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Neue Wertediskussion : Die Helden der Leitkultur

Die wahren Helden der Leitkultur sind diejenigen, die sie weitergeben – und oft selbst Einwanderer. Bild: dpa

Vor Jahren witterten Linke hinter dem Begriff „Leitkultur“ noch blanken Rassismus. In Zeiten der Flüchtlingskrise ist das heute völlig anders. Seltsam nur, dass sich die Grünen überhaupt so lange dagegen gesperrt haben.

          Sogar politische Wunder sind dann und wann möglich. Gerade macht die Linke ihren Frieden mit der „Leitkultur“. Nach nur 15 Jahren! Raed Saleh, der SPD-Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus, erwartet von den in diesen Wochen und Monaten in großer Zahl nach Deutschland kommenden Flüchtlingen, dass sie sich an „unsere gemeinsamen Werte“ und an „unsere Leitkultur“ halten. Es dürfe keine Zeit verloren werden, die Debatte darüber zu führen, wohin man gemeinsam wolle, welche Klammer künftig die Gesellschaft zusammenhalten könne. Und auch dezidiert linke Publizisten bekennen nun: Wir brauchen eine Leitkultur. Heftig sei einst über das „schlimme L-Wort“ gestritten worden. Nun stelle sich heraus: Wenn es eine solche Leitkultur nicht gäbe, dann sei es höchste Zeit, sie zu erfinden. Selbst im Eingeständnis des eigenen Scheiterns wird noch die Deutungsmacht darüber beansprucht, was in Deutschland als gut zu gelten habe.

          Dabei waren es Linke, die es lange Zeit sehr gut verstanden, eine Leitkultur-Debatte abzuwürgen. Als der damalige Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Friedrich Merz, im Oktober 2000 Regeln für Einwanderung und Integration, eine freiheitlich-demokratische Leitkultur forderte, griffen die Grünen umgehend zu einer der giftigsten Debatten-Waffen: dem Xenophobie-Vorwurf. Es sei ein „Feuerwerk des Rassismus“ aus der Union zu befürchten, hieß es damals. Mit dem „Gefasel von der deutschen Leitkultur“ habe Merz „die ersten Raketen gezündet“. Das Feuerwerk blieb dann ebenso aus wie ein breiter Diskurs.

          Fünf Jahre später forderte Norbert Lammert, die voreilig abgebrochene Debatte fortzusetzen. Präzise beschrieb der Bundestagspräsident das Paradox: Obwohl – oder vielleicht gerade weil – sich schon im Jahr 2000 herausgestellt hatte, dass es eine breite Zustimmung für das gab, worum es in der Debatte ging, wurde der Begriff Leitkultur reflexartig abgelehnt.

          Grundgesetz und Weihnachten

          Die Grünen entdeckten im Abwehrkampf erstaunlicherweise sogar den Patriotismus. Im Grundgesetz stehe alles drin, was man brauche für das Zusammenleben, sagte etwa Cem Özdemir vor einigen Jahren im Gespräch mit der F.A.Z. Schon damals allerdings gab es Parallelgesellschaften in Deutschland, schon damals war klar, dass ein reiner Verfassungspatriotismus nicht ausreicht als Rahmen für eine vielfältige, „multikulturelle“ Gesellschaft. Schon damals war klar, dass der demokratische Rechtsstaat sich Respekt verschaffen muss, weil Multikulti sonst nichts anderes ist als Larifari.

          In Zeiten der ungesteuerten Massenzuwanderung genügt es nun natürlich noch viel weniger, Neuankömmlingen im Notaufnahmelager ein übersetztes Grundgesetz in die Hand zu drücken und darauf zu hoffen, dass sich seine leitende Kraft schon irgendwie allein übertrage. Auch Özdemir hat das erkannt. Er plädiert dafür, jedem Flüchtling bei seiner Ankunft ein ausführliches Informationspaket zu überreichen. In der Sprache der Flüchtlinge solle erklärt werden, wie das deutsche Schul- und das Gesundheitssystem funktionieren, was Weihnachten bedeutet, was die wichtigsten Ereignisse der deutschen Geschichte sind und was das Grundgesetz ausmacht.

          Werte und Traditionen im Infopaket

          Özdemir schlägt also nichts anderes vor als eine Art Starterpaket „Leitkultur“. Eine gute Idee, die umso besser funktioniert, je konkreter Neuankömmlingen klargemacht wird, dass es beim Lesen nicht bleiben kann. Zum Beispiel: Männer und Frauen sind gleichberechtigt, weshalb Mädchen selbstverständlich am Schwimmunterricht und an Klassenfahrten teilnehmen. „Ehrenmorde“ an Töchtern und Schwestern, die ihre Partner gerne allein wählen und ihr eigenes Leben leben wollen, sind ein übles Verbrechen. Ja, Leitkultur hat auch viel mit Frauenrechten zu tun. Seltsam, dass sich gerade Grüne trotzdem so lange gegen den Begriff gewehrt haben.

          Wer sich wenigstens dann und wann an der Basis der sozialen Wirklichkeit umschaut, weiß ohnehin, dass es ohne Leitkultur nicht geht. Seit Jahren schon arbeiten unzählige Helden des Leitkultur-Alltags hart an dem, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Es ist die Lehrerin in der Auffangklasse, die Kindern aus zig Nationen gleichzeitig binnen weniger Monate Deutsch beibringt und damit die Grundlage legt, dass sich ganze Familien in ihrem neuen Umfeld überhaupt orientieren können. Es ist die Erzieherin, die morgens ein Roma-Kind von zu Hause abholt und damit eine wichtige Leitkultur-Regel durchsetzt: die Schulpflicht. Es ist der Sozialarbeiter, der sich um jugendliche Flüchtlinge kümmert, die ganz allein nach Deutschland gekommen sind. Von ihm bekommen sie Orientierung, sie wollen wissen, wo es langgeht, welche Regeln gelten.

          Ohne diese Führung würden auch diese Flüchtlinge bald ihre eigenen Regeln aufstellen, manche vielleicht auf die schiefe Bahn geraten. Dass manche Helden der Leitkultur selbst ausländische Wurzeln haben, erweist sich als Segen. Denn solange es noch keine Leitkultur-Infopakete gibt, sind allein sie es, die den Neuankömmlingen muttersprachliche Werte-Grundkurse verpassen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

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          Quelle: F.A.Z.

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