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Erwartungen an Integration : Ihr seid Deutschland!

Anstoß der Debatte war das Treffen von Özil und Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Bild: Reuters

Von dem, der dazugehören will, wird etwas erwartet. Und wer den Eindruck erweckt, er wolle nur etwas von diesem Land, gehöre aber eigentlich nicht dazu, der darf sich über Fragen nicht wundern. Das ist kein Rassismus. Ein Kommentar.

          Es ist zweifellos erschütternd, was Mitbürger, Gäste, Freunde und Nachbarn wegen ihres Äußeren oder wegen ihres Namens im Alltag an Diskriminierungen erleben. Der deutsche Fußballnationalspieler Mesut Özil, der „in England lebende und arbeitende Multimillionär“ (Außenminister Heiko Maas), hat durch seine wortreiche, auf englisch abgefasste Rücktrittsbotschaft eine elektronische Pinnwand entstehen lassen, der auch Regierungsmitglieder die Ehre erweisen. Sprachlos machen vor allem die Demütigungen durch Lehrer, die dort geschildert werden. Viele liegen lange zurück, aber sie waren prägend.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“, „Staat und Recht“ sowie Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Was aber folgt daraus? Es gibt offenbar einen rassistischen Bodensatz in der Gesellschaft, der sich mitunter gewaltsam bemerkbar macht. Doch sollte die Özil-Debatte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Deutschland verändert hat. Seit Jahren herrscht eine neue öffentliche Wachsamkeit. So mag man die Kampagnen des Deutschen Fußballbundes ins Lächerliche ziehen. Aber die Sprache in den Stadien, die Transparente und Gesänge haben sich geändert. Offener Rassismus ist seltener geworden – und wo er sich zeigt, da muss der Täter zur Rede gestellt und auch angezeigt werden.

          Hier gilt es einzuschreiten anstatt zu viel Energie auf die klinisch reine Säuberung von Kinderbüchern und Apothekennamen zu verschwenden. Und nicht zu vergessen: Zigtausende Deutsche stellen sich seit Jahren, insbesondere seit dem Beginn der Flüchtlingskrise, selbstlos in den Dienst der Aufnahme und Integration von Flüchtlingen und Migranten, unabhängig von deren Herkunft und Schicksal. Deutschland ist kein rassistisches Land, sondern hilft Menschen aus aller Welt, die vor Rassisten, Frauen- und Homosexuellenhassern, vor Menschenfeinden und Kriegstreibern aller Art fliehen. Der deutsche Einsatz für Entwicklungshilfe, aber auch für den Internationalen Strafgerichtshof, zeugt von einem weltweiten Kampf für die Würde des Menschen und für die Gleichheit aller vor dem Recht – und zeigt ein Land, das sich wahrlich bemüht, aus der Geschichte zu lernen.

          Jeder Staat hat das Recht zu entscheiden, wen er unter welchen Bedingungen aufnimmt

          Die Werte des Grundgesetzes hat gewiss nicht jeder verinnerlicht; manche Einstellungen in der Bevölkerung wird man offenbar nicht (leicht) los. Aber auch hier muss man differenzieren. Skepsis gegenüber Fremden ist überall verbreitet. Sie kann sich an vielem entzünden und auch wieder weichen. Eine Diskriminierung aufgrund der Herkunft, der Mundart oder des Namens erfahren auch Deutsche in Deutschland.

          In Deutschland mag es besondere (Fehl)Vorstellungen von ethnischer Homogenität des Staatsvolkes geben. Aber dass überall sonst auf der Welt jeder Fremde mit offenen Armen empfangen würde, ist eine Mär. Offenbar werden zudem nicht alle Ausländer gleich behandelt. Wenn Italiener und Türken verschieden wahrgenommen werden, dann mag das mit Religion und Lebensweise zusammenhängen.

          Nun kann Integration niemandem befohlen werden – im Gegenteil. Jeder kann hierzulande leben, wie er will. Auch als Gruppe. Diese Freiheit findet ihre Grenze in der Freiheit der anderen und in sonstigen Werten von Verfassungsrang. Aber jeder Staat hat das Recht zu entscheiden, wen er unter welchen Bedingungen aufnimmt und wem er die Staatsangehörigkeit verleiht. Die Anerkennung der Rechtsordnung ist das eine – und das ist schon viel. Darüber hinaus hat das Gemeinwesen ein Interesse daran, dass jeder sich zu ihm bekennt, wie viele Herzen auch in seiner Brust schlagen mögen. Von dem, der dazu gehören will, von dem wird etwas erwartet.

          Was wichtiger ist als jeder Sprachtest

          Wer den Eindruck erweckt, er wolle nur etwas von diesem Land, er gehöre aber eigentlich nicht dazu, der darf sich über Fragen nicht wundern. Wenn Özil auch von Migranten, die in Deutschland hohe Ämter und Funktionen innehaben, als repräsentativ angesehen wird, dann gibt das in der Tat Anlass für Fragen. Gehören Menschen mit Migrationshintergrund wirklich nur dazu, „wenn wir gewinnen?“ Oder hat nicht auch Özil durch sein Verhalten unabhängig von den Begegnungen mit dem türkischen Präsidenten Erdogan deutlich gemacht, dass er nicht dazu gehören will, angefangen damit, dass er nicht für die Türkei, sondern für Deutschland spielte, weil er sich hier mehr sportliche Chancen ausrechnete, bis dahin, dass er die Nationalhymne nicht mitsang, was er anfangs mit seiner Herkunft begründete.

          Gerade das symbolisch aufgeladene Bekenntnis zu diesem Land, das mittlerweile auch bei Einbürgerungsfeiern abgelegt werden soll, ist wichtiger als jeder Sprachtest. Wer sich unter der Fahne einen kann, nimmt gerade auch jenen Nicht-Patrioten den Wind aus den Segeln, die „deutsch“ für eine Frage der Zugehörigkeit zu einer Ethnie halten. Das sind tatsächlich Rassisten.

          Schade, dass die Kritik an Rassismus selbst mit rassistischen Stereotypen wie dem „weißen Mann“ hantiert, der jetzt bitte schön zu schweigen habe. Offenbar ist die Faszination solcher Einstufungen von Menschen, ist die Pflege der Opferperspektive naheliegender als der Wille, Flagge zu zeigen. Vom Staat wiederum darf keine Selbstverleugnung verlangt werden, sondern das Signal: Ihr seid Deutschland!

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