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Kommentar Sexuelle Übergriffe : Die Schuldvermutung

Es gibt noch viel zu tun: Sexualstraftaten sollten besonders in Abhängigkeitsverhältnissen schneller zur Anklage gebracht werden. Bild: dpa

Die oft grenzenlose Bewunderung für „große“ Männer (und Frauen) sollte überdacht werden.

          Fortschritt 2018: Ein deutsches Unternehmen empfiehlt seinen männlichen Mitarbeitern, im New Yorker Büro den Fahrstuhl zu verlassen, sollten sie dort mit einer Frau allein sein. Waren wir nicht schon mal weiter? Aber man kann ja nie wissen. Das Problem heute ist, dass es viele ganz genau zu wissen meinen.

          Dabei geht vieles durcheinander. Müsste man nicht eigentlich Frauen raten, Männer zu meiden, wenn diese denn alle tatsächlich (potentielle) Weinsteins sind? Lassen sich Täter und Opfer tatsächlich nur nach Geschlecht scheiden? Würden wir uns in anderen Zusammenhängen nicht jede Schuldzuweisung an ganze Gruppen verbitten? Doch wer wie der Schauspieler Matt Damon nur fordert, stets auf den Einzelfall zu schauen, der steht kurz vor einem Berufsverbot. Und weil Damon zudem zwischen einer Belästigung und einer Vergewaltigung unterscheiden will, auch wenn beides bestraft werden müsse, fordern nun Tausende, dass er aus einem neuen Film über starke Frauen herausgeschnitten werde.

          Im Zweifel also: schuldig! Es reicht, dass etwas in der Luft liegt, und selbst Vorwürfe, die vier Jahrzehnte zurückliegende Ereignisse betreffen, gelten als wahr. Nun gibt es tatsächlich gute Gründe, warum Missbrauchsopfer sich im Einzelfall nicht äußern. Sie werden bedroht, sie fürchten um ihren Job, sie fürchten, dass ihnen niemand glaubt, es ist ihnen peinlich. Das ist eine Frage von (Ohn-)Macht und von Strukturen. Aber wer etwa durch das Hollywood-System schon reich und berühmt wurde und dann jahrelang schweigt, der ist eben auch Teil des Systems.

          Aber es geht nicht nur um Hollywood. Generell ist es gut, dass die Opfer stärker in den Blick genommen werden. Aber man hilft keinem Missbrauchs- oder Vergewaltigungsopfer, wenn man auch vergleichsweise harmloses Verhalten in Empörungs-Hashtags mit Verbrechen auf eine Stufe stellt. Jede Kommunikation ist letztlich durch Herantasten und auch Zurückweisen geprägt. Da ist es schon erstaunlich, wenn gerade offenherzige Politikerinnen erwägen, das Hand-aufs-Knie-Legen unter Strafe zu stellen. Wer auf ein klares „Nein“ nicht reagiert, der ist in der Tat ein Fall für den Staatsanwalt. Aber vor jeder Annäherung ein ausdrückliches, am besten gerichtsverwertbares „Ja“ einzuholen, ist grotesk; das ist Ausdruck einer unfreien Gesellschaft, in der das Strafrecht nicht das letzte, sondern das erste Mittel ist.

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          Schon die jüngste Reform des deutschen Sexualstrafrechts bedeutete einen Paradigmenwechsel. Denn der bloße Wille wurde zum Anknüpfungspunkt der Strafbarkeit. Schon hier droht, in guter Absicht, eine unverhältnismäßige Kriminalisierung. Schon reicht ein Nichterkennen oder Missverstehen des Willens aus, um sich strafbar zu machen. Eine besondere kriminelle Energie ist für derartiges Fehlverhalten nicht nötig. Auf die Motivation des Opfers kommt es nicht an. Die ohnehin bei solchen Konstellationen vorhandenen Beweisschwierigkeiten nehmen nicht ab. Hier geht auch ein Stück Privatsphäre verloren.

          Das eigentliche Problem stellen Abhängigkeitsverhältnisse dar, und hier zeigt sich, dass selbst das Land mit den strengsten Antidiskriminierungsregeln am Arbeitsplatz offenbar so starke Defizite im menschlichen Umgang aufweist, dass sich sämtliche Abgeordnete des amerikanischen Repräsentantenhauses einen Anti-Sexismus-Kurs verordnet haben.

          Es geht vorwiegend gewiss um alte weiße Männer, aber doch in erster Linie um den Typ des Tycoons, der sich sein eigenes Recht schafft und gleichwohl (oder deshalb) auch von ansonsten „kritischen“ Medien angehimmelt wird. Diese oft grenzenlose Bewunderung für „große“ Männer, wie auch manchmal für Frauen, sollte überdacht werden, zumal auch Sturmgeschützführer der Demokratie als notorische Grapscher bekannt waren.

          Aber Macht ist relativ: Trifft ein alter Politiker eine junge Journalistin abends an der Bar, so ist die Frau strukturell eher überlegen; sie hat letztlich die Macht, wie der Fall Brüderle gezeigt hat.

          Die britische Journalistin Melissa Kite hat in einem Beitrag zur „Me too“-Kampagne, der hierzulande seinesgleichen sucht, bekannt, auch sie habe im Rahmen ihrer langjährigen Tätigkeit als Parlamentsreporterin die Hand auf ein Politikerknie gelegt. Dass sie Minister und Abgeordnete in die besten Restaurants eingeladen und sich in dunklen Fluren von Westminster an diese rangeschmissen habe. Manchmal sei auch mehr geschehen. Mitunter hätten sich Politiker in sie verliebt, auch ihr selbst sei das passiert. Sie habe sich in diesem Geschäft nie ausgenutzt gefühlt, wolle sich aber gern entschuldigen, falls sich jemand so fühle.

          Auch das ist Teil der Wahrheit. Es gibt noch viel zu tun, um Sexualstraftaten besonders in Abhängigkeitsverhältnissen zur Anklage zu bringen. Ein Generalverdacht oder eine Vermutung der Schuld gehören nicht dazu – im Sinne der Opfer.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“, „Staat und Recht“ sowie Frankfurter Allgemeine Einspruch.

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