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Kommentar Nur Verlierer

Die Affäre Schavan wirft abermals die Frage auf, wie mit Plagiaten umgegangen werden soll. Bei 25.000 Dissertationen im Jahr ist nicht damit zu rechnen, dass es sich bei allen um originelle Arbeiten handelt.

© reuters, Reuters Vergrößern Doktorgrad entzogen: Ministerin Schavan kündigt Klage an

Der Streit über die Dissertation der Bundesbildungsministerin hat nur Verlierer hervorgebracht. Keiner der unmittelbar Beteiligten geht unbeschadet daraus hervor. Das gilt für die Wissenschaftsministerin, die Universität Düsseldorf, die Wissenschaftsorganisationen und das Wissenschaftssystem als solches. So aufgeheizt wie die öffentliche Debatte verlief, konnte die Universität Düsseldorf nur den Doktorgrad entziehen. Eine Rüge ohne Entzug des Doktorgrades hätte ihr nur den Vorwurf eingebracht, bei der Wissenschaftsministerin größere Milde walten zu lassen und es mit den wissenschaftlichen Standards nicht so genau zu nehmen.

Heike Schmoll Folgen:    

Nach dem Bekanntwerden des internen Gutachtens im Oktober ist es der Universität allerdings nicht mehr gelungen, der Öffentlichkeit glaubhaft zu vermitteln, ein ergebnisoffenes und transparentes Verfahren zu führen. Sie hatte auch nicht den Mut, die Versäumnisse des Doktorvaters beim Namen zu nennen, der die Studentin nie solch ein Thema hätte bearbeiten lassen dürfen, sie an die gültigen Zitierregeln erinnern und ihre Einhaltung hätte prüfen müssen.

Es war eine vergiftete Diskussion, in dem sich eine Front zwischen Wissenschaftsfunktionären und Wissenschaftlern aufbaute. Die Funktionäre wurden wegen ihrer zu einem unglücklichen Zeitpunkt veröffentlichten Erklärung weitgehend als korrupte Kaste wahrgenommen. Allzu durchschaubar erschien vielen das Manöver, sich liebedienerisch zur Verteidigung der Ministerin aufzuschwingen, von deren Geld man abhängig ist. Die Allianz der großen Forschungsorganisationen mit der Hochschulrektorenkonferenz hätte in ihrem eigenen Interesse besser geschwiegen, im Falle Schavan und auch im Fall der Europaabgeordneten Koch-Mehrin, weil sie es riskiert hat, ihre eigene Unabhängigkeit aufs Spiel zu setzen.

© reuters, Reuters Vergrößern Plagiatsvorwürfe: Universität Düsseldorf erkennt Annette Schavan Doktorgrad ab

Im Fall Guttenberg waren die Fronten klarer, hier konnte die Wissenschaft ihre eigene Regelungs- und Handlungslogik gegenüber der Politik einklagen, im Falle Schavan war die Wissenschaft selbst gespalten, was nicht überrascht. Über die Tragweite der von niemandem mehr bestrittenen schweren handwerklichen Mängel und Plagiate herrscht Uneinigkeit, denn sie sind mit dem dreisten Abschreiben eines zu Guttenberg nicht vergleichbar. Die Wissenschaftler haben begonnen, schärfer darüber nachzudenken, welche Form von Paraphrase in einer Dissertation in die Grauzone des Plagiats reicht und wie eine gelungene und eigenständige Paraphrase aussehen könnte, die ihre Quellen nicht leugnet. Doch für solche Überlegungen ließ die Debatte schon lange keinen Raum mehr.

Freund-Feind-Denken

Das alles führte weg von Sachlichkeit, hin zum Rigorismus. Wer begründet eine andere Auffassung vertrat oder Differenzierungen einforderte, wurde entweder dem Freundschaftsnetzwerk der Ministerin zugeordnet oder unterlief angeblich die Regeln des Wissenschaftssystems. Was blieb, war Freund-Feind-Denken. Dabei zweifelt niemand daran, dass die Wissenschaft davon lebt, dass sie für die Einhaltung ihrer Regeln sorgt, weil es um nichts weniger geht als um Erkenntnis. Aber die Wissenschaft ist auch auf differenzierte Urteile angewiesen, mit laxem Regelverständnis hat das nichts zu tun. Sollte sich der inhaltsleere Formalismus der computergestützten Plagiatssuche durchsetzen, wird es geisteswissenschaftliche Dissertationen in dieser Form nicht mehr geben können. Bei 25.000 Dissertationen im Jahr ist nicht damit zu rechnen, dass es sich in allen Fällen um originelle Arbeiten handelt, die das eigene Fach voranbringen. Wie wäre es, mit der Zulassung zur Promotion strenger zu sein und die Anzahl von Promovierten endlich nicht mehr erbsenzählend als besondere Leistung eines Professors zu bewerten?

Die Plagiatsaffäre Schavan, die in Ländern wie Frankreich mit Unverständnis und Lächeln verfolgt wird, hat eine Bedeutung erlangt, die ihr nicht zukommt. Sie wirft die Frage auf, wie künftig mit Plagiaten umzugehen ist, die mehrere Jahrzehnte zurückliegen. Ist es angemessen und verhältnismäßig, dass die Schludrigkeit einer beflissenen Schülerarbeit, die nie als Dissertation hätte angenommen werden dürfen, länger verfolgt wird als Straftaten, die nach 33 Jahren längst verjährt sind? Wer sieht sich alle Dissertationen der jeweils betroffenen Zeit und der Fächer an und bestimmt darüber, wem der Doktorgrad abzuerkennen ist? Anonyme Jäger? Oder sollten Kandidaten mit geisteswissenschaftlichen Dissertationen künftig einen weiten Bogen machen um politische Ämter, weil sie befürchten müssen, dass auch in ihrer Dissertation unkorrekte Zitate, falsch gesetzte Anmerkungen oder eine fehlende Quellenangabe gefunden wird?

Der Ombudsman der Wissenschaft ist schon vor geraumer Zeit für eine Verjährungsfrist bei Plagiaten nach etwa zehn Jahren eingetreten. Darüber wird in der nächsten Zeit nachzudenken sein. Frau Schavan betrifft das nicht mehr. Sie hat das kommunikative Desaster mit ungeschickten Äußerungen selbst verursacht, aus dem sie schwer herauskommen dürfte. Wer sich im Falle Guttenberg fremd schämt, wird sich auch selbst schämen müssen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 06.02.2013, 15:23 Uhr