereinsvorsitzenden Kesselspeck isst.
Der 53 Jahre alte Seel ist Gemeinderat in Asbach-Bäumenheim. Die Mitbestimmung über Gartenzäune, Straßenlampen und Umgehungsstraßen war ihm aber noch nie genug. Im Jahr 2004, als Lafontaine, ebenfalls ein Mann fürs große Ganze, längst nicht mehr Finanzminister und Gerhard Schröder gerade noch Kanzler war, hatte Seel beiden seine weltpolitischen Ansichten mitgeteilt. In dem Papier „Der Weg zurück zur Sozialen Marktwirtschaft“ referierte er über Keynes, den Monetarismus und die Regulierung der Finanzmärkte. Er hielt es sogar für angebracht, den beiden Politikern den Begriff „Fiskalpolitik“ zu erklären. Schröder ließ ihm damals über den stellvertretenden Leiter des Kanzlerbüros mitteilen, dass er sich zwar über die „konstruktiven“ Vorschläge freue, ihrer Verwirklichung aber allerlei Sachzwänge entgegenstünden. Von Lafontaine erhielt Seel eine kurze, handschriftliche Mitteilung: „Lieber Manfred, vielen Dank für das Thesenpapier. Ich stimme zu. Herzliche Grüße von der Saar. Dein Oskar Lafontaine.“
Nach dem SPD-Austritt soll Scheel bei den Grünen vorstellig gewesen sein
Seel war da schon nicht mehr in der SPD - weil seine frühere Partei auf einen „neoliberalen“ Kurs eingeschwenkt sei. Als Lafontaine, der 2005 austrat, 1999 Knall auf Fall seinen Rücktritt als Minister und Parteivorsitzender bekanntgegeben hatte, hat das die Sozialdemokratie erschüttert. Auch Seels Austritt im Jahr 2003 war etwas für die große Bühne. Zwar hatte es zuvor zwischen ihm und seinen SPD-Fraktionskollegen immer wieder Konflikte gegeben, jedoch eher über Macht- als über inhaltliche Fragen, wie der heutige Vorsitzende des SPD-Ortsverbands Christian Scholz sagt. Dass Seel ohne Ankündigung gehen würde, damit habe keiner gerechnet.
2005 trat Seel der Augsburger WASG bei, am 5. Juli 2007 gründete er seinen eigenen Linkspartei-Kreisverband: um gegen die Agenda 2010 zu kämpfen, für gerechte Steuern, Löhne und Renten, wie Seel sagt. Dafür hätte er nicht zur Linkspartei gehen müssen, sagt Scholz. Seel sagt, die SPD sei in der Gemeinde zum Steigbügelhalter der CSU geworden. Scholz sagt, auf kommunaler Ebene müsse man konstruktiv zusammenarbeiten. Es gebe im Übrigen Hinweise darauf, dass Seel nach seinem SPD-Austritt zumindest auch bei den Grünen vorstellig geworden sei. Aus zweiter Hand habe er sogar gehört, dass Seel - nur halb im Spaß - auch bei der CSU angeklopft habe. Als besonders links sei er jedenfalls nie aufgefallen, sagt Scholz. Der CSU-Bürgermeister Otto Uhl sagt: „Dem Seel ging es nur darum, eine neue Plattform zu haben.“ Sicher ist, dass Seel bei der SPD keine Karriereaussichten mehr beschieden waren: Nicht nur die drei Bürgermeisterwahlen - Seel spricht zunächst von zwei - hatte er verloren, sondern auch die Wahl zum Unterbezirksvorsitzenden. Ihm gehe es um die Sache, nicht um die Karriere, sagt Seel.
