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CSU-Kommentar : Gefühlte Volkspartei

Auch mal schrill: Der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe Alexander Dobrindt Bild: dpa

Der Ruf von Alexander Dobrindt nach einer „konservativen Revolution“ sollte vor allem eines: Staub aufwirbeln. Er war zwar schrill, doch hat das in Vergangenheit der CSU durchaus genützt.

          Es hat nie jemand behauptet, dass der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Alexander Dobrindt, ein Feingeist sei, auch er selbst nicht. Sein jüngster Gastbeitrag für die Zeitung „Die Welt“, in dem er sich polemisch mit den Ideen von 1968 auseinandersetzt, besteht zu einem Gutteil aus Geraune und zeugt von mangelnder begrifflicher Sensibilität. Dobrindt verlangt eine „konservative Revolution“, nicht wissend oder ausblendend, dass der Terminus für eine antidemokratische geistige Strömung in der Weimarer Republik geprägt wurde, die manchem als ein Wegbereiter für den Nationalsozialismus gilt.

          Es handelt sich hier allerdings um den Text eines Politikers und nicht um den eines Wissenschaftlers. Dobrindt wollte Staub aufwirbeln. Das ist, wie sein Parteivorsitzender Horst Seehofer sagte, geradezu die „Pflicht“ eines Landesgruppenchefs zur Winterklausur. Und es hat funktioniert. Wie zum Beweis, dass es die von Dobrindt behauptete irgendwie linke Meinungsvorherrschaft tatsächlich gibt, schlossen sich etwa auf Twitter die Reihen zur empörten und arg humorlosen Verteidigung des Erbes von 1968. Dass man sich dabei der Mühe unterzogen hätte, zu überlegen, ob die CSU bei allem Klamauk vielleicht doch auch einen Punkt hat, kann man nicht behaupten.

          Dabei hätte es sich lohnen können. Dobrindt befindet sich mit seiner Kritik jedenfalls nicht ausschließlich in Gesellschaft von Volldeppen. Der liberale Philosoph Hermann Lübbe etwa hat von einer „Neigung zur retrospektiven moralischen Selbstverklärung der 68er Bewegung“ gesprochen. Und Peter Furth, Doktorvater von Rudi Dutschke, sagte zum 40. Jubiläum der Revolte: Ihr Antiautoritarismus sei brutal und destruktiv gewesen. Er habe das Ziel verfolgt, „alle vermittelnden Instanzen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft – Familie, politische und juristische Institutionen, Traditionen, Ethnien – zu entwerten. Die Folge ist, dass der Einzelne unmittelbar und schutzlos den Kräften des Marktes ausgesetzt ist und nur die Stärksten überleben.“

          Nun kann man sich wieder aufregen und twittern, Furth sei ein Renegat, habe bei den falschen Verlagen publiziert oder vor den falschen Leuten Vorträge gehalten. Aber diese Debatten – und damit sind wir wieder bei Dobrindt und der CSU – sind den allermeisten Leuten in Straubing, Kempten oder Coburg so fremd wie einst den Arbeitern von Opel das revolutionäre Gelaber von Joschka Fischer und Co. Wer sich heute auf einem Dorffest an einen Biertisch setzt oder zu Hause bei der Familienfeier aufmerksam zuhört, der kann sich schon ungefähr vorstellen, worum es den meisten Leuten geht: dass sie eine vernünftige Rente bekommen, dass sie ohne Angst nachts auf die Straße können, dass für sie als Doppelverdiener vielleicht mal ein eigenes Häuschen drin ist.

          Es kommt aber noch etwas dazu, was man, negativ, als Stimmung bezeichnen kann, positiv als Gefühl: Fühlt man sich anerkannt? Fühlt man sich gerecht behandelt? Fühlt man sich wohlbehaust? Bei der CSU fühlten sich viele zuletzt nicht mehr wohlbehaust. Das scheint die Partei erkannt zu haben. Sie will wieder Volkspartei werden, nicht nur prozentual, sondern auch gefühlt. Dobrindts Beitrag dazu ist sicher schrill, aber mit dieser Methode hat er 2013 als Generalsekretär immerhin dazu beigetragen, dass die CSU die absolute Mehrheit zurückgeholt hat.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

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