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Zum Tod Helmut Kohls : Ein großer Kanzler

Kanzler der Einheit: Bundeskanzler Helmut Kohl winkt am 20. Februar 1990 bei einer Wahlkampfveranstaltung in Erfurt vor einem Meer von Deutschlandfahnen der Menge zu. Bild: dpa

Helmut Kohl hinterlässt ein gewaltiges politisches Werk. Er wusste wie kein Zweiter die Chance zur Einheit zu nutzen und sie mit der europäischen Einigung zu verweben.

          Als Helmut Kohl am 1. Oktober 1982 mittels eines konstruktiven Misstrauensvotums zum sechsten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt wurde, glaubten nicht viele, dass sie Zeugen einer langen und bedeutenden Amtszeit werden würden. Nicht allein Franz Josef Strauß war der Ansicht, dass „dem Oggersheimer“ das Format dafür fehle. Kohl wurde als Provinzler verspottet, der sich schon mit seinem Vorhaben übernommen habe, den Regierungswechsel in einer vorgezogenen Wahl im März des folgenden Jahres bestätigen zu lassen. Das werde die kürzeste Kanzlerschaft aller Zeiten, unkte man damals nicht nur in den Reihen in der Opposition.

          Kohl strafte all diese Stimmen Lügen. Er blieb sechzehn Jahre lang Regierungschef, länger als jeder vor ihm und bisher jede nach ihm. Auch seine politischen Leistungen und Verdienste halten den Vergleich mit jedem anderen Bundeskanzler aus. Adenauer war der Kanzler des Wiederaufbaus und der Westbindung, Brandt der Kanzler der Ostverträge. Keiner von beiden konnte aber auch nur davon träumen, „Kanzler der Einheit“ zu werden. Das blieb Kohl vorbehalten, der kein Phantast war, das Ziel der Wiedervereinigung aber auch nicht wie viele seiner Zeitgenossen von der politischen Agenda gestrichen hatte. Anders als andere Politiker musste er im Sommer 1989 nicht erst den Schock überwinden, dass das Undenkbare plötzlich nicht nur denkbar, sondern sogar machbar erschien. Als der Ostblock zerfiel und die Mauer Risse bekam, wusste Kohl die einmalige historische Chance zu nutzen.

          Kohl als Verkörperung des verlässlichen Deutschen

          Die Voraussetzungen dafür hatte er geschaffen, ohne ahnen zu können, dass sie ihm eines Tages bei der Überwindung der deutschen Teilung hilfreich sein würden. Die wichtigste davon war Vertrauen. Kohl verkörperte für das Ausland nicht mehr den hässlichen, sondern den verlässlichen Deutschen. Ihm glaubte man, dass Deutschland seine Lektionen aus zwei Weltkriegen gelernt hat. Ihm nahm man ab, dass sein Bekenntnis zu einem vereinten Europa tiefster innerer Überzeugung entsprang.

          Kohl gehörte der Generation an, die den Zweiten Weltkrieg als Kind erlebte. Er sprach oft davon, wie sehr diese Zeit und das Schicksal seines gefallenen Bruders sein europapolitisches Denken beeinflussten. In dessen Zentrum stand, ganz in der Tradition der Gründungsväter der europäischen Einigung, das Verhältnis zu Frankreich. Nie wieder sollten Umstände eintreten können, in denen sich Deutsche und Franzosen als Feinde gegenüberstehen würden. Die Lösung hieß auch für Kohl: Integration, und zwar unumkehrbare Integration. Die Währungsunion war ihm, da die Politische Union nicht im Bereich des Möglichen lag, die Garantie für diese Unumkehrbarkeit. Eine gemeinsame Währung erschien ihm auch als wirksamstes Mittel, um den Nachbarn die Angst zu nehmen, das wiedervereinigte Deutschland könnte einen neuen Anlauf zur Beherrschung Europas beginnen. Diese Sorge trieb damals sogar enge Verbündete um. Reflexe dieser Angst vor deutscher Hegemonie sind auch in den gegenwärtigen europapolitischen Debatten noch auszumachen.

          „Kanzler der Einheit“ : Helmut Kohl ist tot

          Kohl hatte ein feines Gespür für die Seelenzustände der Partner und Verbündeten. Er wusste ihre Eigenheiten und Eitelkeiten zu nutzen. Wie Adenauer sprach er gerne davon, dass man „die Trikolore dreimal grüßen“ müsse. Doch auch die kleineren Nationen in Europa und ihre Repräsentanten behandelte er wie Ebenbürtige. Dass ein politisch wie ökonomisch kaum ins Gewicht fallender Staat wie Griechenland die EU in eine tiefe Krise würde stürzen können, konnte er sich so wenig vorstellen wie alle anderen.

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