Die SPD ist in Asbach-Bäumenheim stark verankert
Er ist am Ort ein bekannter Mann, in Asbach-Bäumenheim geboren. Sein Vater, ebenfalls langjähriger SPD-Gemeinderat, hatte hier einen Kohlen- und Mineralölhandel, den der Junior in den neunziger Jahren übernahm und zu einem mittelständischen Unternehmen mit zwei Tankstellen, vier Öllastwagen und mehr als zwanzig Mitarbeitern ausbaute. Damit gehört Seels Firma noch zu den kleineren in der Gemeinde, die es bei 4500 Einwohnern auf etwa 2500 Industriearbeitsplätze bringt. Die Traktorenfirma Fendt-Agco und der Maschinenbauer Grenzebach haben hier Produktionsstätten, die Arbeitslosigkeit liegt bei weniger als vier Prozent. Die SPD ist in Asbach-Bäumenheim stark verankert, einmal hatte sie im Gemeinderat sogar die absolute Mehrheit. Der SPD-Ortsverein habe mehr Mitglieder als der der CSU, sagt Scholz. Seel, der 1992 auf Einladung der SPD in Moskau war, weil er für seinen Kreisverband die meisten neuen Mitglieder in ganz Bayern angeworben hatte, sagt, selbst die Linkspartei sei am Ort inzwischen stärker als die SPD. Der Seel-Virus gehe wieder um in Asbach-Bäumenheim.
Seel hat dort ein schönes Haus samt geerbtem Anwesen, auf das er „stolz“ sei, auch wenn er sich nichts darauf einbilde. Links sein bedeute für ihn nicht, arm zu sein, sondern gegen Armut zu kämpfen, sagt Seel. Seiner Firma gehe es gut, er wolle expandieren. Das werde ihm aber vom Gemeinderat schwergemacht. Als er sich mit der Nachbargemeinde schon auf den Bau einer weiteren Tankstelle geeinigt hatte, ließen die Asbach-Bäumenheimer den entsprechenden Bebauungsplan gerichtlich kippen. „Ein kleiner Verfahrensfehler war schuld“, sagt Seel. Bürgermeister Uhl bestätigt das. Scholz sagt, das Vorhaben Seels wäre auch so ein Eingriff „in unsere Planungshoheit“ gewesen. Im Übrigen habe Seel, der sich immer so umweltbewusst gebe, die Tankstelle nahe einem Bach bauen wollen. Nahe? Seel spricht von 400 bis 500 Metern.
Oskar Lafontaine macht Parteifreunden Mut für die Kommunalwahl
Seel sagt, aus dem Gemeinderat komme keiner mehr zu seiner Tankstelle - außer die alleinstehende Erika Müller, die mit einer 400-Euro-Stelle bei ihm ihre Rente aufbessert und mit ihm zusammen von der SPD zur Linkspartei wechselte. Scholz sagt, selbst wenn er wollte, er dürfte nicht mehr bei Seel tanken. Als er bei seinem früheren Parteifreund nach dessen SPD-Austritt Wahlkampfmaterial abholen wollte, das der Partei gehörte, habe Seel ihm Hausverbot erteilt.
Oskar Lafontaine wird bei Seel dagegen herzlich aufgenommen. Der Linkspartei-Vorsitzende ist an einem Samstag angereist, um seinen Parteifreunden Mut für die anstehenden bayerischen Kommunalwahlen zu machen. So hoher Besuch kommt nicht alle Tage nach Asbach-Bäumenheim. Dennoch hat Bürgermeister Uhl, der 2006 zusammen mit 14 der 16 Gemeinderäte Seel wegen übler Nachrede erfolgreich verklagte - es ging um den Vorwurf der Begünstigung von Uhls Bruder bei einem Grundstücksgeschäft -, Lafontaine keinen Empfang im Rathaus gewährt. Das sei im Wahlkampf nicht üblich, sagt Uhl. Auch die bayerische CSU-Sozialministerin Stewens habe sich bei ihrem Besuch im November nicht ins Goldene Buch eingetragen. Außerdem habe er schon lange das traditionelle Kesselspeckessen geplant gehabt. Einen Mann wie Lafontaine so zu behandeln sei schäbig, sagt Seel.
Am Abend des Lafontaine-Besuchs haben sich vielleicht zwanzig Anhänger der Linkspartei in den Büroräumen von Seels Firma versammelt: der Bürgermeisterkandidat, den manche für eine Alibilösung halten. Ein Bankier, der nicht genannt werden will, weil er wegen seiner Parteipräferenz Angst um seine Stelle habe. Die kleine Tochter und die Frau Manfred Seels, die auch auf der Kreistagsliste der Linkspartei steht. Sogar zwei Genossen aus Brandenburg sind gekommen. Einer von ihnen zeigt seine Unterarme, auf denen mehrere weiße Flecken zu sehen sind. „Ausgedrückte Zigaretten“, sagt er. Er habe 20 Monate lang in Stasi-Gefängnissen gesessen. Nach Bayern sei er gekommen, um den Demonstranten von der Jungen Union, die sich für den Abend angesagt haben, zu zeigen, was Widerstand gegen die SED bedeute.
