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Kommentar : Die Wut der Friedenskinder

Diese griechischen Rentner haben allen Grund verärgert zu sein. Aber warum sind die Alten in Deutschland so wütend? Bild: Reuters

Viele der sogenannten „Wutbürger“ sind eigentlich Wutrentner. Woher kommt die neue Altersradikalität? Warum glauben Leute, denen es so gutgeht, dass vieles so schlecht ist?

          Unlängst wurde des Kriegsendes gedacht, auch hier in Deutschland. 70 Jahre ist es her, dass diese Katastrophe endete. Ihr Beginn liegt noch viel weiter zurück. Die Schreckenszeit des zwanzigsten Jahrhunderts begann wohl mit den Balkan-Kriegen: 1912. Das sind nun schon über hundert Jahre. Kein lebender Mensch hat daran noch Erinnerungen. Aber auch an den Zweiten Weltkrieg erinnern sich nicht mehr viele: Die Trümmerfrauen sind fast alle tot, und nur wenige Soldaten von damals leben noch. Auch die „Flakhelfer-Generation“ - der Geburtsjahrgänge um 1930 - ist schon sehr ausgedünnt. Das sind die Hochbetagten unter den Rentnern von heute.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sieben Jahrzehnte Frieden: Das bedeutet eben auch, dass von den knapp 17 Millionen Senioren in Deutschland die älteren im Kriege noch Kinder waren, während jene, die siebzig Jahre und jünger sind, ihr gesamtes Leben im Frieden verbracht haben. Unter den Rentnern von heute ist schon ein starker Anteil der Friedenskinder, und der wird in den nächsten Jahren rapide wachsen. An der Frage von Krieg und Frieden gemessen, handelt es sich um die glücklichste Generation in der Geschichte Europas seit unvordenklicher Zeit. Denn da hat es nicht viele Menschen gegeben, die im Frieden geboren wurden, im Frieden gelebt haben und im Frieden sterben durften.

          Die verdienten Früchte der Arbeit

          Krieg? Es war einmal. Gewiss, das kollektive Gedächtnis bewahrt ihn in öffentlichen Ritualen und den Webmustern privater Überlieferung. In manchen zerschlagenen Familien zeugen sich seine Verheerungen fort bis ins dritte und vierte Glied. Doch das wird immer weniger gewusst, immer weniger gefühlt, das Sentiment entweicht unerbittlich wie aus den Alben vergilbter Bilder, die Gesichter zeigen, die niemand mehr kennt.

          Vor fünfzig Jahren, als jene noch nicht mal alt waren, die jetzt tot sind, warf der Krieg einen mächtigen Schatten. Überall, gleich ob in der Stadt oder auf dem Land, traf man die Versehrten: Männer, denen Hände, Arme, Beine fehlten. Der Nachbar harkte am Samstag den Rasen, die braune Lederhand hatte er abgeschraubt, er führte den Rechen mit Stumpf und Haken. Der Onkel lehnte zur Nacht seine Beinprothese an den Tisch. Großvaters nackter Rücken war übersät mit Narben von Splittern und Kugeln - und Graten, wo ihm Rippen fehlten. Viele Männer humpelten damals auf sonderbar kleinen Füßen in handwerklich gefertigten klobigen Schuhen; die Zehen waren ihnen abgefroren im Winterfeldzug. Jeder sah das, jeder kannte das; es war auch eine allgegenwärtige Quelle der Angst für die Kinder: Nicht nur der Schatten des Krieges lag über dem Land, sondern auch die scheußlichen Abdrücke, die er in die Leiber der Menschen geschnitten hatte. Mit ihnen sind diese Abdrücke aus der Gesellschaft verschwunden: und damit seine Allgegenwart, der Blick in seinen Rachen, endlich der Schatten.

          Mit den Alten von damals haben die Senioren von heute - außer dem Alter - wenig gemein. Ja, nicht einmal das, denn sie werden viel älter. Einmal abgesehen von den Grausamkeiten des Krieges, die den jüngeren von ihnen erspart blieben, haben sich die Bedingungen der Arbeit für sie schon grundlegend geändert. Die Tages-, Wochen- und schließlich die Lebensarbeitszeit hat sich verkürzt. Der Ruhestand dagegen dauert lang und länger: für manche gar zwischen zwei und drei Jahrzehnten. Die Senioren von heute sind, wie mehrere gerade veröffentlichte Studien wieder ergeben haben, darüber hinaus fit und gesund. Der Ruhestand bedeutet für sie nicht nur Rückzug, sondern auch Erweiterung. Sie genießen die verdienten Früchte ihrer Arbeit.

          Seltsam ist allerdings die überkritische Haltung gegenüber den öffentlichen Dingen, die man in dieser Generation zunehmend antrifft. Es ist ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber Personen und Institutionen, das da Platz greift - eine verbreitete Neigung, das Kind mit dem Bade auszuschütten und am liebsten noch das Badezimmer mit. Natürlich gibt es Missstände aller Art in Deutschland; aber dass sie nun gerade eine Generation am stärksten zu beschäftigen scheinen, die es besser hatte als alle vor ihr, das ist schwer zu erklären. Viele der sogenannten „Wutbürger“ sind eigentlich Wutrentner. Woher die neue Altersradikalität? Warum glauben Leute, denen es so gutgeht, dass vieles so schlecht ist?

          Wenn man mit den fitten, jungen Alten spricht, insbesondere Männern, dann merkt man, dass ihnen die Verantwortung von früher fehlt. Sie hatten etwas zu sagen, man hat auf sie gehört. Sie trafen Entscheidungen, die wurden umgesetzt. Nun sind sie nicht mehr dabei, zwar wohlhabend, aber nicht wichtig. Vielleicht kommt daher diese Wut: dass die Leute einfach noch nicht alt genug sind für das Alter und die Altersmilde; nicht mit dem Körper und nicht mit dem Kopf. Vielleicht wäre ein Weg, wieder etwas Wichtiges zu tun, zum Beispiel in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Dort sind Menschen, für die es viel bedeutet, wenn sich mal jemand für eine Stunde zu ihnen setzt, sie im Rollstuhl in die Sonne schiebt, ein bisschen aus der Zeitung vorliest, plaudert - oder einfach da ist. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, aber das Tun bestimmt das Sein.

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