Die Linkspartei wähnt sich zur Zeit auf einer Woge des Erfolgs
Lafontaine kommt an diesem Tag aus der Münchner Freiheizhalle - zuerst sagt er „Freizeithalle“ -, wo ihm Hunderte von Leuten zugejubelt hätten. Die Linkspartei wähnt sich gegenwärtig auf einer Woge des Erfolgs. In drei Landtage ist sie binnen weniger Wochen eingezogen. Bayern sei mit Niedersachsen vergleichbar, sagt Lafontaine. Dort habe man vor der Landtagswahl auch keine allzu großen Erwartungen gehabt. Dass die Linkspartei in Umfragen für Bayern bei gerade einmal drei Prozent liegt und bei den Kommunalwahlen auf Kreisebene nur in 14 von 96 Kreisen und kreisfreien Städten überhaupt Kandidaten aufgestellt hat, verschweigt er.
Als Seel Lafontaine durch sein Büro führt, liegt dort schon der Zettel bereit: „Lieber Manfred, ich stimme zu.“ Seel sagt, er habe auf einen Zeitungsbericht hin eine Morddrohung erhalten. Das kenne er, sagt Lafontaine. Seel sagt, dass Doris Schröder-Köpf, die Frau Gerhard Schröders, ganz aus der Nähe stamme und ganz nett sei. Lafontaine sagt, auch Frau Merkel sei ganz nett. „Was heißt hier ganz nett?“, fragen die Genossen aus dem Osten, die um den Schreibtisch stehen. Sie sei in der FDJ als „Sekretärin für Agitation und Propaganda“ tätig gewesen. Das müsse man mal thematisieren. Lafontaine sagt: Ich habe mich immer schon gefragt, wo die Frau Merkel das gelernt hat.
Lafontaine „der gefährlichste Mann Europas“
Eine gute Stunde später, gegen 19.30 Uhr, zieht Lafontaine zum bayerischen Defiliermarsch in die Schmutterhalle ein. Die Ellgauer Blaskapelle, angeblich die vierte, bei der Seel angefragt hat, spielt auf. Die drei anderen Kapellen, sagt Seel, als er auf der Bühne steht, seien aus unterschiedlichen Gründen nicht gekommen: Skiurlaub, Klauseln in der Satzung. „Ausreden“, sagt Seel.
Dann geht der „gefährlichste Mann Europas“ , wie er von Seel vorgestellt wird, ans Mikrofon. Lafontaine wettert gegen Zumwinkel, geißelt die Leiharbeit und empört sich über den Niedriglohnsektor. Schließlich kommt er auf die Außenpolitik zu sprechen. Blair und Bush seien Terroristen, und Merkel verstricke Deutschland immer weiter in den Krieg, sagt er. Im Publikum sitzt ein junger Soldat, der auf der Kreistagsliste der Linkspartei steht. Demnächst soll er ins Kosovo. „Für Willy Brandt war Krieg die Ultima irratio“, ruft Lafontaine. „Das sind die 20 Prozent, bei denen ich mit der Linkspartei nicht übereinstimme“, sagt der Soldat.
Am Sonntag wird gewählt. Von den vielen, die auf der Gemeinderats- oder Kreistagsliste der Linkspartei stehen - der Soldat, ein Großlandwirt, ein pensionierter Oberstudienrat, ein Bäcker und angeblich keine DKP-Mitglieder -, wird nach Einschätzung aller Parteien zumindest einer ein Mandat bekommen: Manfred Seel.
Kluge Bevölkerungsteile in Bayern
Philipp Schwab (PhilippSchwab)
- 29.02.2008, 01:44 Uhr
Vielen Dank!
Ralf Hofner (Ralf2008)
- 29.02.2008, 20:31 Uhr
Lafontaine, die FAZ, Verschweigen und die ganze Wahrheit
Peter Müller (PM-Magazin)
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Wolfgang G. Runte (Wolluc)
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